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Bücher

Die besten Bücher aus Frankreich (VII)

Frankreich ist Gastland der Buchmesse. Im letzten Teil unserer Reihe mit Neuerscheinungen stellen wir drastische literarische Blicke auf gesellschaftliche und persönliche Erfahrungen vor - und einen historischen Roman.

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex

In seiner Jugend erwartete man von den Kindern, dass sie soziale Wesen werden, fähig zur Anteilnahme. (…) Aber inzwischen gibt es Facebook, und die Generation der Dreißigjährigen besteht aus egozentrischen Psychopathen an der Grenze zur Demenz. Brutaler Ehrgeiz, frei von jedem Gedanken an Legitimität.

In Virginie Despentes neuem Roman "Das Leben des Vernon Subutex" bekommen viele ihr Fett weg. Eigentlich alle. Doch der Reihe nach. Vorgestellt wird zunächst einmal Vernon Subutex, seines Zeichens Ex-Punker und Inhaber eines legendären Schallplattenladens. Doch das liegt schon länger zurück, der Laden ist geschlossen und Subutex ist am Ende. Den Todesstoß versetzte ihm der Verlust seines Gönners, Alex Bleach, Sänger und steinreich. Er hatte Subutex immer noch mit Geld versorgt, als die Geschäfte schon nicht mehr gut liefen. Doch die Goldader ist mit Bleachs Tod versiegt, Subutex gleitet unaufhaltsam in die Obdachlosigkeit. Nun versucht er verzweifelt Unterschlupf zu finden, bei ehemaligen Freunden und Bekannten.

Es sind diese Begegnungen mit Vertretern einer Generation, die allesamt aus der Zeit gefallen zu sein scheinen, die dem Roman Struktur verleihen. Ehemalige Mitstreiter von Vernon Subutex kommen zu Wort - eine Generation, die noch Schallplatten hörte. Das ist im Streaming- und Facebook-Zeitalter nur noch Nostalgie - ein Thema des Romans. Der französischen Schriftstellerin Virginie Despentes ist mit "Das Leben des Vernon Subutex" ein wüster gesellschaftlicher Rundumschlag gelungen. Drastisch und zynisch beschreibt sie die Missstände einer Generation, ohne Mitleid dringt sie tief ein in das intellektuelle, künstlerische und bürgerliche Milieu der Großstadtfranzosen. Die erzählerische und stilistische Drastik lassen viele Kritiker von einem "weiblichen Houellebecq" sprechen.

Da ist was dran. "Vernon Subutex" ist Despentes siebter Roman, in Frankreich ist sie so lang im Geschäft wie Houellebecq. Aber sie ist eine Frau, und aus diesem Grund unterscheidet sie sich zumindest in einem Punkt fundamental von der Sichtweise ihres berühmten Kollegen: Sie schaut anders auf das weibliche Geschlecht. In Frankreich sind bereits drei Subutex-Romane erschienen und wurden zu einem Riesenerfolg. In Deutschland liegt nun der erste Band dieser denkwürdigen Romanreihe vor.

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex, übersetzt von Claudia Steinitz, 400 Seiten, Kiepenheuer & Witsch Verlag, ISBN 978-3-462-04882-7.

Edouard Louis. Im Herzen der Gewalt

…und mir war regelrecht übel geworden bei dem Blick aus dem Fenster, immer noch dieselben Mais- und Rapsfelder, dieselben endlosen Flächen von stinkenden Zuckerrüben, die Reihen von Backsteinhäusern, die widerwärtigen Plakate des Front National, die schäbigen kleinen Kirchen, stillgelegte Tankstellen, heruntergekommene, baufällige Supermärkte, einfach zwischen die Weiden geknallt, in diese deprimierende nordfranzösische Landschaft.

Frankreich ist nicht schön in den Romanen des Edouard Louis. Schon in "Das Ende von Eddy", dem Debüt des Jungstars der französischen Literatur wurde das 2014 sehr deutlich. Louis war Anfang 20 und hatte sich mit dem Buch nicht zuletzt den Frust ob seiner sozialen Herkunft aus dem tristen Norden Frankreichs von der Seele geschrieben. Nun ist Louis immer noch blutjung, 24, und hat seinen zweiten Roman vorgelegt. Und auch dort spielt die ehemalige Heimat noch eine Rolle - auch wenn das Romangeschehen jetzt in Paris spielt, wo Louis inzwischen lebt. Denn Autor und Romanheld sind hier kaum zu trennen. "Im Herzen der Gewalt" ist ein stark autobiografisch gefärbter Roman. Ein Buch über den zweiten großen Bruch im Leben des Edouard Louis. Der erste Bruch war der Auszug aus der Heimat. Louis, an Büchern und der Welt des Geistes interessiert, homosexuell und sensibel, musste die als Enge empfundene Heimat verlassen, um in Paris freier atmen zu können.

Doch das Ereignis, dass ihn dort ereilte, löste eine zweite Erschütterung in dem jungen Schriftsteller aus - die schließlich zum vorliegenden Buch führte. "Im Herzen der Gewalt" handelt von einer Vergewaltigung: An einem Abend lernt der Ich-Erzähler Reda kennen, einen Mann, den er mit in seine Wohnung nimmt. Die beiden haben Sex. Doch dabei bleibt es nicht. Irgendwann schlägt das anfänglich zärtliche Zusammensein um in eine Orgie der Gewalt.

Was das beim Ich-Erzähler auslöst, darüber berichtet Louis in seinem neuen Buch in allen Facetten. Eine Rolle spielt dabei auch, dass Reda Nordafrikaner ist, ein "maghrebinischer Typus", wie es an einer Stelle heißt. Wichtig werden auch die Gespräche mit Bekannten und Verwandten, wie Claire, der Schwester. Die ist in der nordfranzösischen Heimat geblieben und sieht manches anders. Und so knüpft "Im Herzen der Gewalt" auch wieder an Louis' literarisches Debüt an.

Edouard Louis. Im Herzen der Gewalt, übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, 220 Seiten, Fischer, ISBN 978-3-10-397242-9.

Hédi Kaddour: Die Grossmächtigen 

…aber das störte vor allem die Franzosen, die es nicht leiden konnten, wenn man Leute bestaunte, die größer und reicher waren als sie selbst…

Anders als Despentes und Louis serviert Hédi Kaddour dem Leser mit "Die Grossmächtigen" einen historischen Roman - der aber auch durchaus Bezüge zur Gegenwart aufweist. Die Handlung beginnt im Jahr 1922: Ein amerikanisches Filmteam erreicht das kleine (fiktive) maghrebinische Wüstenkaff Nahbes. Gedreht werden soll dort einer für jene Zeit typischen, "exotischen" Filme, mit denen das Hollywood-Publikum auf der ganzen Welt unterhalten wird. Scheichs und Kamele, verführerische Frauen vor noch verführerischer Wüstenkulisse - das sind die Zutaten der Unterhaltungsindustrie.

Das Filmteam samt Regisseur und Schauspielern trifft auf die Menschen vor Ort, einfache Nordafrikaner, aber auch Vertreter einer gebildeten arabischen Oberschicht. Das führt zu einem gehörigen Culture-Clash. Moralvorstellungen und Lebensentwürfe, islamisches und christliches Denken, koloniale und aufrührerische Ideologien prallen hier aufeinander. 

Hédi Kaddour, Sohn eines Tunesiers und einer Französin, kennt beide Seiten Frankreichs, die der (ehemaligen) kolonialen Großmacht, aber auch die Nordafrikas."Die Grossmächtigen", das Wort steht für die Arroganz der Kolonialherren, ist ein praller Historienroman über Kultur und Leben, voller Anspielungen und Geschichten. Und Kaddour bleibt nicht in Nahbes.

Er führt den Leser nach Berlin und Paris, erzählt vom Ersten Weltkrieg, von der Feindschaft zwischen Frankreich und Deutschland, vom Lauf der Geschichte in diesen Zeiten (auch Hollywood kommt mit ein paar saftigen Skandalen vor) und kehrt irgendwann nach Nordafrika zurück. Bis dahin hat der Leser über fast 500 Seiten einen teils märchenhaften- teils gesellschaftskritischen Roman gelesen, voller historischer und kultureller Anekdoten.

Hédi Kaddour: Die Grossmächtigen, übersetzt von Grete Osterwald, Aufbau Verlag, 478 Seiten, ISBN 978-3-351-03681-2.

Julie Estève: Lola

Scheißsonntag! Lola schleicht durch ihre Wohnung und dreht sich im Kreis, wie ein Raubtier im Käfig. Ihr Kopf ist schwer von den quälenden Erinnerungen. Sie schreit, und es klingt wie ein Fauchen. Sie braucht unbedingt Menschenfleisch, will einen anderen Körper spüren, hart genommen werden, sich selbst vergessen.

Dies ist die Geschichte einer jungen Frau, die wie ein verzweifelter Hilferuf zu lesen ist. Lola ist Nymphomanin, sie durchstreift die Bars und Hinterhöfe von Paris um Sex zu haben. Am liebsten mit fremden Männern. Jedes Mal nimmt sie sich eine kleine Trophäe mit.

Auf den ersten Seiten von Julie Estèves schmalem Buch könnte man noch zu dem Eindruck gelangen, hier handele es sich um einen Unterhaltungsroman, der auf deftige Sexszenen aus ist, leicht konsumierbar und mit Versatzstücken französischer (und deutscher) Kultur angereichert ist. Doch irgendwann schlägt der Tonfall um und der Schrecken beim Lesen wird immer größer.

Es wird schmutzig und unappetitlich, das ganze verwandelt sich in die Geschichte einer verzweifelten Frau, die in ihrer Einsamkeit umzukommen droht. Und der Leser beginnt zu begreifen, warum diese Lola nach Liebe und Anerkennung sucht und diese sich in drastischer Form körperlicher Nähe anzueignen versucht. Lolas Vater, alkoholkrank und beziehungsunfähig, wird zum Schlüssel dieses weiblichen Psychogramms. Tragisch nur, dass sich die junge Frau auch dann nicht mehr zu helfen weiß, wenn sich ein Ausweg aus der Misere andeutet. Ein Nachbar findet Gefallen an Lola, die beiden beginnen eine Beziehung. Doch was dann folgt ist nur Ausdruck der abgrundtiefen Verzweiflung der Protagonistin. Für eine Rettung scheint es zu spät zu sein.

Julie Estève: Lola, übersetzt von Christian Kolb, 158 Seiten, Rowohlt, ISBN 978-3-498-09094-4.

Delphine de Vigan: Tage ohne Hunger

Eines Tages, mehrere Wochen bevor sie in die Klinik ging, hatte er sie angerufen, um ihr zu erklären, so gehe das nicht, er ertrage es nicht mehr. Er habe nämlich den Eindruck, ein Biafrakind im Fernsehen zu sehen, bloß ohne Fliegen.

Auch das ist ein Text über die Reise einer jungen Frau in die Hölle. Und auch hier liegen die Gründe für das Leid der Gegenwart in der Vergangenheit, beim Elternhaus. Laure ist neunzehn, und anders als Lola, versucht sie den Schmerz und die Einsamkeit nicht mit äußerlichen Aktionen zu bekämpfen. Lauras Kampf richtet sich gegen den eigenen Körper. Sie stemmt sich gegen die Nahrungsaufnahme: Magersucht lautet die Diagnose in einer Spezialklinik, wo die junge Frau aufgenommen wird.

Wie dieser Kampf um jedes Gramm tagtäglich das Leben der jungen Frau zur Hölle macht, das schildert Delphine de Vigan eindringlich. In der Klinik trifft sie auf einen verständnisvollen Doktor, der ihr zu helfen scheint - wären da nicht immer wieder die vielen kleinen Rückfälle. Wie man mit der Krankheit lebt, mit welchen Tricks die Patienten (der Leser begegnet auch Laures Leidensgenossinnen) arbeiten, um das leidige Essen wieder loszuwerden, das dürfte für die meisten Leser überraschend sein.

Delphine de Vigan schrieb "Tage ohne Hunger" bereits 2001, erst jetzt kommt der Roman in Deutschland heraus - aus einem einfachen Grund. Delphine De Vigan ist inzwischen auch hierzulande ein Star. Mit ihrem eindrucksvollen Buch "Das Lächeln meiner Mutter" eroberte sie 2013 auch die deutschen Bestsellerlisten. Liest man nun ihr literarisches Debüt, erschließt sich auch das autobiografische Buch über Delphine de Vigans Mutter noch mehr. 

Delphine de Vigan: Tage ohne Hunger, übersetzt von Doris Heinemann, 172 Seiten, ISBN 978-3- 8321-9837-4.

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