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Asien

"Die Chinesen zwingen uns zu Aufständen"

Die Präsidentin des Weltkongresses der Uiguren, Rebiya Kadeer, im Gespräch mit DW-WORLD.DE

Rebiya Kadeer (Foto: AP)

Uigurin im US-Exil: Rebiya Kadeer

DW-WORLD.DE: Frau Kadeer, was können Sie uns über die aktuelle Situation in Xinjiang sagen, und wie lautet Ihre Reaktion auf die aktuellen Todesurteile?

Rebiya Kadeer: Die chinesische Regierung versucht im Moment verschärft gegen die Uiguren vorzugehen. Neben den Todesurteilen wurden auch noch tausende Leute festgenommen. Die Gefängnisse sind voll mit Uiguren und sie werden dort von der chinesischen Staatsmacht gefoltert – und letztlich wurden jetzt diese sechs jungen Leute zum Tode verurteilt. Die chinesische Regierung und die Justiz haben angegeben, dass die sechs Verurteilten ihre Straftaten zugegeben haben, aber ich bin überzeugt, dass sie unschuldig sind. Sie haben nur unter der Folter etwas gestanden, was sie nicht getan haben.

Die Weltöffentlichkeit muss sich gegen solche Urteile wenden, denn es kann ja nicht sein, dass sechs junge Menschen, die nur demonstriert haben, zum Tode verurteilt werden.

Die Lage in Xinjiang ist sehr schlecht – und sie wird von Tag zu Tag schlechter. Die Uiguren haben mittlerweile Angst auf die Straße zu gehen, denn sie werden nicht nur von den Sicherheitskräften angegriffen, sondern auch von ganz normalen Han-Chinesen auf der Straße verprügelt.

Was wissen Sie über das Schicksal der vielen Verschwundenen, die nach den Protesten der Uiguren verhaftet worden sind, und über deren Verbleib erst einmal nichts bekannt wurde?

Wir haben erfahren, dass diese verschwundenen Leute tot sein sollen, aber die chinesische Regierung will das nicht zugeben. Die Uiguren in China, die über das Schicksal der Verschwundenen Bescheid wissen, die haben Angst ihr Wissen weiterzugeben, weil sie von der Staatsmacht bedroht werden und deswegen in großer Angst leben.

Sie waren eine sehr erfolgreiche Geschäftsfrau und gehörten zu den reichsten Personen in China. Was hat Sie bewogen, diesem Leben den Rücken zu kehren und sich für das uigurische Volk einzusetzen?

Die Weltöffentlichkeit weiß zu wenig über unser Volk und seine Probleme in China. Dort werden unsere Rechte täglich mit Füßen getreten. Es ist auch kaum bekannt, dass die Han-Chinesen an unserem Volk eine "ethnische Säuberung" durchführen. Und deswegen fühlte und fühle ich mich verpflichtet, die Stimme dieses Volkes zu sein, denn die Uigiuren brauchen eine starke Stimme, damit ihre Probleme und das Unrecht, das ihnen geschieht der Weltöffentlichkeit bekannt werden. Als ich noch in China lebte, habe ich versucht, mit der chinesischen Regierung zu verhandeln, damit sie die Rechte unseres Volkes anerkennt und uns gerecht behandelt. Aber das ist mir nicht gelungen und deshalb erhebe ich meine Stimme jetzt in den westlichen Ländern und in der restlichen Weltöffentlichkeit.

Was verlangen Sie denn konkret von der chinesischen Regierung, wenn es um das uigurische Volk in der Provinz Xinjiang geht?

Ich möchte, dass die Uiguren wie andere Menschen in China leben können und sich außerdem auch selbst verwalten dürfen, weil Xinjiang ja von der chinesischen Regierung als autonome Provinz bezeichnet wird, und wir, die Uiguren, sind eigentlich die Besitzer des Landes dieser Provinz.

Welche Rolle spielen in Ihren Augen die Rohstoffe?

Gerade wegen dieser Rohstoffe und des Rohstoffreichtums in unserer Provinz werden wir ja von den Chinesen unterdrückt und ausgenutzt. Statt diese Rohstoffe und diesen Reichtum mit uns zu teilen, versucht die chinesische Regierung das alles an sich zu reißen und uns wegzunehmen. Und es wäre nur richtig, wenn diese Ressourcen gerecht geteilt würden.

Was sagen Sie denn besonders jungen Leuten, die sagen: Der unbewaffnete Widerstand hat überhaupt nichts gebracht, sondern die Situation hat sich noch mehr verschlechtert, es kommen noch mehr Han-Chinesen ins Land, die Rohstoffe werden stärker ausgebeutet und das Regime in Peking geht weiter mit Repressalien gegen uns vor?

Es stimmt leider, was diese jungen Leute sagen und die chinesische Regierung zwingt uns quasi auf diese Weise Aufstände zu machen. Und es gibt unter den Jungen auch eine Haltung, egal was wir machen, ob wir gegen die Chinesen aufstehen oder ruhig sitzenbleiben, wir werden sowieso abgeschlachtet.

Trotzdem rate ich ihnen immer, dass sie geduldig sein sollen und nicht zu den Waffen greifen sollen. Deshalb geht auch mein Appell an die Weltöffentlichkeit diesen friedlichen Aufstand meines Volkes zu unterstützen.

Ich hatte mich ja auch an die chinesische Regierung gewandt, um diese Eskalationen und Auswüchse zu unterbinden, und wollte erreichen, dass sie mit uns ein Gespräch, einen Dialog führt.

Welche Gemeinsamkeiten gibt es zu Gruppierungen wie dem "East Turkestan Islamic Movement" und wo verlaufen die Trennlinien?

Für uns ist unklar, ob es eine solche Organisation überhaupt gibt. Wir hören immer, dass es eine solche Organisation mit diesem Namen gibt, aber bis jetzt haben weder China noch andere Länder etwas darüber herausfinden können. Wir haben keinen Kontakt zu denen, wir sind gegen jede Art von Gewalt. Der Weltkongress der Uiguren und die Menschen, die mit mir arbeiten, sind für den Frieden.

Welche Rolle spielt der Islam für die Identität ihres Volkes?

Der Islam spielt für uns eine große Rolle. Das ist für uns sehr wichtig. Das ist natürlich eine religiöse Sache, aber wir sind ein Volk mit alter Kultur und einer langen Geschichte. Wir sind eine alte Zivilisation mit eigener Tradition, eigener Musik, einer eigenen Kultur und wir haben keine Gemeinsamkeiten mit den Chinesen.

Sie haben immer wieder Vorstöße gemacht, um für die Rechte der Uiguren zu kämpfen bei der US-Regierung oder den Regierungen der EU-Staaten. Da wäre es doch naheliegend, auch den Dialog mit der islamischen Welt zu intensivieren. Welche Unterstützung gibt es aus der muslimischen Welt für die uigurische Sache?

Die islamischen Länder haben sehr enge Verbindungen zur chinesischen Regierung und die verfolgt eine zweigleisige Politik. Den muslimischen Ländern sagt Peking: Rebiya Kadeer und ihre Anhänger sind westlich orientiert und haben mit dem Islam nichts zu tun. Den westlichen Ländern gegenüber sagt Peking: Das sind Muslime, Islamisten, Fundamentalisten. Mit dieser zweiseitigen Politik arbeitet die chinesische Regierung gegen uns. Bis jetzt hat sich die islamische Welt nicht für unsere Sache interessiert. Doch seit der Niederschlagung der Unruhen im Juli sehen wir, dass sich auch die islamische Welt für unser Schicksal interessiert. Die Türkei hat sehr scharf reagiert und die islamische Gemeinschaft hat eine Delegation nach Peking geschickt.

In der Türkei gab es Forderungen, wegen der gewaltsamen Unterdrückung der Uiguren in Xinjiang die Handelsbeziehungen zu China auf Eis zu legen. Würden Sie das begrüßen?

Nein, das würde ich nicht begrüßen. Ich möchte nicht, dass die Türkei oder andere Länder ihre wirtschaftlichen und anderen Beziehungen zu China unterbrechen. Trotzdem kann man auf die Menschenrechte achten und die uigurische Sache auf die Tagesordnung setzen.

Es hat sich eine Dauer-Diskussion entbrannt um das Schicksal der uigurischen Häftlinge im US-Gefangenenlager Guantanamo. Es wird immer wieder von der US-Regierung etwa an die Staaten der EU appelliert, diese Menschen aus Guantanamo aufzunehmen. Sie selbst leben in den USA und haben dort politisches Asyl erhalten. Was sagen Sie dazu, dass die USA überhaupt nicht dazu bereit sind, diese Uiguren in ihrem Land aufzunehmen?

Das ist eine berechtigte Frage. Wir haben uns auch dafür eingesetzt, dass wenigstens ein paar von ihnen von der amerikanischen Regierung aufgenommen werden. Bis heute ist nichts passiert und die Länder, mit denen ich Gespräche geführt habe, die haben gesagt, wenn die USA Uiguren aus Guantanamo aufnehmen, dann tun wir das auch. Wir sind deswegen im Gespräch mit Menschenrechtsorganisationen und Kongress-Abgeordneten und haben uns dafür eingesetzt, dass wenigstens ein paar Uiguren aus Guantanamo in den USA aufgenommen werden sollen. Und diese Bemühungen gehen weiter.

Es gibt aktuell einen Film mit dem Titel „The Ten Conditions of Love“ und das ist eine Dokumentation über Sie und Ihr Leben. Es hat immer wieder Spannungen gegeben, egal wo der Film angekündigt wurde, er sollte in Taiwan laufen, auf einem Filmfestival in Australien ist er gelaufen, und immer hat Peking mit massivem Druck versucht, die Vorführung zu verhindern. Was bedeutet der Film für Sie und ist der Film für Sie so eine Art Vermächtnis?

Dieser Film ist kein besonderer Film, dabei geht es um das Leben der Uiguren. Er will auch zeigen, welche Schwierigkeiten ich bei meinem Kampf hatte. Es ist die Geschichte, wie eine einfache Frau zur Heldin eines Volkes geworden ist. Und es erstaunt mich auch, warum die chinesische Regierung soviel Wirbel darum macht und versucht, überall diesen Film verbieten zu lassen. Aber allein das zeigt auch, wie hart die chinesische Regierung mit den Uiguren umgeht. Wenn ein einfacher Film schon nicht in diesen Ländern gezeigt werden kann. Die chinesische Regierung hat Angst dass durch solche Dokumentarfilme ich als Person und auch mein Volk in der Weltöffentlichkeit bekannt werden.

Ich wurde von der Gesellschaft für bedrohte Völker eingeladen, auch dagegen hat sich die chinesische Regierung gestellt. Sie wollten, dass ich keine Genehmigung bekomme, aber ich habe dann doch ein Visum bekommen, trotz dieser ganzen Bemühungen. Gott sei Dank, kann ich reisen, kann ich an einer Veranstaltung in Frankfurt am Main teilnehmen. Die chinesische Regierung führt sich auf, wie eine Diktatur, sie versucht nicht nur in unserer Heimat alles unter Kontrolle zu haben, sie will auch andere Länder beeinflussen.

Wie sehen Sie die Zukunft des uigurischen Volkes, wenn Sie in die Zukunft blicken. In 20 Jahren, was glauben Sie wie die Situation in der Provinz Xingjiang aussehen wird?

Ich hoffe, dass es nicht so schlimm werden wird, aber wenn es bei dem jetzigen Stand bleibt, dann wird es in 20 Jahren kaum noch Uiguren geben. Es gibt eine systematische Assimilation durch die Chinesen und im Grunde auch ein gezieltes Abschlachten. So wurden zum Beispiel zuerst alle Kommunikationsmittel der Uiguren, wie Internet, Telefon, Strom, von der Staatsmacht abgestellt und danach wurden sie erschossen. Wenn man die wirkliche Lage dort betrachtet, dann kann man sagen, da hat wirklich ein Massaker stattgefunden, eine Art Genozid.

Als die Chinesen unser Land 1949 besetzten, lebten nur zwei Prozent Chinesen dort, wenn Sie sich das jetzt anschauen, dann werden sie kaum merken, dass es ein Land der Uiguren ist. Und damit sind die Chinesen noch immer nicht zufrieden. Die wollen uns ausrotten. Und deshalb stecken sie uns ohne Grund in Gefängnisse und foltern uns. Wenn es noch 20 Jahre so weiter geht, dann gibt es keine Uiguren mehr. Deswegen muss dringend eine Lösung gefunden werden und dafür setze ich mich ein.

Glauben Sie an eine friedliche Lösung?

Ja, immer noch. Wir leben in einer Welt in der alles möglich ist. Und wir hoffen, dass sich auch westliche Länder dafür einsetzen, dass die Situation friedlich gelöst wird. Wenn wir jetzt nicht handeln, dann wird China nicht nur zur Gefahr für die Uiguren, sondern auch für die westlichen Länder.

Das Gespräch führte Thomas Kohlmann
Redaktion: Ralf Buchinger

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