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Kultur

"Die Buchmesse ist eine Erholung"

Auf der Buchmesse ist er ein Schriftsteller unter vielen, im echten Leben arbeitet Rainer Merkel in einer Psychiatrie in Liberia. Über den krassen Unterschied sprach er mit der Kulturredaktion von DW-WORLD.DE.

Rainer Merkel (Foto: Ullstein Verlag)

"Die glatten Oberflächen hier beruhigen mich": Rainer Merkel

Rainer Merkel hat sich eine Auszeit als Schriftsteller genommen. Der studierte Psychologe arbeitet seit einem Jahr in einem psychiatrischen Krankenhaus in Monrovia (Liberia), das von der Hilfsorganisation Cap Anamur betrieben wird. Mit seinem jüngsten Roman "Lichtjahre entfernt" war er für den Deutschen Buchpreis nominiert. Weshalb er in diesen Tagen auf der Frankfurter Buchmesse ist, wo er mit DW-WORLD.DE über seine Arbeit in Afrika sprach.

DW-WORLD.DE: Wie sind Ihre Arbeitsbedingungen in Monrovia?

Rainer Merkel: Erst einmal muss man sagen, dass es natürlich keine Psychiatrie ist, wie man sie in Deutschland kennt. Es gibt dort keinen Psychiater, es gibt überhaupt nur einen Psychiater im ganzen Land. Der arbeitet für die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Es gibt auch fast keine Psychologen, und Psychotherapeuten schon gar nicht. Auch in unserem Krankenhaus nicht. Selbst wenn es sie geben würde, könnten wir die gar nicht bezahlen. Wir haben noch nicht einmal einen richtigen Arzt. Wir haben einen PA, einen physician assistent. Das sind Leute mit einer dreijährigen Ausbildung, die quasi eine Arztfunktion übernehmen können. Ein gängiges Modell in Afrika.

Buchcover von 'Lichtjahre entfernt' von Rainer Merkel (Foto: S. Fischer Verlag)

Sein Buch "Lichtjahre entfernt" hat nichts mit Liberia zu tun

Was für Menschen kommen in die Klinik?

Die meisten kommen aus Monrovia, aber einige auch aus dem Landesinneren. Das ist die einzige Psychiatrie im ganzen Land - Liberia hat drei Millionen Einwohner. Es ist sehr eindringlich immer wieder zu sehen, wie Patienten eingeliefert werden. Die sind oft gefesselt, werden mit Taxis auf das Gelände gefahren und dann 'abgeladen', im wahrsten Sinne des Wortes. Oft sind sie vorher in Kirchen behandelt worden, das war lange der einzige Ort, wo psychisch Kranke untergebracht wurden - es hat schließlich 14 Jahre Krieg in Liberia gegeben. Wobei Unterbringung oft heißt, dass sie dort dann angekettet wurden. Man sieht es daran, dass diese Patienten schwere Verletzungen an den Fußknöcheln haben oder an den Handgelenken. Oder sie werden mit Schnüren von ihren Angehörigen gefesselt, wenn sie aggressiv sind. Weil die sich nicht anders zu helfen wissen.

Monrovia (Liberia): Blick auf einen Markt, den Hafen (Hintergrund) und die Brücke über den Mesurado River in Monrovia (Foto: picture-alliance/ZB)

"Man ist ständig mit Kleinproblemen des Alltags beschäftigt": Monrovia

Wie wirkt das auf jemanden, der aus Deutschland kommt und die Verhältnisse nicht kennt?

Eine Sache, die schwierig ist, ist der Umgang des Personals mit psychisch Kranken. Unser (einheimisches) Personal arbeitet ja schon zum Teil seit Jahren dort und ist relativ erfahren. Trotzdem beobachtet man, dass über Patienten in deren Gegenwart gelacht wird. In der Psychiatrie in Deutschland wird man das auch manchmal erleben, aber nicht in dieser Art und Weise. Allerdings sind meine westlichen Standards, meine Ansprüche, wie man das machen müsste, da nicht unbedingt angemessen. Es herrscht halt dort generell ein anderer Umgang. Die Kinder in den Familien werden ja auch oft geschlagen. 'Erziehung' heißt, die Kinder auch zu schlagen. Das ist für alle völlig normal. Und wenn ich dann jemandem erkläre, das machen wir hier nicht, dann wird das wohl mit Interesse aufgenommen und gehört. Aber es ist völlig normal. Und mit Patienten geht man eben auch anders um.

Man muss sich die gesamte Gesellschaft ansehen, um das zu verstehen. Es gibt in Liberia zum Beispiel auch Selbstjustiz. Wenn Einbrecher gefasst werden, werden manche auch umgebracht, weil die Polizei nicht so präsent ist. Man kann sich auf die Polizei nicht verlassen, die ist zum Teil auch korrupt. Das sind alles solche Sachen, die man im Zusammenhang sehen muss. Dann kann man auch verstehen, wenn man im Krankenhaus mit den Patienten etwas rauer umgeht.

Wie ist es jetzt für Sie, hier auf der Buchmesse zu sein?

Soldaten in Monrovia (Foto: AP)

Soldaten in Monrovia

Es ist für mich auch eine Erholung, weil das Leben dort sehr anstrengend ist. Es gibt keinen Strom. Es wird alles mit Generatoren gemacht, die sind sehr laut. Man sitzt ständig im Auto. Wir haben kein fließendes Wasser im Haus. Die Hitze nimmt jetzt wieder zu. Überall ist sehr viel Müll und Staub. Das tägliche Leben ist ziemlich anstrengend. Dann gehen die Autos kaputt und müssen repariert werden. Man muss sich eben ständig auch noch um solche Sachen kümmern. Oder im Krankenhaus geht etwas kaputt. Man ist ständig mit so viel technischen Problemen und logistischen Kleinproblemen des Alltags beschäftigt. Wenn man in den Supermarkt einkaufen geht, kommen Ex-Soldiers - einige haben im Krieg gekämpft, haben dann ihr Bein verloren - die umringen einen dann da und wollen Geld. Selbst das Einkaufen wird dann stressig. Ich habe dieser Tage mit jemandem darüber gesprochen, dass hier auf der Buchmesse jeder Stand so schön gestaltet ist und dass es hier so einen Designanspruch gibt. Man überlegt sich, wie alles schön aussehen kann und alles wird sorgfältig her gerichtet. In Liberia trifft man überall auf Leerstellen, öffentliche Räume und Häuser, die einfach nur so da stehen ohne jeglichen Gestaltungswillen. Der gesamte Gestaltungswille der Gesellschaft ist gar nicht so da. Insofern beruhigen mich diese glatten Oberflächen hier auch etwas. Es ist eine Erholung.

Das Gespräch führte Gabriela Schaaf
Redaktion: Elena Singer