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Afrika

Die Bettel-Schüler aus Nordnigeria

Hunderte Tote in nur einem Monat - Boko Haram überzieht Nordnigeria mit Terroranschlägen. Doch wo rekrutieren die Islamisten ihren Nachwuchs? Beobachter verdächtigen die Koran-Schulen der Region.

Für Rabiu ist es ein erfolgreicher Tag. Erst seit ein paar Minuten zieht der Neunjährige von Haus zu Haus und singt seine Koran-Verse. Schon öffnet ein älterer Herr seine Tür und schüttet Reis in Rabius kleine Metallschüssel. "Den werde ich gleich kochen und essen", erklärt der Junge. Meistens dauere es länger, bis jemand etwas spende, aber satt werde er eigentlich immer.

Ideale Rekruten für Extremisten?

Ein Koranschüler steht vor einem eisernen Tor in einer Straße in Bauchi, Nordnigeria (Foto: DW).

Jeden Tag geht Almajiri-Schüler Rabiu betteln

Es ist Mittagszeit in Bauchi, einer Großstadt im Norden Nigerias. Überall ziehen Jungen durch die Straßen, die aussehen wie Rabiu. Sie tragen ein weißes Gewand und haben eine Schüssel dabei. Sie sind sogenannte Almajiris, eine Kombination aus Bettler und Koran-Schüler. Mehrere Tausend von ihnen gibt es allein in Bauchi. Meist werden sie von ihren Eltern in die Stadt geschickt, um in Almajiri-Schulen eine religiöse Ausbildung zu bekommen. Vielen Familien ist das zunächst wichtiger als der Besuch in einer staatlichen Schule, der Geld kostet. Die meisten Religionsschulen sind umsonst. Um ihr Überleben müssen sich die Almajiri-Schüler jedoch häufig selbst kümmern, deshalb gehen viele in der unterrichtsfreien Zeit betteln.

Seit langem wird im westafrikanischen Nigeria darüber diskutiert, welche gesellschaftliche Bedeutung die Almajiri-Schulen haben. Hunderte davon sind vor allem im muslimisch geprägten Norden des Landes zu finden. Für viele Muslime sind sie ein wichtiger Teil ihrer religiösen Identität. Kritiker - vor allem aus dem Ausland - glauben dagegen, die vielen jungen Almajiri-Schüler, die mittellos durch die Städte ziehen und nach religiöser Orientierung suchen, seien die idealen Rekruten für Extremisten. Der nigerianische Publizist und Aktivist Eneruvie Enakoko geht in einem Interview sogar so weit, die Almajiri-Schulen für Teile des Boko Haram-Terrors mitverantwortlich zu machen. Die islamistische Sekte macht seit Jahren weite Teile Nordostnigerias unsicher.

Boko Haram

bedeutet übersetzt etwa "Westliche Bildung ist verboten" oder "Moderne Erziehung ist eine Sünde". Den Anschlägen der Gruppe auf Krankenhäuser, Polizeistationen oder Schulen sind bereits mehrere tausend Menschen - überwiegend Muslime - zum Opfer gefallen. Allein im Februar dieses Jahres sind nach Schätzungen mehr als 500 Menschen bei Boko Haram-Attacken getötet worden.

Unterricht mit der Peitsche

Schild einer Koranschule in Bauchi, Nordnigeria (Foto: DW).

Nach Schätzungen besuchen mehrere Millionen Schüler traditionelle Koran-Schulen in Nordnigeria

Ahmed Muhammad ist nigerianischer Zeitungsjournalist und befasst sich seit Jahren mit Boko Haram. Auch er ist der Meinung, dass vor allem die weit verbreitete

Armut im Norden des Landes

Terrorgruppen wie Boko Haram in die Hände spiele. Die Tradition der Almajiris sieht er allerdings nicht als das zentrale Problem. Vielmehr müsse der Staat dafür sorgen, dass die vielen gut ausgebildeten Schul- und Hochschulabgänger in der Region berufliche Perspektiven bekämen. "Jedes Jahr verlassen Tausende junge Nigerianer die Schulen und es gibt

keine Jobs

für sie. Sie wissen nicht, wo sie hinsollen. Genau diese Leute sind es, die leicht beeinflussbar sind - im Guten wie im Schlechten", so der Journalist. In der Tat ist von einigen führenden Boko Haram-Mitgliedern bekannt, dass sie eine gute Ausbildung in westlichen Einrichtungen genossen haben, bevor sie sich der Sekte anschlossen. So hatte ihr ehemaliger Anführer Muhammad Yusuf angeblich einen Universitätsabschluss und sprach hervorragendes Englisch.

Die meisten Almajiri-Lehrer hingegen distanzieren sich klar von extremistischen Ansichten - auch wenn ihre Erziehungsmethoden mitunter steinzeitlich erscheinen. Nach seinem Mittagessen muss Rabiu mehre Stunden Koran-Verse auswendig lernen. Mit mehr als 100 anderen Schülern sitzt er auf dem Steinboden einer viel zu kleinen Wellblechhütte. Singt einer der Jungen die Verse nicht laut genug mit, bekommt er vom Aufseher einen Peitschenhieb.

"Den Koran genau lesen"

Sandstraße in Bauchi, Nordnigeria (Foto: DW).

Trotz des Ölreichtums ist die Infrastruktur miserabel - besonders im muslimisch geprägten Norden Nigerias

Doch es gibt inzwischen auch modernere Almajiri-Schulen, in denen auf solche Züchtigungsmethoden verzichtet wird. Hier bekommen die Schüler sogar ein warmes Mittagessen, für Kinder aus armen Familien werden Stipendien angeboten. Lehrer Abdullahi Muhammad erzählt, dass auch er als Jugendlicher ein Almajiri war. "Nachdem ich meine Koran-Bildung bekommen habe, habe ich noch die allgemeine Schule abgeschlossen und bin auf die Hochschule für Lehrer gegangen. Jetzt bin ich auch noch Mathematiklehrer", sagt er stolz. Beim Lesen des Korans habe er vor allem eines gelernt: Man solle mit verschiedenen Menschen und verschiedenen Religionen friedlich zusammenleben. "Wenn man genau liest, erfährt man, dass Prophet Mohammed sich auch um Nichtgläubige gekümmert hat, als es ihnen nicht gut ging", erklärt der Almajiri-Lehrer.

Nigerias Regierung will die religiösen Schulen künftig ins offizielle Bildungssystem des Landes integrieren. So sollen möglichst viele Almajiris neben ihrer religiösen Ausbildung auch eine reguläre Schulbildung erhalten. Für Koran-Schüler Rabiu steht fest, dass er eines Tages sogar auf eine Universität gehen will - auch wenn es bis dahin noch ein weiter Weg ist.

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