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Afrika

Die Blutdiamanten und der Promifaktor

Die Schöne und das Biest: Im Gerichtssaal von Den Haag standen sie sich wieder gegenüber - Topmodel Naomi Campbell und der Ex-Diktator Charles Taylor. Und alle Welt guckt hin. Alexander Göbel findet das zynisch.

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Alexander Göbel

Ein schönes Supermodel, ein blutrünstiger Warlord, ein Säckchen voller Rohdiamanten - es könnten beste Zutaten für den zweiten Teil des erfolgreichen Kinofilms Blood Diamond sein - aber man höre und staune, es ist die Realität. Nur könnte nicht einmal Hollywood sie besser inszenieren: 13 Jahre nach ihrem ersten Treffen in Südafrika standen sich die beiden im Gerichtssaal in Den Haag gegenüber. Damals soll Taylor der von ihm verehrten Mode-Muse spätnachts Diamanten geschenkt haben - nach einem Benefiz-Dinner bei Nelson Mandela. Edelsteine, an denen möglicherweise Blut klebt. Denn das UN-Sondergericht für Sierra Leone wirft Taylor unter anderem vor, er habe den Rebellen im Bürgerkrieg von Sierra Leone zwischen 1991 und 2002 Waffen geliefert und sich dafür mit Diamanten aus den Minen im Osten des Landes teuer bezahlen lassen.

Um dies ein- für allemal zu beweisen, hatte Chefanklägerin Brenda Hollis Naomi Campbell vom Laufsteg in den Zeugenstand geholt. Die Anklage hatte sich viel erhofft vom Promi-Showdown in Den Haag, wo Charles Taylor sich wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten muss. Mit einem Schlag sollte die Aussage des Supermodels endlich die medienwirksame Wende bringen in einem Prozeß, der sich bereits seit drei Jahren hinzieht, in dem die Anklage sich sehr schwer tut, und der das chronisch unterfinanzierte UN-Sondergericht immer wieder an den Rand der Pleite gebracht hat. Und das weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit. Bisher jedenfalls.

Campbells Aussage zu den Diamanten sollte nun der Coup schlechthin sein, der missing link, das letzte Puzzleteilchen, um die erdrückenden Vorwürfe zu beweisen, dass Taylor unmittelbar am Krieg in Sierra Leone beteiligt war. An einem Krieg, in dem 250.000 Menschen starben und unzählige verstümmelt, vergewaltigt und schon im Kindesalter zwangsrekrutiert wurden.

In der Sache ist Campbells Aussage nichts anderes als eine herbe Enttäuschung. Sie hat Taylor nicht belastet, wollte nicht gewusst haben, woher die Steine kamen. Was bedeutet das nun für den Wert von 30.000 Seiten Anklageschrift und elf Anklagepunkten gegen Taylor? Alles umsonst? Ist die Anklage so hilf- und ratlos, dass sie alles auf Naomi Campbell setzen wollte? Und mal ehrlich: Hat jemand ernsthaft erwartet, dass sie Taylor beschuldigt und sich damit selbst in Verruf bringt? Wird Campbells Auftritt zum Bumerang für die Anklage? Wie geht es weiter, wenn Charles Taylor nun entspannt bei seiner Version der Geschichte bleiben kann und seine Anwälte die Aussage des Supermodels genüsslich diskreditieren? Auf jeden Fall ist das Ganze ein Schlag ins Gesicht der Kriegsopfer und der mehr als einhundert Zeugen, die über die fürchterlichsten Gräueltaten berichtet haben. Als noch keine Kameras und nur ganz wenige Reporter vor dem Gerichtsgebäude standen.

Was den Medienrummel angeht, mag die Rechnung der Anklage aufgegangen sein – alle Welt redet wieder von Blutdiamanten. Für ein paar Tage ist Sierra Leone zurück in den Schlagzeilen. Immerhin. Dafür muss man Naomi Campbell sogar noch dankbar sein – Medien und Öffentlichkeit funktionieren eben nach den Gesetzen der Prominenz als Attraktion. Wir sehen vor allem deswegen hin, weil die Schöne gegen das Biest antritt – ansonsten interessieren uns Blutdiamanten eher im Kino. Das muss man zur Kenntnis nehmen. Aber man darf es vor allem angesichts der unvorstellbaren Verbrechen in Sierra Leone getrost einmal zynisch finden.

Autor: Alexander Göbel
Redaktion: Christine Harjes