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Kultur

Die Bonner AIDS-Gala und die heilende Kraft der Musik

Gegen eine Weltseuche gute Stimmung verbreiten? Und ob: Opernmelodien lösen Hemmungen und machen Spenden locker - wie bei einer festlichen Opern-Gala deutlich wurde.

Eine Weltseuche und der mühselige Kampf dagegen einerseits; schmetternde Arien über Liebe und Intrigen andererseits: Wie passt das zusammen? In seiner Moderation zur 4. Festlichen Opern-Gala in Bonn für die Deutsche AIDS-Stiftung hob der Arzt und Fernsehmoderator Eckart von Hirschhausen die heilende Kraft der Musik hervor. Die Musik beschäftige das Gehirn intensiver als jede andere Kunstform. Sie sei uns in die Wiege gelegt - oder sogar noch davor, im Mutterleib: der Herzschlag sei das Erste, was der Mensch hört. Die Faszination für Rhythmus wird also schon vor der Geburt festgelegt.

Wenn für Spenden aufgerufen wird, wirbt man am besten mit einem positiv besetzten Thema - in diesem Fall mit Musik, weiß der geschäftsführende Vorstand der Deutschen AIDS-Stiftung, Dr. Ulrich Heide. Der Mann hat reichlich Erfahrung damit: Die Bonner Gala am 9. Mai war bereits die 40. Benefizveranstaltung dieser Art. Die anderen finden regelmäßig in Düsseldorf und Berlin statt. Mit 153.000 Euro Erlös war die Bonner Gala 2015 die bis dato finanziell erfolgreichste Veranstaltung. Was mit den Geldern geschieht, macht die Stiftung transparent und nachvollziehbar: Schon für 500 Euro kann beispielsweise in Afrika die Übertragung des HI-Virus von der Mutter zum Kind verhindert und so ein Menschenleben gerettet werden.

Erwartungen übertroffen

Künstlerisch war die Gala eine Sternstunde. Dabei konnte man im Vorfeld durchaus Bedenken hegen: ein trauriger Anlass und lange Moderationen in einem vierstündigen Programm mit relativ unbekannten Sängerinnen und Sängern, die mit einer Auswahl aus den "Top 50"-Ohrwürmern des Opernrepertoires auftreten sollten.

Kein Leerlauf: Eckart von Hirschhausen mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters und Helmut Andreas Hartwig

Kein Leerlauf: Eckart von Hirschhausen mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters und Helmut Andreas Hartwig

Die negativen Erwartungen wurden nicht erfüllt. Stattdessen gab es eine kurzweilige Einführung durch die Initiatoren der Bonner Gala, Helmut Andreas Hartwig und Arndt Hartwig, sowie eine bewegende Rede der Schirmherrin des Abends, Monika Grütters, Staatsministerin für Medien und Kultur. DW-Intendant Peter Limbourg hob die internationale Verbreitung des Events durch seinen Sender hervor - auch durch den Audio-Livestream. Die deutsche Schauspielerin Hella von Sinnen erinnerte an die erste Stunde der Aids-Krise in Deutschland vor gut einem Vierteljahrhundert und an die damalige Scheu vor dem Thema der mysteriösen sexuell übertragbaren Krankheit. Und sie hob die Arbeit der damaligen Gesundheitsministerin Rita Süssmuth - die in Bonn im Publikum saß - hervor, die sich für die Überwindung des Tabus einsetzte. Süssmuths präventive Aufklärungsarbeit wurde nicht adäquat fortgesetzt, sagte von Hirschhausen: "Obwohl die Neuansteckungsrate stabil ist, leben immerhin 80.000 HIV-Infizierten in Deutschland und 35 Millionen weltweit."

Countertenor: Max Emanuel Cencic

Ein begnadeter Countertenor: Max Emanuel Cencic

Die Zukunft der Musik

Und musikalisch? Wenn die Gala ein Vorgeschmack auf die Zukunft des Operngenres war, dann liegt dieses in guten Händen - oder Stimmbändern. Die Koreanerin Sumi Hwang überzeugte mit ihrem hochemotionalen Sopran, der Italiener Leonardo Caimi mit seinem Tenor voller Schmelz und Wärme. Atemberaaubende Koloraturen der französischen Mezzosopranistin Karine Deshayes standen der Strahlkraft der deutschen Wagner- und Strauss-Sopranistin Manuela Uhl gegenüber - die hier allerdings Beethoven und Pucchini zum Besten gab.

Eine ukrainische Mezzosopranistin von der Krim, Lena Belkina, und ein russischer Bariton aus Nowosibirsk, Roman Burdenko, gaben einem oft gehörten Klischee recht: nämlich dass Musik politische Konflikte zwar nicht außer Kraft setzt, sie aber zumindest vollständig ignorieren kann.

Längst ist die Welt der Klassik eine der internationalsten, die man sich vorstellen kann: Ein in Guatemala geborener Halbchinese (der Tenor Mario Chang) tritt neben einer französisch-nigerianischen Sopranistin (Omo Bello) und einer gebürtigen Australierin auf, die ihre musikalische Ausbildung in England erhielt und jetzt in Italien lebt (Sopranistin Jessica Pratt). Hinzu kam ein österreichischer Countertenor, der eine der bestfundierten Stimmen in dieser schwierigen Stimmlage besitzt: Max Emanuel Cencic. Maria Pia Piscitelli, Sopran aus Italien, rundete das elfköpfige Defilee der Solisten ab.

Deutsche Aids Stiftung Festliche Operngala in Bonn

Alle Solisten schmetterten etwas Verdi zum Schluss

Kein einzelner verpatzter Ton, kein schwacher Augenblick in der mehr als zweistündigen musikalischen Darbietung. Das sei hier nur vollständigkeitshalber erwähnt. Nicht nur, weil man meint, die fehlerlose Darbietung junger, aufstrebender Sänger besonders betonen zu müssen, sondern weil verpatzte Töne und schwache Augenblicke zu jeder Vorstellung gehören, auch bei großen Festivals und großen Namen. Stattdessen: nur Rosinen. Eckart von Hirschhausen, der nach eigener Aussage den "Teig zwischen den Rosinen" lieferte, schaffte es, bei aller Emotionalität im Saal, unaufdringlich immer wieder an den Anlass des Abends zu erinnern: "In der Aidsbekämpfung gibt es noch viel zu tun."

Am 11. Mai berichtet die TV-Sendung "Euromaxx" über die 4. Festliche Opern-Gala für die Deutsche AIDS-Stiftung, und am 16. Mai die Sendung "Sarah's Music". Vom 15. bis 29 Mai ist das Konzert in voller Länge als Audio on Demand in der Sendung Concert Hour abrufbar.

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