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Kultur

Die Besucher verschwinden im Licht

Es ist seine größte Installation für ein Museum: In Wolfsburg flutet der kalifornische Künstler James Turrell zwei riesige weiße Quader mit buntem Licht – und lässt die Besucher sich darin verlieren.

James Turrells begehbare Installation Bridget's Bardo in Wolfsburg im pinken Licht ( Florian Holzherr)

Das gibt es auch in rosa

Eine Galerie unter der Decke des Wolfsburger Kunstmuseums. Eine Rampe führt seitlich nach unten, in einen riesigen weißen Kubus hinein. Aus der Öffnung strahlt ein grelles Pink, das sich langsam in Richtung Blau verändert. Kleine Gruppen von Menschen laufen über die Rampe und verschwinden im farbigen Licht. Beim Wartenden stellt sich ein mulmiges Gefühl ein: Wahrnehmungsstörungen wurden angekündigt – was wird mit einem passieren, in "Bridget’s Bardo", wie der kalifornische Lichtkünstler James Turrell seine Installation nennt?

Mit den Augen fühlen

Ganz so konturlos wie erwartet ist der Raum dann doch nicht. Die weiße Rampe endet auf dem Boden des Kubus kurz vor einer Wand. Doch wer sich ihr nähert, wird von einem Wärter aufgehalten: Nicht zu nahe herantreten, es gibt kein Geländer! Wo zunächst eine Wand zu sein schien, öffnet sich ein neuer Raum von scheinbar unendlicher Farbigkeit. Hier existieren keine Dimensionen mehr, keine Konturen sind zu erkennen, nur noch Licht und Farbe. "Sensing Space", nennt Turrell diesen Teil seiner Installation, in dem der Besucher "mit den Augen fühlen" soll. Man merkt sehr bald, was damit gemeint ist: Angesichts dieser formlosen Unendlichkeit kommt das Denken zur Ruhe, man ist in der langsam sich verändernden Farbigkeit geborgen. So sehr, dass ein Besucher einer ähnlichen Installation in den USA schon einmal einen Kopfsprung hinein gewagt hat – wofür der Künstler haftbar gemacht wurde.

Jeder hat ein inneres Licht

James Turrell

Schaut gerne ins Licht

Der 66-jährige Turrell hat mit seinen weißen Haaren und dem Rauschebart etwas von einem Propheten. Es passt nur zu gut, dass Licht sein Medium ist. Turrell glaubt fest daran, dass es auch ein inneres Licht gibt, in jedem Menschen. Man erlebt es zum Beispiel im Traum: "Wenn Sie einen sehr klaren oder eindrücklichen Traum haben, in Farbe, und Sie wachen auf, fragen Sie sich: Woher kommt dieses Licht? Es kommt nicht aus der Erinnerung, und doch haben wir diese vollkommenen Visionen mit geschlossenen Augen." Turrell ist in einer streng religiösen Quäkerfamilie aufgewachsen, die Elektrizität abgelehnt hat. Das hat ihn empfänglicher gemacht für das Licht der Sonne, vielleicht sogar dankbarer.

Der Eingang zu einem von Turrells Himmels-Observatorien im Roden Crater in der Wüste von Arizona (Foto: Florian Holzherr)

Eingang zum Himmels-Observatorium

In den 1970er-Jahren suchte Turrell einen Ort, an dem man sich ganz der Beobachtung des Tageslichts widmen konnte. Er fand einen erloschenen Vulkankrater in der Wüste von Arizona. Mit der Unterstützung reicher Liebhaber seiner Kunst kaufte er das Gelände von der Größe Manhattans und legte dort unterirdische Räume an, in denen sich das Licht des Himmels beobachten lässt. Das Projekt sollte längst vollendet sein, doch immer wieder gab es Rückschläge, zuletzt durch die Finanzkrise.

Im Licht liegt Wahrheit

James Turrells Lebenswerk: Der Roden Crater in der Wüste von Arizona, Blick von Südwesten (Foto: Florian Holzherr)

James Turrells Lebenswerk: Der Roden Crater

Auch wenn Turrell sein Lebenswerk, den Roden Crater, dem Licht des Himmels gewidmet hat, macht er keinen Unterschied zwischen Tages- und künstlichem Licht. 30.000 LED-Lämpchen erleuchten seine Wolfsburger Installation in über 65.000 Farbvariationen. "Verglichen mit der Sonne", sagt der Künstler und lacht wissend, "ist unser Licht sehr dürftig. Aber es ist nun einmal unser Licht. Und es ist auch natürliches Licht: Man muss immer etwas verbrennen oder stimulieren, um Licht zu erzeugen. Und das Licht trägt die Eigenschaften des Stoffes, der es erzeugt hat. Von daher liegt im Licht Wahrheit."

Wie unter Drogen

Bei längerem Aufenthalt in Turrells Wolfsburger Installation stellen sich Wahrnehmungsveränderungen ein (Foto: Florian Holzherr)

Wahrnehmungsveränderungen können sich einstellen

Dreht man sich nach einer Weile vor Turrells "Sensing Space" zu dem Wärter um, der den Abgrund bewacht, scheint sich dieser in einem Nebel aufzulösen. Sein Gesicht verschwindet fast in der Farbe, die dunkle Uniform wird zu einem unscharfen grauen Feld. Tatsächlich verändert sich die Wahrnehmung, wie es sonst nur durch Drogen passiert. Wie die Psyche auf diese Situation reagiert, sei noch nicht erforscht, hatte Museumsdirektor Markus Brüderlin vorsorglich gewarnt. Doch Bernd Georges, so der Name des Museumswärters, winkt ab – er hat hier schon bis zu zwei Stunden verbracht. "Naja, wie soll man sich schon fühlen. Wenn man rausgeht, ins normale Licht, ist das schon etwas komisch." Doch so unbeeindruckt er sich gibt, so auffällig ist das Strahlen in seinem Gesicht: "Ich finde es herrlich. Ich bin richtig begeistert." Hier hat Turrells Werk vielleicht ein inneres Licht zum Leuchten gebracht.

Autor: Dirk Schneider

Redaktion: Marcus Bösch

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