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Bücher

Die besten Bücher aus Frankreich (III)

Zum französischen Nationalfeiertag stellen wir fünf Neuerscheinungen vor, die zuerst auf Französisch publiziert wurden, darunter Liebes- und Fluchtgeschichten, eine Hommage an Paris und ein origineller Sammelband.

Emmanuelle Pirotte: Heute leben wir

Wo sie davor gelebt hatte, wusste Renée nicht; sie hatte nur sehr vage Erinnerungen an jene frühe Zeit, eher Bilder, Klänge oder Stimmungen, die manchmal in ihr wachgerufen wurden.

Romane über den Zweiten Weltkrieg gibt es viele. Manche meinen, zu viele. Doch immer wieder kommen auch Bücher auf den Markt, bei denen der Leser denkt, so, auf diese Art und Weise, habe er noch nicht über den Krieg gelesen. Die belgische Drehbuchautorin Emmanuelle Pirotte hat sich für ihren ersten Roman von Erlebnissen ihrer Großeltern inspirieren lassen. Die hatten im Zweiten Weltkrieg ein jüdisches Kind versteckt.

Die siebenjährige Renée, ein jüdisches Mädchen, das im Winter 1944 auf sich allein gestellt ist, weil ihre Familie von den Nazis getötet wurde, steht im Mittelpunkt des Romans "Heute  leben wir". In den belgischen Wäldern der Ardennen wird sie von zwei US-Soldaten aufgegriffen. Doch das sind Wölfe im Schafspelz. In US-Uniformen versuchten damals deutsche Soldaten hinter den Frontlinien Unruhe zu stiften und Sabotageakte auszuführen. Doch Matthias, einer der beiden Deutschen, der früher in den Wäldern Kanadas gelebt hat und deswegen perfekt Englisch spricht, entpuppt sich als Menschenfreund. Auch wenn Emmanuelle Pirotte keinen Zweifel daran lässt, was Matthias früher verbrochen hat, so stellt sie uns doch einen Menschen bei einer Wandlung vor. Das schwierige literarische Kunststück, ein Monster zu beschreiben, das nun auch zu anderen Dingen fähig ist, gelingt der belgischen Autorin verblüffend leichthändig.

Emmanuelle Pirotte: Heute leben wir, übersetzt von Grete Osterwald, S. Fischer, 288 Seiten, ISBN 978-3-10-397211-5. 

Michel Contat: Paris 1959

Wenn ich mich frage, warum ich glücklich gewesen bin in jenem Pariser Jahr, das doch so karg war, dann weiß ich darauf nur eine Antwort: ich war zwanzig Jahre alt, und ich hatte einen Freund.

Auch Michel Contat ist kein Franzose, doch schreibt auch er französische Literatur. Contat kommt aus der Schweiz, aus dem Waadtland, dem französischsprachigen Teil des Landes. In seinem schmalen Erinnerungsbüchlein "Paris 1959" beschreibt er, wie er als junger Mann aus gutbürgerlicher Umgebung in Lausanne ins wilde Paris des Jahres 1959 kam. Mit einem Freund durchstreift er die Bars und Bistros der Stadt, besucht Jazzkonzerte (auch eines von John Coltrane), geht immer wieder ins Kino (wo gerade die Filme der Nouvelle Vague laufen). Er liest die französischen Philosophen, Jean-Paul Sartre im Besonderen, und gibt sich der morgendlichen Zeitungslektüre hin: "Ich war für die Zeitungslektüre begabt, worin mich natürlich bestärkte, was Hegel darüber sagt: Sie sei für den modernen Menschen das Morgengebet." Im Hintergrund stets gegenwärtig: der Algerienkrieg und das französische Engagement in Nordafrika, der nicht lange zurückliegende Ungarn-Aufstand sowie die dadurch einsetzende Desillusionierung der französischen Linken.

Wie die meisten Bücher des Nobelpreisträgers Patrick Modiano ist auch Contats "Paris 1959" vor allem eine Erzählung über die Stadt Paris. Der Leser begleitet den Erzähler gern auf seinen nächtlichen und täglichen Streifzügen durch die Hauptstadt und lauscht seinen Gedanken. "Paris 1959" ist ein wunderbares Buch über Paris und die Gedankengebäude eines jungen Mannes. Wenn man nur wenig Zeit hat, sich durch die enormen Bücherstapel mit französischsprachigen Neuerscheinungen des Jahres 2017 zu lesen, dann sollte dieses Buch auf jeden Fall ganz, ganz oben auf der Lektüreliste stehen. 

Michel Contat: Paris 1959, Notizen eines Waadtländers, übersetzt von Eva Moldenhauer, Limmat, 96 Seiten, ISBN 978-3-85791-825-4.

Véronique Olmi: Der Mann in der fünften Reihe

Paris ist ein riesiges Rendezvous. Wir wissen nur nicht mit wem. Es ist ein Zufallsrennen, gebremst durch die unvermeidbaren Zusammenstöße.

Auch das ein Buch über Paris. Ein schmaler Roman der französischen Autorin Véronique Olmi, die in ihrer Heimat nicht nur als Autorin von Prosa, sondern auch von Theaterstücken bekannt ist. Das merkt man dem Roman "Der Mann in der fünften Reihe" an. Im Bühnenmilieu spielt er zum Teil und geschrieben ist er szenisch, skizzenhaft.

Eine Frau will vergessen. Nelly, 47 Jahre alt, Theaterschauspielerin, hat sich vor sechs Monaten von Paul getrennt. Der ist verheiratet. Für Nelly, selbst zweifache Mutter, keine Beziehung mit Zukunft. Doch die Trennung war nicht leicht. Das wird schnell klar. Eines Tages holt Nelly die Vergangenheit wieder ein. Ausgerechnet während der Arbeit: Nelly steht auf der Bühne - und schaut ins Publikum. Wo sie sonst eine weitgehend anonyme Masse erblickt, da sieht sie nun unversehens Paul ins Gesicht - der Mann in der fünften Reihe. Das ist zu viel für Nelly. Sie muss die Vorstellung abbrechen. Die Begegnung mit Paul löst bei ihr eine tiefgreifende Krise aus. Nachts, im Wartesaal des Gare de l'Est, lässt sie ihr Leben Revue passieren. Olmi hat einen fast impressionistisch angelegten Kurzroman geschrieben, Gedankensplitter, Assoziationen, das Unterbewusste treiben die Handlung voran - Nellys Seele öffnet sich dem Leser mit großer Ehrlichkeit. 

Véronique Olmi: Der Mann in der fünften Reihe, übersetzt von Claudia Steinitz, Kunstmann, 112 Seiten, ISBN 978-3-95614-167-6.

Sylvain Coher: Nordnordwest

Allmählich dämmerte ihnen, dass es kein Zurück gab. Alles, was vorher geschehen war, war nur ein unwirklicher Traum.

Eine prächtige Seefahrergeschichte präsentiert uns der 1971 in Suresnes geborene Sylvain Coher. Der Autor arbeitete schon einmal als Segellehrer und so hat man bei der Lektüre des Romans stets das Gefühl, hier kenne sich jemand aus mit der Materie, über die er schreibt.

Cohen erzählt die Geschichte von drei jungen Leuten, die mit einem kleinen Segelboot über den Ärmelkanal schippern wollen, um nach England zu gelangen. So ganz freiwillig ist der Segeltörn jedoch nicht, Lucky, der Kleine und das Mädchen wollen weg aus Frankreich und zwar am besten ganz schnell. Die beiden Jungs, durchaus sympathisch dargestellte Kleinkriminelle, haben sich in letzter Zeit in Italien und Frankreich durchs Leben geschlagen, Diebstahl und Körperverletzung inbegriffen. Nun wollen sie nach England. Was sie da machen wollen, bleibt unklar. Träume von einem neuen, besseren Leben schwirren ihnen durch den Kopf. Das Mädchen schließt sich ihnen an, mit dem Älteren, Lucky, beginnt sie eine Beziehung. Doch die Drei haben vom Segeln keine Ahnung. Völlig unvorbereitet und nur notdürftig ausgerüstet, begeben sie sich auf eine lebensgefährliche Reise. Coher macht daraus einen packenden Abenteuerroman, der dem Leser keine Möglichkeit zur Flucht in die Phantasie lässt. Was den Dreien passiert, hat mit Seefahrerromantik und Sonnenschein auf dem Deck nichts zu tun.

Sylvain Coher: Nordnordwest, übersetzt von Sonja Finck, dtv, 268 Seiten, ISBN 978-3-423-28090-7.

François Armanet: Bücher für die einsame Insel

Einige Namen fehlen. Immer werden welche fehlen. (…) In diesem geordneten Chaos ist es dem Leser überlassen, die Löcher zu stopfen und seine eigene Wahl zu treffen.

Zuletzt sei Ihnen dieses Büchlein des Chefredakteurs des französischen Magazins "Nouvel Observateur" ans Herz gelegt. Armanet hat es sich zur Gewohnheit gemacht, seine Interviewpartner am Ende des Gesprächs stets nach den drei Büchern zu fragen, die sie auf eine "einsame Insel" mitnehmen würden. 80 Gesprächspartner antworteten, Armanet schrieb dann noch einmal gezielt weitere 100 Autoren an - ihre Antworten sind nun in dem Band "Bücher für die einsame Insel" versammelt.

Eigentlich sollten zwei Bücher, beziehungsweise Textsammlungen nicht genannt werden dürfen, wohl, weil das ein wenig zur Eintönigkeit der Listen beigetragen hätte: Shakespeare und die Bibel. Letztere taucht trotzdem oft auf. Als "unverzichtbar" gilt sie doch offenbar vielen "Inselfahren". Ansonsten finden sich vor allem Klassiker unter den "drei Büchern" für die Insel, Proust und Balzac, Tschechow und Dostojewski, Joyce und Dickens, auch Cervantes und Marquez. Deutsche tauchen relativ selten auf, aber hin und wieder findet sich auch der Wunsch, ein Band von Rilke, Musil oder Goethe mit auf das einsame Eiland zu nehmen. Insgesamt ist das Buch eine schöne Fundgrube für alle Listen-Fans, für literarische Trüffelsucher und all diejenigen, die in diesem Sommer Urlaub auf einer Insel machen wollen.

François Armanet: Bücher für die einsame Insel, übersetzt von Claudia Steinitz und Angela Volknat, Atlantik, 216 Seiten, ISBN 978-3-455-00036-8.

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