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Aktuell Welt

Die Briefkastenfirmen der Prominenten

Ein riesiges Datenleck bringt Politiker und prominente Persönlichkeiten in Erklärungsnot. Journalisten aus fast 80 Ländern haben ihre Recherchen über Finanzgeschäfte mit Briefkastenfirmen auf Panama veröffentlicht.

Spitzenpolitiker, Sportstars und dubiose Kriminelle sind nach Recherchen zahlreicher Medien in Geschäfte mit Briefkastenfirmen in mehreren Steueroasen verwickelt. Ein enormes Datenleck habe die Tätigkeiten von 214.000 solcher Offshore-Firmen offengelegt, berichten NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung".

Die Recherchen basieren auf einem Datenleck bei der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca in Panama. Laut ARD umfassen die "PanamaPapers" E-Mails, Urkunden, Kontoauszüge, Passkopien und weitere Dokumente. Der "Süddeutschen Zeitung" zufolge handelt es sich um 2,6 Terabyte an Daten, das sind 11,5 Millionen Dokumente.

Zu den Profiteuren der Offshore-Dienste zählen demnach 140 Politiker und hohe Amtsträger aus aller Welt. Zudem hätten zahlreiche Prominente und Sportstars Offshore-Firmen genutzt. Darüber hinaus tauchten in den ausgewerteten Unterlagen auch die Namen von Spionen und Drogenhändlern auf. Internationale Finanzinstitute, darunter deutsche Banken und ihre Töchter, sollen ebenfalls in die Machenschaften involviert sein.

Putin, Poroschenko, Messi

Unter anderem haben den Recherchen zufolge dem russischen Präsidenten Wladimir Putin nahe stehende Personen und der ukrainische Staatschef Petro Poroschenko Briefkastenfirmen einrichten lassen. Enge Vertraute von Putin sollen in den vergangenen Jahren unter konspirativen Umständen mehr als zwei Milliarden Dollar durch Briefkastenfirmen geleitet und dabei viel Geld aus Russland herausgeschafft haben.

Ukrainischer Präsident Petro Poroschenko und russischer Präsident Wladimir Putin (Foto: Christophe Ena/AFP/Getty Images)

Auch Poroschenko (l.) und Vertraute Putins sollen profitiert haben

Poroschenkos Briefkastenfirma wurde demnach im Jahr 2014 gegründet, nur zwei Monate nach seiner Wahl zum neuen Präsidenten der Ukraine. Auch der isländische Premierminister Sigmundur Gunnlaugsson soll bis Ende 2009 zusammen mit seiner heutigen Ehefrau eine Briefkastenfirma besessen haben, in der unter anderem Anleihen wichtiger isländischer Banken deponiert waren.

International sanktionierte Geschäftsleute wie ein Cousin des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad oder Monarchen wie der König von Saudi-Arabien haben den Unterlagen zufolge ebenfalls Offshore-Firmen genutzt.

Neue Vorwürfe gibt es durch das Datenleck auch gegen den argentinischen Fußballstar Lionel Messi. Die Ethikkommission des Fußball-Weltverbandes FIFA bestätigte der Deutschen Presse-Agentur zudem interne Vorermittlungen gegen ihr eigenes Mitglied Juan Pedro Damiani aus Uruguay.

Detaillierte Veröffentlichungen folgen

Die Briefkastenfirmen wurden den Recherchen zufolge von der Kanzlei Mossack Fonseca aus Panama gegründet. Diese gründet und verwaltet seit fast 40 Jahren Briefkastenfirmen. In Deutschland wird nach Medieninformationen seit einiger Zeit wegen Verdachts der Beihilfe zur Steuerhinterziehung gegen Verantwortliche der Kanzlei ermittelt. Auf Anfrage erklärte die Kanzlei, sie arbeite seit 40 Jahren ohne jede Beanstandung. "Nie sind wir einer Straftat beschuldigt oder angeklagt worden."

Die Auswertung sämtlicher Dokumente wurde zusammen mit dem Internationalen Konsortium für Investigative Journalisten (ICIJ) in Washington organisiert. An ihr wirkten etwa 400 Journalisten aus fast 80 Ländern mit. Ab sofort werden etwa hundert Medien unter dem Titel "PanamaPapers" ihre Ergebnisse veröffentlichen.

Der Leiter des Rechercheverbundes von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung", Georg Mascolo, sagte am Abend in der ARD-Sendung "Anne Will", er gehe davon aus, dass von dem Einblick in das Geschäft in Steueroasen "ganz erheblich" Sprengkraft ausgehe. "Das, was da in den nächsten Tagen zu lesen und zu hören sein wird, halte ich für sehr bemerkenswert, weil wir einen solchen Einblick in das Geschäft dieser Steueroasen bisher in diesem Umfang nicht gehabt haben", erklärte Mascolo.

Snowden reagiert per Twitter

Der Enthüller des NSA-Skandals, Edward Snowden, schrieb auf Twitter: "Das größte Leck in der Geschichte des Daten-Journalismus ist gerade veröffentlicht worden, und es geht um Korruption."

In ersten Reaktionen deutscher Politiker wurde die Entdeckung der Briefkastenfirmen begrüßt. Zugleich wurde die Forderung nach mehr Transparenz erhoben.

Unschuldsvermutung gilt, aber Verschleierung ist wahrscheinlich

Briefkastenfirmen werden unter anderem genutzt, um Vermögen vor dem Finanzamt zu verstecken, also um Steuern zu hinterziehen. Die ARD-"Tagesschau" betont indes auf ihren Internetseiten, dass es viele legale Einsatzmöglichkeiten von Offshorefirmen, Trusts und Stiftungen gibt. "Politisch exponierte Personen können sowohl juristisch wie moralisch korrekt handeln, wenn sie diese nutzen." Es bestehe aber in solchen Fällen in der Regel Abklärungsbedarf. Dennoch: "Es gilt in jedem Fall bei den hier genannten Personen die Unschuldsvermutung."

Auch die "Süddeutsche Zeitung" schreibt: "Generell gilt: Der Besitz einer solchen Offshore-Firma ist für sich nicht illegal. Allerdings: Wer sich in den Panamapapers umsieht, stellt sehr schnell fest, dass es in der überwältigenden Zahl der Fälle vor allem um eines geht: zu verschleiern, wem die Firma in Wahrheit gehört." Die Daten belegten, wie die globale Offshore-Industrie im Verbund mit großen Banken, Anwaltskanzleien und Vermögensverwaltern, in aller Verschwiegenheit die Besitztümer von Prominten verwalte.

gri/SC (dpa, afp)

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