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Asien

"Die Chance liegt bei 60 Prozent"

Chinas Wirtschaft schwächelt. Doch die Verlangsamung ist gewollt. Peking will das Land in eine Phase der "neuen Normalität" führen, analysiert der amerikanische Ökonom Barry Naughton.

Chinas Premier Li Keqiang musste in Davos sehr viel Überzeugungsarbeit leisten. Denn seine statistische Behörde hatte genau einen Tag vor seinem Auftritt am 21. Januar das Wirtschaftswachstum Chinas für 2014 bekanntgegeben. Die Zahlen zeigen, dass das Land nicht nur die schwächste Wirtschaftsentwicklung seit 1990 vorzuweisen hat, sondern auch seit geraumer Zeit zum ersten Mal das von der Regierung vorgegebene Ziel verfehlte. Li Keqiang musste der Welt in Davos demonstrieren, dass seine Regierung dennoch alles im Griff hat, und das Schwächeln der Wirtschaft ein Teil der "neuen Normalität" ist. Denn statt eines quantitativ hohen Wachstums strebt China künftig mehr "qualitatives Wachstum" an.

Li Keqiang scheint also hauptsächlich zur Beruhigung der Weltwirtschaft in den Schweizer Skiort gekommen zu sein. Hat er dieses Ziel erreicht? Schließlich ist die Volksrepublik einer der wichtigsten Rohstoffkäufer weltweit. Tatsächlich bedeutet ein Wachstum um sieben Prozent eine Steigerung des GDP um mehr als 800 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Um einen solchen Betrag zu erreichen, bedurfte es vor 5 Jahren noch einer Wachstumsrate von mehr als 10 Prozent.

Es stellt sich aber die Frage, ob China auch in den nächsten Jahren eine Wachstumsrate von etwa sieben Prozent halten kann. Der renommierte US-amerikanische Ökonom und Chinakenner Barry Naughton, der vor kurzem im Berliner

Mercator-Institut für China-Sudien (Merics)

zum Thema Xi Jinpings Modell der Wirtschaftsreform referierte, wagt nur ungern Prognosen. Doch in diesem Fall macht er eine Ausnahme. "Ich glaube, Chinas Wirtschaft wird sich noch stärker verlangsamen, als viele annehmen. Künftig dürfte das jährliche Wachstum etwa zwischen sechs Prozent und sieben Prozent liegen", sagt er im Interview mit der DW.

Umbau der Wirtschaft notwendig

Containerschiff CSCL Globe (Foto: picture-alliance/dpa/D. Bockwoldt)

Das größte Schiff der Welt (hier im Hamburger Hafen) kommt aus China

Der Wirtschaftsprofessor aus San Diego meint, dass der Prozess der Veränderung des Wirtschaftsmodells im Reich der Mitte absolut notwendig ist. "Ein Strukturwandel ist dann unabdingbar, wenn die landwirtschaftliche Produktion durch Industriewirtschaft ersetzt wird. China hat diese Entwicklungsphase jetzt abgeschlossen."

Dass die Regierung die daraus resultierende "neue Normalität" reibungslos durchsetzen möchte, bestätigt auch der chinesische Wirtschaftsexperte Huang Weiping gegenüber der Deutschen Welle. Man hätte die Vorgabe der Zentralregierung von 7,5 Prozent Wachstum durchaus erreichen können, indem man zum Beispiel die Investitionen verstärkt. "Aber von diesem nicht nachhaltigen Konzept will die Regierung wegkommen."

Barry Naughton wagt aber keine Prognose, ob diese geplante Wende gelingt: "Ich denke, die Chance dafür liegt bei 60 Prozent." Ihm zufolge begegnet China zurzeit zwei großen Herausforderungen, die mit erheblichen Risiken verbunden sind. Die eine besteht im Abbau einer übermäßigen Verschuldung auf allen Ebenen. Die andere in der Sicherstellung der Ressourcen für die wirtschaftliche Entwicklung, damit das Wachstum nicht abrupt abkühlt. "Das sind die dringendsten Aufgaben. Aber langfristig können nur Wirtschaftsreformen China eine Perspektive geben."

Keine sozialen Unruhen trotz Abschwächung

Naughton geht zudem davon aus, dass die Abschwächung von Chinas Wirtschaft keineswegs einen unmittelbaren gesellschaftlichen Kollaps zur Folge haben wird: "Als die Arbeitskräfte in China drastisch zunahmen und die Arbeitslosigkeit signifikant stieg, hat man sich Sorgen gemacht. In einer solchen Lage kann ein Abschwung tatsächlich soziale Unruhen auslösen. Aber diese Tage sind vorbei. Heute nehmen die Arbeitskräfte Jahr für Jahr leicht ab, während der Bedarf an ihnen ziemlich stabil bleibt."

Schwierigkeiten gebe es hingegen im Finanzsektor. "Das Problem ist, dass der Finanzmarkt seine Entscheidungen über Kapital- und Geldströme anhand der Signale aus der gegenwärtigen Abschwächung des Wachstums trifft."

Wie verlässlich sind chinesische Statistiken?

Autofabrik Geely in China (Foto: Reuters)

Arbeitskräfte bleiben gefragt

Bei der Mission in Davos hatte Premier Li Keqiang eine schwere Aufgabe: Nämlich die Skepsis an der Glaubwürdigkeit der Zahlen der chinesischen Statistischen Behörden zu zerstreuen. Schließlich war er selbst derjenige, der vor Jahren gegenüber einem ausländischen Kollegen Zweifel an chinesischen Statistiken geäußert hatte.

Aber niemand hat Belege dafür, dass die chinesischen Behörden ihre Zahlen fälschen. Die Statistiken der Volksrepublik komplett abzulehnen, macht aber Barry Naughton zufolge keinen Sinn. Er meint jedoch, die Zahlen seien etwas geschönt: "Keiner würde glauben, wenn die Wachstumsrate noch höher wäre. Und man würde sich Sorgen um den Zustand der chinesischen Wirtschaft machen, wenn sie noch niedriger wären. Die vorgelegten Zahlen sind einfach zu perfekt."

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