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Die besten Bücher aus Frankreich (V)

Die Frankfurter Buchmesse startet am 11. Oktober. Gastland ist Frankreich. In Teil 5 unserer Serie zu Neuerscheinungen geht es um Romane, die zurückblicken - und mit schrecklichen Ereignissen beginnen.

Christophe Boltanski: Das Versteck 

Diese Familie ist nichts als eine lange Folge von Pseudonymen, Spitznamen, gekauften oder erfundenen Decknamen. Und von nicht ganz eigenen Namen, hinter denen sich wiederum andere verbergen, die alle dieselbe Frage stellen: "Wer sind wir?"

"Das Versteck" ist das Buch eines Hauses und das Buch einer Familie. Beides gehört hier unbedingt zusammen. Der Journalist, Kriegsreporter und Essayist Christophe Boltanski erzählt in seinem ersten Roman, die Geschichte seiner Familie. Das Haus steht in Paris, dort bewohnen die Boltanskis eine herrschaftliche Wohnung mit vielen Zimmern, Gängen, Treppen. Die Geschichte der Familie reicht zurück bis über mehrere Generationen, die Großeltern stehen im Mittelpunkt. Der Opa, ein Arzt, der kein Blut sehen kann, die Oma, die von Kindheit an an Kinderlähmung leidet und der nichts wichtiger ist als dies zu verbergen. Die Großmutter bildet das Zentrum der Familie - und des Hauses.

Christophe Boltanski, der Enkel, erzählt in seinem Roman vor allem von ihr. Wie sie ihren jüdischen Mann während des Zweiten Weltkriegs vor den deutschen Häschern versteckt, in einem entlegenen Winkel der Wohnung, in dem man weder aufrecht stehen noch richtig liegen konnte: Dieses Versteck verleiht dem Buch seinen Titel. Boltanski erzählt auch von anderen Familienmitgliedern - einer Familie, die sehr bekannt ist in Frankreich. 

Viele prominente Intellektuelle und bildende Künstler stammen aus dieser Familie: Christophes Onkel heißt Christian Boltanski und ist einer wichtigsten lebenden Künstler Frankreichs. Und so ist "Das Versteck" vieles: ein komplexer Familienroman, wie auch ein Roman über die Geschichte und den späteren Umgang damit. Ein Buch, das ganz tief in die Windungen und Verästelungen der eigenen Familienhistorie blicken lässt. Ein literarisches Geschenk für den deutschen Leser.

Christophe Boltanski: Das Versteck, übersetzt von Tobias Scheffel, 320 Seiten, Hanser Verlag, ISBN 978-3-446-25642-2.

Carl Aderhold: Die Roten

Sein Kommunismus war instinktiv, fest in ihm verankert. Er war Kommunist, wie andere Juden, Algerienfranzosen oder Korsen sind. Mit Pathos und völliger Hingabe.

Auch dies ist ein Roman über eine Familie in Frankreich, in Paris. Und auch hier wird aus der Perspektive des Enkels erzählt. Der Historiker Carl Aderhold fabuliert, ebenso wie Boltanski, von Eltern und Großeltern, aber auch von denen, die vorher waren. Bei Aderholds Familie gehörten dazu auch Deutsche. Und so hat der Roman "Die Roten" zwei große Themen, die der Autor in parallelen Erzählsträngen vor dem Leser ausbreitet.

Da ist zum einen die Erinnerung an die eigene Kindheit, die stark geprägt ist von einem Vater, der strammer Kommunist war. Der Sohn erinnert sich daran: Nach dem Tod des Vaters kehrt er in das Elternhaus zurück und stößt auf die Spuren der Vergangenheit. Die 1960er und 1970er Jahre, das war auch in Paris die Zeit, als man noch an die Heilsversprechen der Kommunisten glaubte - bis die Ereignisse in Osteuropa mit der Niederschlagung der Volksaufstände nach und nach alle Illusionen zerstörten. Die Erkenntnis, dass in der Sowjetunion auch Diktatoren an den Schalthebeln der Macht sitzen, war für viele Intellektuelle in Frankreich kaum zu ertragen.

Das andere große Thema des Buches ist das der Familienvorfahren. Dass dies ausgerechnet Deutsche waren, verhasste "Boches", ist ein für die Aderholds nur schwer zu akzeptierendes Kapitel Familienhistorie. Für den deutschen Leser bietet der stark autobiografisch geprägte Roman des Franzosen einen bemerkenswerten Blick in die französische Volksseele - unter besonderer Berücksichtigung der Sicht auf den Nachbarn im Osten.

Carl Aderhold: Die Roten, übersetzt von Timea Tankó, 364 Seiten, Arche Verlag, ISBN 978-3-7160-2760-8.

Pierre Lemaitre: Drei Tage und ein Leben 

Eine ganze Weile bliebe der Gendarm wortlos da sitzen, und Antoine würde, ohne dem etwas entgegenzusetzen zu können, begreifen, dass sein eigenes Schweigen ein Geständnis war.

Wo Boltanski und Aderhold das große Ganze und den Familienstammbaum im Auge haben, da beschränkt sich Pierre Lemaitre auf eine einzige Geschichte, einen einzigartigen Vorfall. Doch der hat es in sich. Der junge Protagonist Antoine ist zwölf Jahre alt und lebt mit seiner Mutter im französischen Dorf Beauval.

Antoine streift gern durch die Wälder der näheren Umgebung. Eines Tages, das geschieht direkt zu Beginn des Romangeschehens und sei deshalb hier auch schon verraten, tötet er bei einem seiner Streifzüge den sechs Jahre alten Nachbarsjungen Rémi. Keine böse Absicht steckt dahinter, die Tat geschieht im Effekt, als letztes Glied am Ende einer Kette emotionalen Aufruhrs. Doch Rémi ist tot.

Was bleibt nun für Antoine? Mit dieser bedrückenden und schier aussichtslosen Ausgangssituation - das Romangeschehen spielt im Jahre 1999 - schickt Pierre Lemaitre den Leser auf die Reise. Was macht Antoine, der sich den Behörden, der Polizei, aber auch der eigenen Mutter nicht offenbart, mit dem schrecklichen Geschehen?

Lemaitre setzt dann noch einmal an, im Jahre 2011. Antoine ist inzwischen ein junger Mann und hat die Stadt seiner Kindheit und Jugend längst verlassen. Doch irgendwann kehrt er zurück - und die Vergangenheit holt ihn wieder ein. Pierre Lemaitre wurde mit seinem letzten Roman "Wir sehen uns dort oben" 2013 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet Er zieht den Spannungsbogen geschickt bis zur letzten Seite seiner Geschichte durch. Und zeigt, wie ein Mensch mit einem Geschehen umgeht, dass eigentlich nicht zu verkraften ist, das einen von innen auffrisst. "Drei Tage ein Leben" ist ein Roman über Schuld und ausgebliebene Sühne.

Pierre Lemaitre: Drei Tage und ein Leben, übersetzt von Tobias Scheffel, 270 Seiten, Klett Cotta Verlag, ISBN 978-3-608-98106-3.

Leïla Slimani: Dann schlaf auch Du

Tief in ihrem Inneren ist sie sich jetzt sicher, brennend und schmerzhaft sicher, dass ihr Glück von ihnen abhängt. Dass sie selbst ihnen gehört und die beiden ihr gehören.

Noch schmerzhafter ist das Tableau, welches die französisch-marokkanische Autorin Leïla Slimani vor dem Leser ausbreitet. Auch hier wird man direkt am Anfang, auf den allerersten Seiten, mit einer Katastrophe konfrontiert. Eine Nanny bringt bestialisch zwei Kinder um, ein kleines Mädchen und einen Jungen. Das ist ein gehöriger Schock. Hollywood hat aus dem Stoff schon ein paar Thriller gezimmert. Doch Slïmani hat anderes im Sinne. Ihr geht es keinesfalls um Thrill und Spannung. Wie sollten diese auch entstehen, ist das schreckliche Szenario doch direkt am Anfang klar umrissen.

Slimani, die für ihren Roman im Vorjahr den Prix Goncourt erhielt, geht es vornehmlich um zwei Fragen: Wie konnte die so fürsorgliche Louise, die von den Kindern geliebte Nanny, die selbst Kinder liebt,  solch eine grauenhafte Tat begehen? Und welchen Anteil am Verlauf des Geschehens tragen Paul und Myriam, die Eltern der beiden Kleinen? Leichte Antworten serviert die Autorin nicht, wie könnte sie auch? Doch je mehr Slimani den Alltag von Louise beschreibt, je tiefer sie in die Psyche dieser sehr einsamen Frau eindringt und je ausführlicher sie auch das Leben der Eltern in den Blick nimmt, umso mehr beginnt der Leser zu begreifen.

"Dann schlaf auch Du" ist eine Studie zu Einsamkeit und Verzweiflung. Und auch ein Roman über Klassenunterschiede und die verschiedenen Milieus in und um Paris. So grauenhaft und letztendlich auch unverständlich die Tat Louises bis zum Schluß bleibt, es gelingt der Autorin, den Leser bis zur letzten Seite mitzunehmen - auf eine literarische Reise in den Abgrund menschlicher Psyche. Eine grandiose Leistung.

Leïla Slimani: Dann schlaf auch Du, übersetzt von Amelie Thoma, 224 Seiten, Luchterhand Verlag, ISBN 978-3-630-87554-5.

Tristan Garcia: Faber, der Zerstörer

"Die Revolution ist vorbei. Jetzt geht es ans zerstören.-Faber …" Mir wurde langsam kalt. "Manchmal machst Du mir Angst." Das schien ihn getroffen zu haben. Doch er fing sich wieder und richtete sich am Rande des Abgrunds auf.

Dies ist ein ganz und gar erstaunlicher Roman. Er entzieht sich jeder Kategorie, lässt sich kaum einordnen, und erzählt eine Geschichte über Jugend und Erwachsenwerden, durchaus realistisch und psychologisch fundiert. Gleichzeitig ist sie auch voller Rätsel, mystisch aufgeladen und geheimnisvoll. Eine echte literarische Entdeckung.

Worum geht es: Tristan Garcia, in Frankreich als neuer Philosophie- und Literaturstar gehandelt, stellt uns drei jugendliche Freunde vor: Die burschikose Madelaine, den schüchternen Basile und den charismatischen Faber. Als Basile und Madelaine in der Schule gemobbt werden, rettet Faber die beiden aus den Fängen ein paar übler Schläger - Ausgangspunkt für eine lange und tiefe Freundschaft. Garcia erzählt das jeweils aus den Perspektiven seiner drei Protagonisten.

Dann gibt es einen Zeitsprung. Und wieder treffen wir auf die Drei. Doch diesmal ist die Ausgangslage eine andere. Faber lebt als Eremit, ist inzwischen völlig verloddert und hat fast alles verloren. Basile und Madelaine kümmern sich um den Gestrandeten - in alter Freundschaft. Doch ist es wirklich so? Warum haben die beiden mit dem charismatischen Faber eigentlich ganz anderes im Sinn?

Wie Tristan Garcia mit psychologischer Sorgfalt seine Geschichte über eine große Zeitdistanz entwickelt, wie er uns die drei literarische Charaktere nahe bringt, das ist meisterhaft konstruiert und erzählt. Man liest "Faber: der Zerstörer" mit angehaltenem Atem. Die Geschichte hat einen doppelten Boden, das wird irgendwann deutlich. Ein großartiger Roman und sicher einer der Höhepunkte dieses "französischen" Bücherherbstes.

Tristan Garcia: Faber, der Zerstörer, übersetzt von Birgit Leib, 428 Seiten, Verlag Klaus Wagenbach, ISBN 978-3-803-132888 Wagenbach.

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