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Bücher

Die besten Bücher aus Frankreich (II)

Frankreich ist 2017 Gastland der Frankfurter Buchmesse. Dazu erscheinen Dutzende neue Romane, Erzählungen und Sachbücher aus unserem Nachbarland. Im zweiten Teil unserer literarischen Reihe stellen wir einige vor.

Diane Brasseur: Leidenschaft ist doch nicht alles

Bei uns ist alles falsch herum: Papa bleibt zu Hause und Mama geht auf Geschäftsreisen. Mein Vater liebt mich wie eine Mutter, doch seine Hand, deren Haut so dick ist wie Leder, spürt nicht, wie heiß meine Stirn ist.

Die namenlos bleibende 34-jährige Protagonistin des neuen Romans von Diane Brasseur liebt ihren Vater über alles. Zu ihm hat sie immer ein enges, ja leidenschaftliches Verhältnis gehabt - bis heute. Und so kommt beim Leser schnell der Verdacht auf, dass diese bedingungslose Liebe zum Vater sich wie ein dunkler, übermächtiger Schatten über all die anderen Beziehungen zu Männern schiebt, die die Protagonistin im Leben später noch haben wird. Schließlich beginnt das Buch auch mit einer Trennung. Mit dem Satz "Leidenschaft ist doch nicht alles" eröffnet der Mann, der eigentlich doch die Liebe des Lebens sein sollte, das Trennungsgespräch.

Was folgt, sind Erinnerungen. Erinnerungen an den Vater und an die aktuelle, so kurze wie leidenschaftliche Beziehung, deren Ende der Leser zu Beginn beiwohnt. Brasseur schildert zahlreiche Szenen aus Kindheit und Jugend, der Vater bleibt immer gegenwärtig. Auch wenn nicht immer alles harmonisch abläuft, so ist das Verhältnis zum Vater doch vor allem von einem geprägt: Leidenschaft. Fast zwangsläufig wird es da schwierig für die späteren Liebhaber. "Leidenschaft ist doch nicht alles" ist ein in vielen Einzelszenen, fast filmisch skizzierter Roman. Den Szenen werden oft nur ein paar Zeilen eingeräumt, die Sätze sind kurz, die Dialoge knapp. Die Kapitel wechseln im strengen Rhythmus zwischen Vater- und Liebhabergeschehen. "Leidenschaft ist doch nicht alles" bietet leichte Sommerlektüre - "typisch französisch".

Diane Brasseur: Leidenschaft ist doch nicht alles, übersetzt von Bettina Bach, 238 Seiten, dtv premium, ISBN 978-3-423-26151-7.

David Foenkinos: Das geheime Leben des Monsieur Pick

Auch Brautigan habe sich bemüht und zahllose Absagen erhalten. Bevor er der Kultautor einer ganzen Generation wurde und die Hippies sich über ihn hermachten, hatte er jahrelang im Elend gelebt.

Er habe sich bei seinem neuen Buch von einem Roman des US-Autors Richard Brautigan anregen lassen, dessen Protagonist in einer Bibliothek der unveröffentlichten Bücher arbeitet, hat David Foenkinos bei seiner Lesereise im Frühjahr in Deutschland verraten. Das habe ihn fasziniert und inspiriert. Eine Bibliothek mit Manuskripten, die nie veröffentlicht wurden, weil sie zuvor von den Verlagen abgelehnt worden waren, ist dann auch Schauplatz von "Das geheime Leben des Monsieur Pick". Dort entdeckt eine junge Pariser Lektorin eines Tages einen Roman, dem sie Potenzial zutraut. Sie behält recht, das Buch wird zum Bestseller. Doch wer ist dessen Autor, Monsieur Pick? Und warum wurde das Buch nicht schon längst entdeckt?

Um diese Fragen herum entwickelt der französische Erfolgsautor David Foenkinos einen munteren Roman über die Welt der Bücher und die Literaturszene. Dabei tauchen bei Foenkinos auch ein paar reale Protagonisten des französischen Kulturbetriebs auf, Jacques Lang etwa oder Frédéric Beigbeider. Doch die Hauptfiguren des Romans sind andere: Die Lektorin und ihr Freund, auch er ein Schriftsteller, dessen eigenes literarisches Debüt ein Flop war, und der sich nun an einem zweiten Buch versucht, sowie ein ehemals erfolgreicher Literaturkritiker. Und natürlich Monsieur Pick, beziehungsweise dessen Witwe. Der Autor des geheimnisvollen Bestsellers, ein Pizzabäcker, dessen Schreibversuche angeblich nie über das Ausfüllen von Einkaufszetteln hinausgingen, ist schon tot. Foenkinos Buch ist ein leicht lesbarer Unterhaltungsroman mit ein paar Seitenhieben auf den Literaturbetrieb.

David Foenkinos: Das geheime Leben des Monsieur Pick, übersetzt von Christian Kolb, 336 Seiten, DVD, ISBN 978-3-421-04760-1.

Dominique Paravel: Die Schönheit des Kreisverkehrs

In Frankreich zählt man nicht weniger als vierzigtausend Kreisverkehre, absoluter Weltrekord.

Auch dieser Roman konnte nur in Frankreich geschrieben werden. Schließlich gibt es in keinem anderen Land der Erde so viele Kreisverkehre im Straßenbau. 40.000 sollen es sein und wer die französische Provinz einmal intensiv bereist hat, der weiß, dass das Asphaltrund um eine mehr oder weniger geschmückte Insel mittendrin zu Frankreich gehört wie Baguette, Käse oder Eiffelturm. Und so ist die Hauptfigur in Dominique Paravels Roman auch ein Bauingenieur, der den Auftrag hat, in einem Provinzkaff in der Nordprovence, dem fiktiven Städtchen La Virote, einen Kreisverkehr zu gestalten.

Der Leser verfolgt die Autofahrt Joaquin Reyes von Paris zum kommunalen Auftraggeber im Süden des Landes mit Vergnügen. Denn Joaquin reist nicht allein. Begleitet wird er von Vivienne Hennessy, angeblich Mitarbeiterin in der Baufirma, in der Monsieur Reyes angestellt ist. Mit der Firma steht es nicht zum Besten, darum soll Vivienne auf die Kosten schauen. Die gemeinsame Reise führt zwar irgendwann zum Ziel und zu der Versammlung der kommunalen Vertreter in La Virote, was Paravel zu ein paar bissigen Spitzen gegen Provinzpolitiker verleitet, doch darum geht es Dominique Paravel nicht in erster Linie. Vielmehr ist "Die Schönheit des Kreisverkehrs" ein Roman über zwei einsame Seelen, die beide ein Geheimnis mit sich tragen. Sie nähern sich an, kommen kurz zusammen und bewegen sich dann wieder auseinander - so wie im ewigen Kreisverkehr des Lebens.

Dominique Paravel: Die Schönheit des Kreisverkehrs, übersetzt von Lis Künzli, 174 Seiten, Nagel & Kimche, ISBN 978-3-312-01016-5.

Olivier Rolin: Meroe

…von der Stadt, die, in Schilderungen eines arabischen Reisenden, 'vor Gold nur so funkelte, über Mengen der großartigen Bauwerke verfügte, über riesige Klöster, prachtvolle Gärten und gut genährte Pferde', waren nur noch sandige Hügel zu sehen, übersät von Tonscherben und Backsteinsplittern, über die wild verkrümmte Windhosen hinwegwüteten, die unter dem Geknatter von Plastiktüten große rosige Federbüsche ins Firmament schraubten.

An einen uns Europäern wenig bekannten Ort entführt uns Olivier Rolin in seinem in Frankreich 1998 erschienenen Roman "Meroe". In der sudanesischen Hauptstadt Khartum sitzt ein Mann in einem Hotelzimmer und erinnert sich. An eine Liebe in Paris, an ein Leben, das ganz anders war als das im Sudan der Gegenwart. Das afrikanische Land wird für den Protagonisten zum heißen, staubigen Exil, in dem er versucht, Kummer und Seelenpein hinter sich zu lassen. Möglicherweise aber auch ein willkommenes Exil, das neue Perspektiven eröffnet, Aussicht auf ein anderes Leben ermöglicht.

Der Ich-Erzähler begegnet dort, an den Stätten uralter, lange entschwundener Kulturen, der alten Königsstadt Meroe, zwei verlorenen Seelen. Heinrich Vollender, einem Archäologen aus Deutschland, und der jungen Else Sutter, die für Vollender arbeitet. Mit dem einen philosophiert er über Geschichte und die britischen Kolonialherren früherer Tage, mit der anderen versucht er wieder etwas aufleben zu lassen, was längst entschwunden ist: eine alte Liebe aus Paris. Natürlich scheitert er. Die Vergangenheit lässt sich nicht wieder zurückholen. "Meroe" ist ein tief melancholischer Roman über das Scheitern und den Verlust der Liebe. Aber auch ein kluges Buch über Kulturverfall, die Zerstörung alter Kulturen und den Versuch etwas zu bewahren, was unwiederbringlich verloren ist.    

Olivier Rolin: Meroe, übersetzt von Jürgen Ritte, Liebeskind Verlag, 302 Seiten, ISBN 978-3-95438-072-5.

Claude Simon: Das Pferd

Das Pferd verendete in der Nacht, und wir beerdigten es frühmorgens in einem Winkel des Obstgartens, dessen Bäume mit den schwarzen, fast völlig entblätterten Zweigen in der feuchten Luft tropften.

November 1939, irgendwo in einem nordfranzösischen Nest, der Regen prasselt unaufhörlich auf die Köpfe der Soldaten. Zwei Nächte, ein Tag. Schlamm und Feuchtigkeit beherrschen die Szenerie. Und obwohl der Krieg erst ein paar Wochen alt ist, zeigt er sich in Claude Simons kurzer Geschichte "Das Pferd" schon als apokalyptisches, nie enden wollendes Schlacht-Szenario. Ein Dragoner-Regiment macht Rast in einem Weiler. Der Ich-Erzähler sowie ein Freund, der Jude Maurice, sprechen über den Krieg und das Leben, das einmal war. In der Nacht stirbt ein Pferd nebenan im Schuppen. Der glasig-teilnahmslose Blick des leidenden Tieres ruht auf den Soldaten.

Mit wenigen Strichen zeichnet Claude Simon, Literaturnobelpreisträger des Jahres 1985, ein bedrückendes wie plastisches Kriegsszenario. Simon schrieb die knapp 50 Seiten der Erzählung im Jahre 1958. In Frankreich erschien sie damals in zwei Teilen in einer Zeitschrift, in Deutschland liegt sie erst jetzt vor. Ein Jahr später veröffentlichte Simon damals seinen großen Kriegsroman "Die Straße in Flandern", in dem er seine Kriegserfahrungen als Soldat niederschrieb und mit dem er bei einer größeren Leserschaft bekannt wurde. "Das Pferd" wirkt wie eine Vorstudie zum Roman, ist aber gleichzeitig ein abgeschlossenes, höchst eindrucksvolles Beispiel für die Erzählkunst des französischen Schriftstellers. 

Claude Simon: Das Pferd, übersetzt von Eva Moldenhauer, Berenberg Verlag, 78 Seiten, ISBN 978-3-946334-17-0.

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