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Alltagsdeutsch – Podcast

Die Cowboys der Straße

Fernfahrer genießen den Ruf, unabhängig zu sein – wie Cowboys. Ihr Leben auf dem Bock ist jedoch bestimmt von großem Zeitdruck und einem ungeregelten Familienleben. Gut, wenn man sich dann mal "ausquatschen" kann.

Sprecher:
Die Theken und Regale in deutschen Supermärkten sind gut gefüllt mit Käse aus Frankreich, Apfelsinen aus Spanien oder Oliven aus Italien. Um Geschäfte mit diesen Waren und vielen anderen Dingen zu versorgen, legen Fernfahrer jedes Jahr Tausende von Kilometern zurück. Natürlich transportieren sie nicht nur Lebensmittel. Von der Schraube bis zum Fertighaus wird heute alles auf den LKW geladen. Und die Männer, die die großen Lastzüge steuern, haben einen anstrengenden Beruf. Warum wird man Fernfahrer, und wie sieht es wirklich aus, das Leben auf sechs bis zwölf Rädern? Diesen Fragen ist unsere Reporterin nachgegangen.

Sprecherin:
Fernfahrer zu sein, ist kein Beruf wie jeder andere. Von morgens bis abends unterwegs im ständig zunehmenden Straßenverkehr, mäßige Bezahlung und Familienleben nur am Wochenende. Das sind die Rahmenbedingungen des Fernfahrerdaseins. Andererseits gibt es das Bild vom Herrn der Straße, vom Fernfahrer, der wie ein Cowboy in der Prärie Ungebundenheit und Einsamkeit genießt. Auf einem Rastplatz in der Nähe Kölns treffe ich Frank-Uli abends in seinem 40-Tonner. Der 22-jährige gehört zu den Fernfahrern aus Leidenschaft.

O-Ton:
"Das war mein Wunschtraum. Schon von der Schule her. Mein Bruder hat das g'macht. Und er macht's immer noch. Da wollt ich immer mitfahren. Und das hat mir so g'falln, und da hab ich das von Anfang an g'macht. Ich hab a Lehre g'macht als Kaufmann, hab die schnell, schnell beendet und dann den LKW-Führerschein bei der Bundeswehr g'macht. Und seitdem fahre ich. Mein Vater war schon Fernfahrer, dann hat mein Bruder angefangen, ja und ich auch. Natürlich muss ich meine Arbeit machen, isch ja okay. Aber für das hab ich dann auch die Freizeit. Und ich seh viel, europaweit, da oben sisch ja die Flaggen: Deutschland, Holland, England, Luxemburg, Frankreich, Belgien, Öschterreich, Spanien, Italien, Schweiz, ja, war ich überall. Von unten bis oben."

Sprecher:
Frank-Uli kommt aus Memmingen. Seine schwäbische Herkunft erkennt man nicht nur am typischen sch, das häufig das s oder st ersetzt und manchmal sogar das nachfolgende Wort. So sagt er zum Beispiel isch ja okay, dass ich meine Arbeit machen muss, anstatt ist ja okay. Und den Satz "Da oben siehst Du ja die Flaggen" verkürzt er zu "Da oben sisch ja die Flaggen". Im Schwäbischen wird auch meist die Anfangssilbe im Partizip verkürzt. Aus gefahren, gemacht und gefallen wird so g'fahren, g'macht und g'fallen.

Sprecherin:

Viele Fernfahrer kommen auf Umwegen zu ihrer Arbeit. Manche hatten vorher einen anderen Beruf, der ihnen nicht gefiel, andere reizte das Abenteuer, und bei einigen war es schlicht Zufall, der später zur Gewohnheit wurde. So ging es zumindest Jörg aus dem saarländischen Sankt Wendel. Seit zehneinhalb Jahren sitzt er hinter dem Steuer, und vorerst möchte er auch nicht tauschen.

O-Ton:
"Das war ein Onkel von mir. Der hat mich g'fragt, was ich mache nach der Bundeswehrzeit. Hab isch g'sagt, ich würd der Führerschein mache. Da sagt er, weisch wat, wir frage bei der Peifer. Ich han dort früher mal gearbeitet. Mal gucke, ob du dort kannsch anfange. Ja, so han isch dann von heut auf morge dort angefange. Und dann dabei hängebliebe. Und wenn ich's bereue würd, würd ich von heut auf morgen aufhöre. Ich hab noch einen zwoten Beruf, und da geht dat. Ich sinn von Hauptberuf sinn isch KFZ-Mechaniker. Und han dann of dem zwote Bildungsweg de Berufskraftfahrer g'macht."

Sprecher:
Jörg sprach davon, dass er seinen Beruf als Kraftfahrer auf dem zweiten Bildungsweg gelernt hat. Der zweite Bildungsweg umfasst in Deutschland vieles. So kann man auf dem Abendgymnasium sein Abitur nachholen, in speziellen Kursen kaufmännische und technische Berufe erlernen oder über ein Fernstudium akademische Abschlüsse erlangen. Wenn man vom zweiten Bildungsweg spricht, meint man damit immer das, was Menschen später gelernt haben, also nach ihrer ersten Schul- und Berufsausbildung.

Sprecherin:
Natürlich ist nicht jeder Fernfahrer ein Idealist. Auf dem Kölner Autohof treffe ich auch manchen, der gerne seinen Job tauschen würde – wenn es denn ginge. Der Rastplatz, auf dem Max die Nacht verbringt, liegt einige hundert Meter entfernt von der Autobahn und zählt zu den sogenannten Autohöfen. Vor allem LKW-Fahrer verkehren hier, und das hat seinen Grund. Zwar sind sie genauso wie die Rastplätze direkt an den Autobahnen mit Tankstelle, Restaurant und Duschmöglichkeiten ausgestattet, doch der Umgang ist hier anders, erklärt mir der Nürnberger Fernfahrer:

O-Ton:
"In einen Autohof könn mer rein, so wie mir sind, so wie mir leben und so weiter, ne, ohne Schlips und ohne Krawatte und weißem Hemd und so weiter, und die Leute verstehen das dadrin, ne, und in Raststätten, da wirst' halt immer a weng schief angeguckt. Da schau mal, wie der ausschaut und so weiter, ne."

Sprecher:
Schlips und weißes Hemd oder Schlips und Kragen sind Zeichen für eine Kleidung, mit der man überall Respekt genießt. Fernfahrer tragen selten einen Schlips und gehen auch schon mal während eines heißen Sommers im Unterhemd in die Raststätte. Und weil sie so einfach gekleidet sind, meint Max werden sie in Raststätten ein wenig schief angeguckt. Mit der gängigen Formel beschreibt man die Geste des musternden und herablassenden Blickes. Wenn jemand schief angeguckt wird, hat er – im schlimmsten Fall – sich etwas zu Schulden kommen lassen, oder er zeigt ein unerwünschtes Verhalten.

Sprecherin:
Unter Fernfahrern spricht es sich schnell herum, wo es gutes und preiswertes Essen gibt und wo die freundlichste Bedienung. Tipps gibt man per CB-Funk an die Kollegen weiter oder am Restauranttisch eines Rasthofs. Der Fernfahrer aus der Schweiz hat schon eine Menge gesehen. Bis nach Teheran haben ihn große Ferntouren gebracht. Wenn er auf das Leben hinter dem Steuer zurückblickt, ergibt das ein Bild mit gemischten Gefühlen.

O-Ton:
"Ja, ich bin gelernter Koch. Ich hab ein kleines Hotel gehabt, in der Schweiz, ein Motorradhotel hab ich gehabt. Jetzt hab ich keinen Bock mehr. Hat's mich wieder gezogen. Das geht 'ne Zeitlang, und da geht's gut, oder man ist dann zu Hause jeden Abend, das wohl. Aber dann kommt dann plötzlich so 'nen schöner Zug vorbei. Und dann packt's einen, dann packt's einen halt wieder. Man muss das Alter anschauen, von einem gewissen Alter an kannst Du Dir den Job auch nicht mehr aussuchen. Dann musst du halt auch, wenn du mal wirklich 'n Job hast, musst du versuchen, dran zu bleiben. Weil, wenn du mal 50 gewesen bist, dann ist der Zug mehr oder weniger abgefahren.

Sprecher:
Der Schweizer Fernfahrer blickt nüchtern in die Vergangenheit. Zwar war auch er zunächst mit Leidenschaft dabei, doch heute bietet sich ihm kaum noch eine andere Möglichkeit, als Fernfahrer zu bleiben. Er unterstreicht das mit der gängigen und bildhaften Wendung, dass mit fünzig Jahren der Zug abgefahren ist. Der abgefahrene Zug ist die verpasste und endgültig verlorene Chance.

Sprecherin:
In Rheinböllen treffe ich einige Fernfahrer, für die ihr Job nur noch Geldverdienen bedeutet. Das Leben hinter dem Steuer ist für sie längst kein Abenteuer mehr.

O-Ton:
"Ich bin da damals reingerutscht, und geht halt weiter, wenn man einmal auf dem Bock hängt, bleibt man drauf. / Habe Familie, zwei Kinder, Verantwortung, Geld verdienen halt, ne. / Ja, damals waren wir noch jung, abenteuerlustig, ist natürlich alles vorbeigegangen, fremde Länder, viel sehen. Heute sieht man das alles bisschen mit anderen Augen. / Im Moment isses bissel kritisch, weil, die Kinder sind aus dem Haus, sind groß, und jetzt ist die Einsamkeit natürlich da, ne, zu Hause. Und jetzt wird schon mal öfters gemosert als wie früher, wo sie beschäftigt war, ne. Da hat sie durch die Kinder eine Beschäftigung gehabt. Und jetzt ist viel Langeweile da."

Sprecher:

Der Bock, auf dem die Fernfahrer hängen, ist – ähnlich wie der erhöhte Kutschersitz aus alten Zeiten – der Platz oben im Führerhaus des LKW. Geradezu schicksalhaft beschreiben viele Fernfahrer die Anziehungskraft dieses Sitzes: Wer einmal auf dem Bock hängt, kommt nicht mehr runter. Durch die langen Fahrten sind natürlich auch die Frauen der Fernfahrer stärker belastet. Und wenn die Kinder aus dem Haus, also erwachsen sind, macht vielen die Einsamkeit zu schaffen. Daher meinte der Fernfahrer, dass in letzter Zeit bei ihm zu Hause schon mal öfter gemosert wird. Mosern bedeutet genauso wie nörgeln, sich ständig über etwas zu beschweren, mit – aber auch öfter – ohne Grund.

Sprecherin:
Die Fernfahrer, mit denen ich hier am Tisch sitze, können dem Leben auf der Straße nichts Romantisches mehr abgewinnen. Sie klagen über die schlechte Bezahlung, über die rücksichtslosen Autofahrer und über den steigenden Stress durch immer mehr Konkurrenz. Und sie klagen zu Recht, wie Heinz Elbert, der Betreiber des Autohofs, meint.

Heinz Elbert:
"Der Fernfahrer ist ein armes Schwein. Der Fernfahrer, der ist von sonntagabends bis samstagmittags unterwegs, er kriegt Prügel vom Chef, er kriegt Prügel vom Grenzer, also vom Zöllner, er kriegt Prügel von der Autobahnpolizei, seine Frau freut sich auch, weil er so oft zu Hause ist. Und deshalb ist er ein armer Hund."

Sprecher:
Hunde und Schweine leben in Deutschland sicher nicht schlechter als in anderen Ländern. Aber in der Umgangssprache haben sie sich zur Betonung eines mitleiderregenden Zustandes fest etabliert. Ob armer Hund oder armes Schwein: Beides beschreibt einen Menschen, dem es sehr schlecht geht und der nur zu bedauern ist.

Sprecherin:

Heinz Elbert hat sein Geschäft vollkommen auf Fernfahrer eingestellt. Ein großes Schild verheißt "Futtern wie bei Muttern". Preiswert und ohne Schnörkel soll es sein. Im Restaurant herrscht das, was Heinz Elbert eine rustikale Atmosphäre nennt. Außerdem führt der Autohof allerlei Nützliches rund ums Fernfahrerdasein, von der Wollweste bis zum Stemmeisen, und eine eigene Werkstatt für CB-Funkgeräte gibt es auch, das wichtigste Verständigungsmittel auf den langen Fahrten. Natürlich ist Heinz Elbert ein kluger Geschäftsmann, doch sein Herz für Fernfahrersorgen ist mehr als wirtschaftliches Kalkül. Die Fahrer wissen und schätzen das, sogar so sehr, dass er oft als Berater und Beichtvater herhalten muss.

Heinz Elbert:

"Das ist manchmal nicht so einfach, kann ich Ihnen sagen. Wenn also die Jungens reinkommen und setzen sich vor einen hin, man hat zu tun, und er erzählt mir, die Frau ist durchgebrannt oder der Sohn ist tödlich verunglückt, ja. Und denn sind sie schon Beichtvater, wo kann er denn hin. Er muss von zuhause weg, er muss raus, er muss fahren, und dann sucht er natürlich ein Gespräch anzufangen mit den Leuten, die er nun mal kennt und zu denen er Vertrauen hat. Und da gibt's etliche von, die zu mir kommen."

Sprecher:
Heinz Elbert hört viele Sorgen. Manche Fernfahrer erzählen ihm, dass ihre Frau durchgebrannt ist. Der sehr geläufige Ausdruck bedeutet, dass sich jemand heimlich davonmacht.

Sprecherin:
Nicht nur die Arbeitsbedingungen, auch das Ansehen der Fernfahrer hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Viele Menschen können heute reisen und kennen andere Länder. Mobilität ist nichts Besonderes mehr, und auch die frühe Technikbegeisterung für die großen Zugmaschinen ist verflogen. Wehmut und Verärgerung mischen sich da in der Erinnerung des Schweizer Fernfahrers.

O-Ton:
"Früher waren wir kleine Könige. Das war so. Da haben die Leute gestaunt, wenn du mit 'nem schönen LKW, mit einem schönen Truck gekommen bist, dann sind die Leute 'Mensch schau mal das Ding an', und so. Der Fernfahrer, was ist der heute? Weil es heißt, da die LKWs, die stinken, die verpesten die Luft, die nehmen uns den Platz weg, und fort mit den Dingern. Wenn du auf der Straße bist, vor allem die PKWs, die bremsen dich aus, die schikanieren dich und alles, zeigen dir den Vogel und den Stinkefinger, nur weil sie mal vielleicht zwei, drei Minuten hintendrein fahren müssen, oder? Das ist alles, das gab's früher nicht. Ein bisschen Hampelmann ist man schon."

Sprecher:

Der Schweizer Fernfahrer sieht sich als Hampelmann, das heißt, als lächerliche Spielfigur, mit der jeder umgeht, wie er gerade möchte. Vor allem leidet er unter den Schikanen der Autofahrer. Mit dem französischen Lehnwort bezeichnet man im Deutschen böswillig bereitete Schwierigkeiten. Und zum rücksichtslosen Verhalten kommen sogar noch abfällige Gesten. Viele Autofahrer zeigen ihm den Vogel, das heißt, sie tippen mit dem Zeigefinger gegen die Stirn und drücken damit aus, dass sie ihn für verrückt halten. Manche zeigen ihm sogar den Stinkefinger – der erhobene Mittelfinger gilt als derbe Geste, um anderen Verachtung zu signalisieren.

Sprecherin:

Fernfahrer in Deutschland haben es schwer. Aber zum Glück sind nicht alle Fernfahrer nur arme Hunde und Hampelmänner, die überall abgezockt werden. Es gibt sie ja noch, die freiwilligen Abenteurer. Denen wünschen wir, dass der Zug für sie niemals abgefahren ist.

Fragen zum Text

Eine andere Bezeichnung für das Fahren mit dem LKW ist …

1. auf dem Bock sitzen.

2. auf dem Steiß sitzen.

3. auf dem Sitz sitzen.

Hat man eine Gelegenheit verpasst, dann ist sprichwörtlich …

1. die Post abgegangen.

2. der Zug abgefahren.

3. das Auto eingebogen.

Wenn ein Autofahrer einen LKW-Fahrer ausbremst, dann …

1. fährt er sehr langsam.

2. bremst er auf der Straße.

3. hält er am Straßenrand an.

Arbeitsauftrag

Erstellen Sie selbst eine kleine Reportage über einen LKW-Fahrer in Ihrer Heimatstadt. Führen Sie ein Interview und schreiben Sie die Geschichte Ihres Interview-Partners auf. Tragen Sie ihre Reportage in der Gruppe vor.

Autor: Günther Birkenstock

Redaktion: Beatrice Warken

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