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Deutschland

Die Bundeswehr lockt mit Abenteuer

Klettern, Volleyball oder Basteln – die Bundeswehr benutzt unter anderem Sport und Spiel, um Nachwuchs auf sich aufmerksam zu machen. Einige Deutsche stört das. Doch wie soll die Truppe sonst an neue Soldaten kommen?

Werbekampagne für die BW-Adventure-Camps (Screenshot: http://www.bw-adventure-camps.de)

Bundeswehr Adventure-Camps (Screenshot)

Die Bundeswehr ist kreativ, wenn es um Werbung für die eigene Institution geht. Schließlich wurde die Wehrpflicht zum 1. Juli 2011 ausgesetzt und de facto komplett abgeschafft. Automatisch wird also keiner mehr mit dem Wehrdienst konfrontiert. "Die Bundeswehr ist heute auf dem Arbeitsmarkt einer von vielen und es gehört zur Marktwirtschaft, dass jeder sich selbst auch als Arbeitgeber anbietet", sagt Michael Wolffsohn, Historiker und Dozent an der Universität der Bundeswehr in München. Seit Jahren gibt es daher beispielsweise die "BW Olympics": Schüler treten in verschiedenen Sportarten gegeneinander an und lernen nebenbei die Bundeswehr kennen. Zehn blaugelb leuchtende Werbetrucks machen außerdem in deutschen Städten Halt, Schülergruppen besuchen Kasernen oder Offiziere kommen in den Unterricht. Deutschlandweit sind etwa 500 Soldaten und andere Mitarbeiter damit beschäftigt, Nachwuchs für militärische Laufbahnen zu gewinnen.

Soldaten des Logistikbataillons 172 üben in Beelitz in ihrer Grundausbildung das Leben im Gelände und infanteristische Grundlagen (Foto: dpa)

Die Bundeswehr muss sich nach dem Ende der Wehrpflicht selbst um ihren Nachwuchs kümmern

Die jüngste Kampagne in diesem Sommer sorgte allerdings für eine besonders lebhafte öffentliche Diskussion. Zusammen mit der bekannten Jugendzeitschrift "Bravo" lud die Bundeswehr zum zweiten Mal junge Menschen zwischen 16 und 21 Jahren zu "Bw-Adventure Camps" in die Alpen und nach Sardinien ein. 30 ausgelosten Teilnehmern winkt ein kostenloser Abenteuer- und Informationsurlaub. "Wir haben auf die Kampagne einigermaßen empört reagiert", berichtet Martina Schmerr, Referentin für den Bereich Schule bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Wir beobachten seit einiger Zeit mit großer Sorge, wie stark die Bundeswehr in alle Lebensbereiche von Jugendlichen eintritt und versucht, Werbung für ihre Zwecke zu machen". Dass diese Werbung Spaß vermittelt und im ersten Schritt Konsequenzen wie Traumatisierung oder den möglichen Tod während eines Einsatzes verschweigt, ist den Kritikern ein Dorn im Auge.

Zwischen Werbung und Rekrutierung

Der Hochschul-Dozent Wolffsohn sieht eine solche Gratwanderung zwischen Werbung einerseits und Rekrutierung - die in Deutschland gesetzlich geregelt ist - andererseits ebenfalls problematisch. "Der Beruf des Soldaten, ob Mannschaftsgrad oder Offizier, ist eben nicht irgendein Job", gibt er im Interview mit der DW zu bedenken. Er halte es für ein Gebot der Fairness, des Anstandes und der Menschlichkeit, die Karten offen auf den Tisch zu legen.

Der Historiker Dr. Michael Wolffsohn als Gast in der Sendung Anne Will (Foto: dpa)

Michael Wolffsohn will den Ernst der Bundeswehr nicht verheimlichen

Nur so kämen junge Leute auch zur Bundeswehr. Auffällig viele Neuzugänge stammen zwar aus den wirtschaftlich schwachen Regionen in Ostdeutschland. Trotzdem überwiege nicht der finanzielle Anreiz bei der Jobauswahl. Im Kontakt mit jungen Offizieren hört Wolffsohn am häufigsten diese Begründung: "'Ich möchte den demokratischen Charakter der Bundesrepublik sichern. Das ist mein Beitrag zur Sicherheit.' Das ist sehr nachdenklich und zurückhaltend formuliert."

Derweil macht in diesen Tagen ein Bündnis aus der GEW und Studierendenvertretungen insbesondere gegen die Bundeswehr in Schulen und Hochschulen mobil. Martina Schmerr kritisiert, dass die Bundeswehr auch schon Grundschüler als Zielgruppe entdeckt habe, die beispielsweise Schutzengel basteln und diese zu deutschen Soldaten in Afghanistan schicken: "Da wird es wirklich heikel. Unterhalb eines bestimmten Alters ist das nicht mehr vertretbar".

Jugendliche informieren sich in Trier im Bundeswehr-Truck (Foto: dpa)

Im Info-Truck stellen Soldaten interessierten Jugendlichen die Bundeswehr-Berufe vor

Gegen die Rekrutierung von neuem Personal hat sie nichts einzuwenden. Schmerr wünscht sich allerdings auf der einen Seite ein Gegengewicht: Auch die Friedensarbeit soll Schülern nähergebracht werden. Auf der anderen Seite würde sie wieder mehr Zurückhaltung seitens der Bundeswehr begrüßen. Eine Rückkehr zu den freiwilligen Gesprächsangeboten mit Karriereberatern wäre da ein erster Schritt.

Realistische Vorstellungen vermitteln

An den Karriereberatern kommt aber tatsächlich auch bis heute niemand dran vorbei, der Soldat werden möchte. Selbst wenn Jugendliche also durch einen Strandurlaub die Bundeswehr kennengelernt haben, werden spätestens an dieser Stelle alle Eventualitäten der verschiedenen Laufbahnen besprochen. "Der Spaß ist lediglich ein Mittel der Ansprache an die jungen Menschen", erklärt Fregattenkapitän Steffen Stoll, der das Dezernat für Personalwerbung der Bundeswehr leitet. Letztendlich solle jedes Event dazu führen, dass junge Leute mit Soldaten ins Gespräch kämen. Die erfolgreichste Strategie in der Nachwuchsgewinnung sei der persönliche Kontakt und ein Besuch der nächstgelegenen Kaserne.

Porträt Fregattenkapitän Steffen Stoll (Foto: privat)

Fregattenkapitän Steffen Stoll verteidigt die Werbekampagnen

Dass nicht alle Einsätze der Bundeswehr in der Bevölkerung akzeptiert sind, wie zum Beispiel der Afghanistan-Einsatz, solle Gesprächsthema bei der Nachwuchsgewinnung werden, fordert Martina Schmerr. "Das ist auch Thema bei uns", verspricht Stoll. Die Wirklichkeit des Soldaten-Jobs soll nicht verschwiegen werden.

Zeitsoldaten für den Mannschaftsdienst, sowie IT-Fachkräfte oder Sanitäter – daran fehlt es der Bundeswehr besonders. Ein großes Nachwuchsproblem bestehe aber nicht, so Stoll. Denn die Zahl derer, die sich nun freiwillig zum Wehrdienst meldeten, würde steigen. Einzig der Demografiewandel riefe auf lange Sicht eine "interessante" Situation bei den Zeitsoldaten hervor. Bis jetzt reiche die Zahl der Bewerber aber, sodass immer noch eine Auswahl der Besten möglich sei.