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Bücher

Die besten Bücher aus Frankreich (VI)

Präsident Emmanuel Macron eröffnet den literarischen Gastland-Auftritt der Buchmesse. Der 6. Teil unserer Serie beginnt deshalb mit einem Buch über französische Präsidenten. Außerdem: Erinnerungsliteratur und ein Krimi.

Hervé Le Tellier: Ich und der Präsident

Cher Monsieur, Ihren Brief vom 10. September 1983 habe ich dankend erhalten…

Mit diesen Worten beginnen alle Briefe, die der französische Autor und Kolumnist Hervé Le Tellier aus dem Elysée-Palast erhält. Es ist ein Standardbrief. Le Tellier bekommt diese Briefe, weil er vor vielen Jahren begonnen hat, die französischen Präsidenten anzuschreiben. Er begann seine Korrespondenz mit François Mitterand. Als der Sozialist starb, setzte Le Tellier den Briefwechsel fort, mit Chirac, Sarkozy, Hollande - und möglicherweise, das lässt der Autor in seinem Büchlein offen, auch mit Macron.

Hervé Le Tellier hat sich einen Spaß gemacht mit seinen Briefen, die er in den Präsidentenpalast schickt - und lässt den Leser nun daran teilhaben. Antworten bekommt er viele. Doch die klingen immer gleich: Ihren Brief vom … habe ich dankend erhalten … stets enden sie mit der gleichen Floskel: Mit dem Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung, Der Präsident der Republik. "Ich und der Präsident" ist ein köstliches Buch, zum Schmunzeln und zum Lachen. Le Tellier ist eine Art Martin Sonneborn à la française. Seine knochentrockene, absurde Komik ist vergleichbar mit der der deutschen Satirezeitschrift "Titanic". Das Buch ist schillernde literarische Satire, die aber durchaus etwas zu sagen hat über Politik und Politiker, über Worte des Staates und die Erwartungshaltung der Bürger. Einer der witzigsten Beiträge zum Gastland Frankreich bei der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt.

Hervé Le Tellier: Ich und der Präsident, übersetzt von Jürgen und Romy Ritte, 86 Seiten, dtv, ISBN 978-3- 423-14626-5.

Alain Mabanckou: Die Lichter von Pointe-Noire

Er verewigt den Gedanken, dass das Heil aller Kongolesen in Europa liegt. Dort sieht er sich allerdings mit einer Realität konfrontiert, die er den Jugendlichen in den Straßen von Pointe-Noire verheimlicht: Er lebt auf weniger als zwanzig Quadratmetern, kämpft um eine ständige Aufenthaltsgenehmigung und steht morgens auf, um in einer Agentur für Zeitarbeit an der Gare du Nord einen Job zu bekommen.

Um Präsidenten geht es in Alain Mabanckous neuem Buch "Die Lichter von Pointe-Noire" auch - allerdings nur am Rande. Mabanckou, 1966 in der Republik Kongo geboren, lebt heute in Paris und Los Angeles. Er kennt beide Welten. Die Europas, wohin derzeit so viele Menschen aus Afrika flüchten, um dann beispielsweise am Gare du Nord bei der Arbeitssuche zu stranden, er kennt aber auch die Welt seiner afrikanischen Heimat. Deswegen ist das Buch von Mabanckou gerade jetzt so lesenswert.

Wenn die französische Literatur in diesen Tagen in Frankfurt gefeiert wird, dann ist das nicht nur eine Sache der in Frankreich geborenen Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Französischsprachige Literatur entsteht in vielen Ländern der Welt. Mabanckou erzählt in "Die Lichter von Pointe-Noire" von einer Rückkehr in die Heimat nach 26 Jahren. Der Autor, inzwischen mit Romanen und Essaybänden erfolgreich, trifft in seinem Geburtsland Verwandte, Bekannte und Freunde. Sie alle sehen etwas anderes in diesem Rückkehrer auf Zeit, einen berühmten Autor oder einfach den kleinen Alain von damals. Manche erhoffen sich Geld und Spenden, anderen wollen nur plaudern über vergangenen Zeiten, sich erinnern. Warum so viele Afrikaner ihrer Heimat derzeit den Rücken kehren, warum sie sich ein besseres, oder zumindest ein anderes Leben im gelobten Europa erhoffen - ein paar Antworten findet man in diesem schönen, herzerwärmenden und klugen Buch. 

Alain Mabanckou: Die Lichter von Pointe-Noire, übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller, 270 Seiten, Liebeskind, ISBN 978-3-95438-079-4.

Annie Ernaux: Die Jahre

Sie hat das Gefühl, dass sich hinter ihr ein Buch schreibt, ganz von selbst, einfach dadurch, dass sie lebt, aber dem ist nicht so.

Wie Mabanckous Buch ist auch das von Annie Ernaux ein Erinnerungstext. Doch anders als der im Kongo geborene Autor, der Jahrzehnte nach seinem Weggang nach Europa und in die USA zurückkehrt in das Land seiner Geburt und sich dort mit der Vergangenheit auseinandersetzt, ist Ernaux' Text ein chronologischer Blick zurück auf die Jahrzehnte des eigenen Lebens. Die Autorin beginnt ihre Erinnerungen 1940, im Jahr ihrer Geburt und durchstreift die folgenden Jahre. Es ist ein Puzzle persönlicher, ganz subjektiver Erinnerungsfetzen.

"Die Jahre" ist ein faszinierender Text, den man vermutlich allerdings als deutscher Leser anders aufnehmen wird als ein französischer Rezipient. Ernaux' Buch ist nichts anderes als eine Art persönliches Geschichtsbuch, dass im Zweiten Weltkrieg beginnt, die Jahrzehnte durchstreift, über Algerien- und Vietnamkrieg ebenso berichtet wie über den Citroën oder den Renault, der gerade als Familienkutsche dient. Die ganz persönliche "Geschichte" steht hier gleichberechtigt neben der offiziellen Historie, die sich freilich in der subjektiven Erinnerung der Autorin spiegelt. Eckpunkte der Erzählung sind hier auch die Musik, die man hörte, die Filme, die man sah, Werbung und Nachrichtenschlagzeilen, Familienleben, sexuelles Erwachen. Der Eintritt in die Bürgerlichkeit wird gespiegelt, ebenso wie die Flucht aus der Enge der Ehe. In Frankreich gelten "Die Jahre" als "melancholisches Meisterwerk der Gedächtnisliteratur", Ernaux selbst bezeichnet sich "Ethnologin ihrer selbst". Wie gesagt, als deutscher Leser nähert man sich den Erinnerungen der Autorin aus der Ferne, doch die großen Linien dieser subjektiven Geschichtslektion lassen sich ohne Mühe in die deutsche Kultur übertragen.

Annie Ernaux: Die Jahre, übersetzt von Sonja Finck, 256 Seiten, Suhrkamp, ISBN 978-3-51822-502-8.

Jean Echenoz: Unsere Frau in Pjöngjang

Ich will eine Frau, verkündete der General. Eine Frau brauche ich, so.

Der General in Jean Echenoz Roman heißt Bourgeaud, ist 68, eigentlich aufs Abstellgleis geschoben, wegen früherer Verdienste aber noch nicht ganz kalt gestellt. Seinen Vorgesetzten will er nochmal zeigen, was eine Harke ist. Einen tolldreisten Spionagecoup fädelt er ein, eine Französin wird entführt, (scheinbar) gefügig gemacht und nach Nordkorea transportiert. Dort soll sie als Agentin einen hohen Politfunktionär zum Überlaufen bringen. Bourgeauds Helfer sind: sein Offizier Paul Objat, das Entführungs-"Opfer" Constanze. Doch damit ist das originelle Figurenarsenal in "Unsere Frau in Pjöngjang" nicht ausgeschöpft. Echenoz stellt uns auch noch Louis Tausk vor, Ehemann von Constanze, der keinesfalls sonderlich interessiert an der Befreiung seiner Frau ist, Louis Bruder, dessen Assistentin etc.

Wen das an einen überdrehten Krimiplot mit vielen deftigen Spionageroman- Zutaten erinnert, der liegt richtig. Jean Echenoz ist ein Meister des Genrewechsels. Das erstaunliche an diesem 1947 in Orange geborenen französischen Autors ist, dass ihm schon viele literarische Kunststücke gelungen sind - die stilistisch und vom Sujet her kaum miteinander zu vergleichen sind. "Unsere Frau in Pjöngjang" nun ist eine Agentenkrimikomödie. Das schöne an diesem Buch ist, dass die Spannung nicht aufgrund von Ironie und Witz verloren geht. Umgekehrt hat der Leser aber auch nicht das Gefühl, Echenoz meine es bierernst. Eine gewagte literarische Gratwanderung - in diesem Fall sehr gelungen.

Jean Echenoz: Unsere Frau in Pjöngjang, übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, 286 Seiten, Hanser Berlin, ISBN 978-3-446-25679-8.

L'amour toujours - toujours l'amour? - Junge französische Liebesgeschichten

Die Liebe ist ohne Schmerz nun mal nicht zu haben, und es bleibt gültig, dass die Literatur - wie das Leben - nur selten glückliche Liebesgeschichten erzählt…

…schreibt Annette Wassermann im Vorwort. 14 Liebesgeschichten von Autorinnen und Autoren, die das vierzigste Lebensjahr noch nicht überschritten haben, hat sie in dem Büchlein mit dem griffigen Titel "L'amour toujours - toujours l'amour?" versammelt. Dass die Franzosen über die Liebe schreiben können wie keine andere Nation der Welt, das mag ein Klischee sein. Auch damit setzt sich Wassermann in ihrer kurzen Einleitung auseinander. Aber natürlich ist das Buch auch Beweis dafür, dass sie es eben doch vielleicht besser können als andere.

Es sind durchaus schon arrivierte, wenn auch noch immer junge Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die hier vertreten sind. Leïla Slimani etwa, im vergangenen Jahr mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, oder Tristan Garcia, von dem in diesem Herbst der fulminante Roman "Faber, der Zerstörer" auch in Deutschland erschienen ist. Liebe sei ohne Schmerz nicht zu haben, so das Diktum Wassermanns: Und so handeln die Erzählungen oft von Drama und Leidenschaft, von ungleichen Paaren, Affären, von Mord und Totschlag in Sachen Liebe. Da dürfte für jeden etwas dabei sein. Wer das Buch in den Händen hält, der bekommt ganz nebenbei auch noch ein Stück klassische französische Kultur mit auf den Weg. Gestaltet ist der Band von seinem deutschen Verlag ganz so, wie wir es vom berühmten französischen Pendant Gallimard kennen: der Papp-Umschlag ist schlicht gehalten in ganz zartem Ockerton, der Titel darauf in roter Schrift, die Umrahmung dezent am äußersten Buchrand: Französisches Buchdesign in Reinform.

Annette Wassermann (Hrsg.): L'amour toujours - toujours l'amour? - Junge französische Liebesgeschichten (Wagenbach), übertragen aus dem Französischen von verschiedenen Übersetzern, 188 Seiten, Wagenbach, ISBN 978-3-803-12776-1.

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