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Bücher

Die besten Bücher aus Frankreich (IV)

Während die einen in den Sommerurlaub fahren, feiern andere schon den Herbstbeginn, den literarischen wohlgemerkt. Wir stellen fünf Bücher aus Frankreich vor, dem Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse.

Yasmina Reza: Babylon

Das Wort innere Einkehr habe ich gefressen. Das Prinzip ebenso. Seit die Welt mit Riesenschritten auf ein unbeschreibliches Chaos zusteuert, ist es schwer in Mode.

Yasmina Reza ist eine der Starautorinnen unseres Nachbarlandes, erfolgreichste Bühnenautorin in Frankreich ohnehin, seit ein paar Jahren aber auch mit ihren Romanen populär. Reza wurde von der Frankfurter Buchmesse bereits als größter Star der literarischen Grande Nation - neben Michel Houellebecq - für den Oktober angekündigt. Mitbringen wird Reza nach Frankfurt dann ihren neuen Roman "Babylon".

Darin erzählt Reza von einem merkwürdigen Vorfall in einem Pariser Viertel. In einem Mehrparteienmietshaus geben Elisabeth und ihr Mann Pierre eine Party für Freunde und Bekannte. Geladen sind auch die Nachbarn von der Etage drüber: Lino und Lydie. In der Nacht darauf, die Party ist gerade zu Ende, erwürgt Lino seine Frau Lydie - und sucht daraufhin Hilfe und Unterstützung bei Elisabeth. Die zeigt sich zunächst durchaus bereit, die Leiche Lydies fortzuschaffen. Lino war ihr immer sympathisch, hin und wieder haben sich die beiden zu einem Plausch getroffen.

"Babylon" ist ein zwischen Kriminalgroteske und Gesellschaftsanalyse changierender Roman, kurzweilig und überraschend, witzig und bestürzend. Yasmina Rezas literarische Kunst besteht darin, hinter den einfachen Dingen des Lebens (Mord einmal ausgeschlossen…) Spielarten des Großen und Ganzen aufscheinen zu lassen - oder, wie es Reza in ihrem Roman ausdrückt, die "Welt als unbeschreibliches Chaos" darzustellen. Ihre Bühnenstücke "Kunst" und "Der Gott des Gemetzels" wurden so zu großen Theaterhits, letzterer von Regisseur Roman Polanski kongenial verfilmt. Auch "Babylon" darf man sich als zukünftiges bissiges Leinwanddrama vorstellen - als Kammerspiel des Lebens.

Yasmina Reza: Babylon, aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel, Hanser Verlag 2017, 220 Seiten, ISBN 978-3-446-25651-4

Pascale Robert-Diard: Verrat

Guillaume spürt, wie sich sein Magen zusammenzieht. Wie kann Maurice ihr Gespräch in Genf vergessen haben? Das ist nicht möglich, kein Mensch vergisst solche Sätze. Schon gar nicht er, Maurice. Es sei denn, er will sich nicht erinnern. Auch Guillaume würde lieber vergessen, aber er kann es nicht.

Und noch ein Mord. Diesmal aber einer, den es tatsächlich gab. Und so ist "Verrat" auch kein Roman, sondern die in Prosa gefasste Dokumentation eines realen Falls. Zu Papier gebracht hat ihn die französische Gerichtsreporterin Pascale Robert-Diard.

Der Name Maurice Agnelet steht für einen der aufsehenerregendsten Kriminalfälle der Nachkriegsgeschichte in Frankreich. Agnelet soll - so lautet die Anklage - im Jahre 1977 seine wesentlich jüngere Freundin Agnès Le Roux getötet haben. Immer wieder hat er dies in den darauf folgenden Jahren abgestritten. Nach drei spektakulären Strafprozessen wurde er 2015 schließlich aber doch noch zu einer zwanzigjährigen Haftstrafe verurteilt.

Was löst so ein Verbrechen in der Familie des Täters aus? Und vor allem: Was löste er bei den Kindern des Angeklagten aus? Pascale Robert-Diard konzentriert sich in ihrem Doku-Roman vor allem auf den mittleren Sohn von Maurice, Guillaume Agnelet. Er war es, der den Fall nach jahrelangem Schweigen der Familie mit seiner Aussage schließlich zu einer entscheidenden Wende brachte. Wie sehen vermeintliche Schuldgefühle aus? Welche Verdrängungsmechanismen suchen sich die einzelnen Familienmitglieder? Wie geht der Täter selbst damit um? Robert-Diard gibt in ihrem hochkonzentriert geschriebenen, kompakten Buch eindrucksvolle Antworten. Wäre der Satz "spannender als ein Roman" nicht so ausgelutscht - hier träfe er einmal mehr zu.

Pascale Robert-Diard: Verrat, aus dem Französischen von Ina Kronberger, Zsolnay Verlag 2017, 160 Seiten, ISBN  978-3-552-05857-6 

Joseph Andras: Die Wunden unserer Brüder

Seite einer Woche sitzt Fernand in Haft. In seiner Zelle verkündet man ihm, ein Militärgericht werde ihn verurteilen. Der Prozess findet in vier Tagen statt.

Auch "Die Wunden unserer Brüder" berichtet von einem authentischen Fall der französischen Nachkriegsgeschichte. Doch der junge Joseph Andras hat aus der Geschichte des algerischen Freiheitskämpfers Fernand Iveton einen Roman gemacht, anders als Robert-Diard ganz der Prosa vertraut. Auch das ein kraftvolles, ungeheuer eindrucksvoll zu lesendes Buch.

Fernand Iveton wurde 1957 vom französischen Staat zum Tode verurteilt. Er war damit der einzige Franzose nicht-algerischer Herkunft, der während des algerischen Freiheits- und Unabhängigkeitskampfes hingerichtet wurde. Verurteilt wurde er, weil er einen Bombenanschlag auf eine Gasfabrik geplant hatte. Noch vor der Explosion war Iveton damals allerdings verraten und anschließend verhaftet und bestialisch gefoltert worden. Der damalige französische Justizminister, der sich mit dem Fall Fernand Iveton zu befassen hatte, hieß François Mitterand. Für eine Begnadigung hatten er und Präsident René Coty keinen Anlass gesehen. Auch dass Iveton die Zündung des Sprengsatzes so geplant hatte, dass keine Menschen zu Schaden gekommen wären, konnten Justiz und Politik in Frankreich nicht umstimmen. Iveton starb im Februar 1957 durch das Fallbeil der Guillotine.

Andras setzt der detaillierten Beschreibung von Verhörsituation und Folter in literarischer Parallelmontage eine Liebesgeschichte entgegen - der von Fernand und seiner Freundin Hélène: "Ich habe sie nicht wie 'die Frau von' oder wie eine Nebenfigur konzipiert, sondern es war mir daran gelegen, und dank meiner Erzählstruktur auch möglich, sie als eigenständige Existenz auftreten zu lassen und den Mythos vom allein vom Kampf bewegten, in Marmor erstarrten Helden aufzubrechen", so der Autor in einem Interview mit der Zeitung "L'Humanite" kurz nach Erscheinen des Buches in Frankreich: "Im Grunde ist das Buch die Geschichte eines Paares." Es ist ein Buch, das kann man dem deutschen Leser noch mit auf den Weg geben, über ein hierzulande immer noch wenig bekanntes Kapitel französischer Nachkriegsgeschichte - sehr lesenswert.

Joseph Andras: Die Wunden unserer Brüder, aus dem Französischen von Claudia Hamm, 160 Seiten, Hanser-Verlag 2017, ISBN  978-3-552-05857-6 

Romain Gary: Du hast das Leben vor dir

Keine Ahnung, was da mit mir passiert ist, aber seit Jahren hatte ich weder Mama noch Papa und schon gar kein Fahrrad, und da kommt der und quatscht mich dumm von der Seite an. Sie wissen, was ich meine, oder? Naja, inschallah, aber das stimmt gar nicht, ich sag das nur, weil ich ein guter Muslim bin.

Es spricht Momo, 14 Jahre, ein Araberjunge aus dem Pariser Stadtviertel Belleville. Er spricht zu uns, dem Leser, ganz direkt. Momo wächst bei Madame Rosa auf, die mal Prostituierte war. Sie ist Jüdin, hat Auschwitz überlebt. Jetzt verdient Madame Rosa ihr Geld, indem sie die Kinder der Prostituierten des Viertels beaufsichtigt. Momo ist eines dieser Kinder. Romain Gary gibt ihm eine Stimme. Und indem der Schriftsteller Gary konsequent auf die Ich-Form setzt, hat der Roman den Tonfall eines Heranwachsenden - es ist die Erzählung eines Vierzehnjährigen. Gary war um die 60, als er Mitte der 1970er Jahre "Du hast das Leben vor dir" schrieb, doch ihm gelingt das Erstaunliche: Wir, die Leser, geben uns dem Sog der Erzählung des neugierigen wie unschuldigen, des frechen wie selbstbewussten Jungen hin. Es ist, als ob tatsächlich ein Jugendlicher zu uns spricht. Ein Vierteljahrhundert zuvor hatte der amerikanische Schriftsteller J. D. Salinger das vorgemacht: Sein jugendlicher Held Holden Caulfield aus "Der Fänger im Roggen" klang ähnlich.

Zu den schönsten Nebenwirkungen der Gastland-Auftritte der Frankfurter Buchmesse gehört es, dass viele (alte und neue sowie vergriffene) Klassiker des jeweiligen Sprachraums wieder aufgelegt werden. "Du hast das Leben vor dir" wurde jetzt von Christoph Roeber ins Deutsche übertragen und dem Übersetzer ist es gelungen, den Tonfall des Vierzehnjährigen authentisch klingen zu lassen. Gary, der als Kampfpilot gegen die Nazis geflogen ist, der lange Jahre im diplomatischen Dienst stand und der mit der amerikanischen Nouvelle-Vague-Ikone Jean Seberg verheiratet war, veröffentlichte den Roman 1975 unter einem Pseudonym. Dafür bekam er den Prix Goncourt, was eigentlich nicht hätte passieren dürfen. Den "Goncourt", den wichtigsten französischen Literaturpreis, darf jeder Autor nur einmal erhalten. Gary war 1956 schon einmal ausgezeichnet worden. Dieser "Betrug" sorgte nach dem Freitod Romain Garys im Jahre 1980, als der Schwindel aufflog, für einen großen Skandal in Frankreich. Verdient hatte "Du hast das Leben vor dir" die Auszeichnung allemal.

Romain Gary: Du hast das Leben vor Dir, aus dem Französischen von Christoph Roeber, Rotpunkt Verlag 2017, 248 Seiten, ISBN 978-3-85869-761-5

Antoine de Saint-Exupéry: Nachtflug

Irgendwo dort oben kämpften die Postflieger. So ein Nachtflug war langwierig wie eine Krankheit: Man musste Wache halten. Musste diesen Männern beistehen, die sich mit Händen und Knien, Brust gegen Brust, gegen die Schatten stemmten und nicht mehr erkannten, nichts anderes mehr kannten als unkenntliches Gewoge, aus dem man sich blindlings mit Armkraft herauswinden musste wie aus hoher See.

Auch dies eine Neuauflage, allerdings handelt es sich hier um einen älteren Klassiker der französischen Literatur, zumal um das Werk eines "Kultautors": Antoine de Saint-Exupéry. Der 1923 in Dessau gegründete "Karl Rauch-Verlag", der sich auf das Werk von Saint-Exupéry spezialisiert hat, legt 2017 in schönen, kleinen und dazu preiswerten Geschenkausgaben die wichtigsten Werke des Schriftstellers auf, der wie Gary selbst lange Jahre als Pilot unterwegs war. 1944 stürzte Saint-Exupéry mit seiner Maschine ab und starb. Mit seinem "Kleinen Prinzen" sollte Antoine de Saint-Exupéry später zu literarischem Weltruhm kommen.

Sein erster großer literarischer Erfolg war 1931 der Roman "Nachtflug", in dem er seine Erfahrungen als Verantwortlicher für die argentinische Flugpost verarbeitet hat. Darin erzählt er von dem Post-Flieger Fabien, der nachts in ein so gigantisches wie katastrophales Unwetter über dem südamerikanischen Kontinent gerät sowie Flugdirektor Rivière, der in der Zentrale am Boden die Fäden in der Hand hält. "Nachtflug" ist eine in wunderbar geschmeidiger Prosa geschriebene Erzählung über persönliche Verantwortung, Moral und zweifelhafte Pflichterfüllung. Ein literarisches Glanzstück über menschliche Würde und die Liebe zum Fliegen. Und ein Grund Antoine de Saint-Exupéry wieder zu lesen - nicht nur seinen berühmten "Kleinen Prinzen".

Antoine de Saint-Exupéry: Nachtflug, aus dem Französischen von Annette Lallemand, Karl Rauch Verlag 2017, 128 Seiten, ISBN 978-3- 792000724

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