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Geschichte

Die DDR im Schulbuch: Eine Fußnote der Geschichte?

"Misstraut gelegentlich euren Schulbüchern", hat Erich Kästner einmal gesagt. Eine Weisheit, die nicht an Aktualität eingebüßt hat, wie die Darlegung der deutsch-deutschen Geschichte in Schulbüchern zeigt.

Ein Geschichtsbuch für die 10. Klasse, ausgestellt am 29.11.2007 im Stadtmuseum in Berlin. (Foto: dpa)

Ein Land: Zwei Geschichten?

Wie war es wirklich? Eine objektive, ausgewogene Darstellung der Bundesrepublik und der DDR ist kaum möglich. Eine Erkenntnis, zu der Heike Mätzing, Dozentin an der TU Braunschweig, gekommen ist. "Schulbücher basieren auf Lehrplänen, die wiederum Konsensdokumente der Gesellschaft sind", sagt sie. "Das heißt, diese Schulbücher sind nationale Autobiographien, und sie spiegeln den Konsens im Geschichtsbild wider."

Die unkritischen 80er-Jahre

Und der gesellschaftliche Konsens zur Frage "Wie war es wirklich?", ist dynamisch. Er verschiebt sich. Die Geschichtswissenschaftlerin Mätzing hat sich intensiv mit der deutsch-deutschen Geschichte in Schulbüchern auseinandergesetzt. Ein Ergebnis: Mit dem Wandel der Mehrheitsmeinung änderten sich stets - wenn auch mit etwas Verzögerung - die Darlegungen in Schulbüchern. So sei in den 1980-er Jahren, als Deutschland noch durch die Mauer geteilt war, das Geschichtsbild von der Ostpolitik der sozialliberalen Koalition geprägt gewesen. Das Motto unter Bundeskanzler Willy Brandt (1969-74): "Wandel durch Annäherung." Die Konsequenz: In den deutschen Schulbüchern in Ost und West fand sich keinerlei Kritik am Nachbarn.

DDR-Staatschef Erich Honecker mit Bundeskanzler Helmut Kohl 1987 bei einem Besuch in Bonn, Foto: dpa

DDR-Staatschef Erich Honecker mit Bundeskanzler Helmut Kohl 1987 bei einem Besuch in Bonn

"Man akzeptierte die Zweistaatlichkeit ohne die DDR als Ausland anzuerkennen. Man findet in den Büchern der 1980-er Jahre nichts über den Staatssicherheitsdienst, nichts über Menschenrechtsverletzungen in der DDR. Das waren keine Themen. Das verbat sich einerseits aus dem politischen Umgang mit dem anderen deutschen Staat, aber auch, weil man letztlich viel zu wenig wusste", sagt die Historikerin Mätzing.

Die 90er: Tolle Bundesrepublik, Schmuddelkind DDR

Das änderte sich zu Beginn der 1990-er Jahre. Die Mauer war gefallen. Die DDR war gefallen. Der Sozialismus war gefallen. "Jetzt machte sich eine Siegermentalität breit, die besonders durch die wirtschaftliche Überlegenheit des kapitalistischen Systems sichtbar wurde. Es war im Grunde genommen der vermeintliche Sieg des besseren Systems", erklärt Mätzing den Wandel im gesellschaftlichen Verständnis, der Folgen für die Schulbücher hatte.

Es begann eine Phase der Marginalisierung der DDR-Geschichte. Der mittlerweile verstorbene Präsident der Pädagogischen Wissenschaften der DDR, Gerhart Neuner, legte 1999 wissenschaftlich dar, wie unausgewogen deutsche Schulbücher über die DDR und die Bundesrepublik berichten. In der Summe, so Neuner, habe dies stets so geklungen: "Die Bundesrepublik war und ist die prosperierende, überlegene Gesellschaft. (…) Die DDR hingegen war bereits, als sie ins Leben trat, zum Untergang verurteilt."

Nur noch ein Streifen ist da übrig geblieben, wo früher die Beriner Mauer stand. (Foto: dpa)

Weg war sie, die Mauer und aus zwei deutschen Staaten wurde einer. Was bleibt sind 40 Jahre unterschiedliche Perspektive

Christina Mätzing gibt Neuner Recht und spricht von einem teleologischen, zielorientierten Ansatz: "Alles wurde so dargestellt, als wäre die Geschichte der beiden deutschen Staaten von Beginn an zwangsläufig auf die Wiedervereinigung zugelaufen."

Millennium: Das gesamtdeutsche Bewusstsein

Die Wende in den Schulbüchern kommt erst mit dem Jahrtausendwechsel. Nach zehn Jahren Forschung über 40 Jahre Zweistaatlichkeit erreicht eine neue Schulbuchgeneration den Markt. Im Vordergrund steht eine neue Leitfrage, so Mätzing: "Wie kommen wir zu einem gesamtdeutschen Bewusstsein, zu einem gesamtdeutschen Geschichtsbewusstsein. In den Büchern spiegelt sich das darin wider, dass wir plötzlich allein von der Menge her eine politische Korrektheit verzeichnen können. Der Bundesrepublik und der DDR wird fast bis auf die Seite genau derselbe Umfang gewidmet."

Dem gesamtdeutschen Bewusstsein zum Opfer falle heute allerdings, zumindest in Teilen der rund 300 zugelassenen Schulgeschichtsbüchern in Deutschland, die umfassende und kritische Darstellung des Unrechtsystems der DDR, vor allem der Staatssicherheit, findet Mätzing.

Frau Dr. Heike Christina Mätzing. Dozentin an der TU Braunschweig.

Dr. Christina Mätzing

Die Herausforderung bleibt also: Wie zeigt man eine gemeinsame Vergangenheit, die durch den Mauerbau unterbrochen wurde, aber später weiterging? "Mein Plädoyer ist, diese deutsch-deutsche Geschichte nicht 1945 anfangen zu lassen, sondern einen Längsschnitt zu versuchen, der beispielsweise im Kaiserreich anfängt und dann zeigt, wie die deutsche Geschichte bis 1945 gemeinsam verlief, dann parallel und ab 1990 wieder gemeinsam."

Zumindest die quantitative Ausgewogenheit zwischen DDR und Bundesrepublik in deutschen Schulbüchern ist also erzielt. Das Bewusstsein einer gesamtdeutschen Geschichte hängt allerdings kaum mit der Qualität der Schulbücher zusammen, meint Mätzing. "Was im Unterricht abläuft, was bei den Schülern aus den Schulbüchern ankommt, ist ein ganz eigenes Thema." Geschichtsbilder entstünden heute vielmehr durch Filme, die Medien und vor allem durch die Familie – auch hier darf also, ganz im Sinne Kästners, misstraut und hinterfragt werden.

Autor: Benjamin Wüst

Redaktion: Dеnnis Stutе