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Sport

Die beste zweite Liga der Welt

Sportlich gilt die Zweite Liga als stark wie nie. Der Unterhaltungswert ist mit millionenschweren Dorfvereinen, Nationalspielern, skandalerprobten Trainern und undurchsichtigen russischen Sponsoren ohnehin erstklassig.

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Heimlich, still und leise geheiratet - im Mittelkreis des Kölner Stadions: Ehepaar Daum

Die Zweite Bundesliga ist auf gutem Weg, die Liga des Weltmeisters zu überflügeln. Bei 18.000 Zuschauern lag der Schnitt der letzten Saison in der Serie A - an den ersten Zweitliga-Spieltagen der Saison 07/08 waren es etwa tausend mehr. "Es ist die stärkste zweite Liga aller Zeiten", sagt der ehemalige Nationalstürmer Bruno Labbadia, der neue Trainer von Greuther Fürth. Bisher fand sich niemand, der ihm widersprochen hätte.

Vom Bolzplatz zum WM-Stadion

Es ist noch nicht lange her, da galt die Zweite Liga als Klopperliga, in der fiese Treter in zugigen Stadien holzten. Willi Landgraf, Rekordspieler der Liga, hörte auf den Spitznamen "Kampfschwein". Diese Zeiten sind vorbei. "Wir spielen in WM-Stadien und gegen große Vereine", sagt etwa Claus-Dieter Wollitz, Trainer des Aufsteigers VfL Osnabrück - das klang ehrfürchtig.

Länderspiel Deutschland - Rumänien 3:1 - Patrick Helmes

Zweitklassig: Der deutsche Nationalspieler Patrick Helmes

Das Gesicht der Zweiten Liga wird in dieser Saison von Klubs geprägt, die sich von Geschichte und Selbstverständnis erstklassig wähnen: 1. FC Köln, Borussia Mönchengladbach, 1860 München und der 1. FC Kaiserslautern, sämtlich ehemalige Deutsche Meister. Sie spielen in Stadien, auf die Champions-League-Vereine neidisch sein können. Mit St. Pauli, Mainz 05 und dem SC Freiburg sind alle "alternativen" Kult-Klubs in der Liga versammelt. Nationalspieler aus aller Herren Länder laufen auf, selbst zwei leibhaftige deutsche Nationalstürmer: Patrick Helmes in Köln, WM-Held Oliver Neuville in Gladbach.

Echte Weltmeister

In der Liga ist inzwischen ein Sammelsurium an Fußballprominenz gelandet, das beste Unterhaltung verspricht - auch wenn nicht jede Woche der skandalerprobte Kölner Trainer Christoph Daum seine Auserwählte im Mittelkreis des Stadions heiratet. In Aachen hat mit Guido Buchwald ein echter Weltmeister das Sagen - der Schwabe, der seine Trainer-Karriere in Japan startete. Der Deutschen liebster Fußball-Erklärer Jürgen Klopp bleibt nicht nur dem ZDF, sondern auch Mainz 05 in der Zweiten Liga treu, und Ralf Rangnick betreut das ehrgeizigste Projekt des deutschen Fußballs - doch dazu später mehr.

Bundesliga 2. Spieltag Borussia Dortmund gegen FSV Mainz 05 Jürgen Klopp

Zweitklassig: Jürgen Klopp

Selbst die TuS Koblenz leistet sich etwas Glamour: Trainer Uwe Rapolder, ein Hobby-Philosoph, dem das Fußmagazin "Rund" einst die Erscheinung "eines tschechischen Autoschiebers Ende der 1970er Jahre" attestierte, wurde eine der schillernsten Figuren des deutschen Fußballs zur Seite gestellt: Mario Basler, das ehemals legendär lauffaule, trinkfreudige und rauflustige Mittelfeldgenie, fungiert nun als Co-Trainer.

Die Märchen vom Dorf

Die Schlagzeilen stahl den Großen bisher aber der Aufstieg zweier Dorfklubs: Heinz Hankamer verliebte sich einst in den SV Wehen, damals ein Achtligist aus der Nähe von Wiesbaden. 1982 ließ der Millionär sich zum Vorsitzenden wählen und lockt immer bessere Fußballer mit Barem und einem Posten in seiner Firma. Seit dieser Saison hat Wiesbaden jetzt einen Profi-Klub - auch wenn es dort noch nicht viele gemerkt haben. Was vielleicht daran liegt, dass der SV Wehen noch gar kein eigenes Stadion hat.

Dietmar Hopp, Sport-Mäzen, sitzt am Freitag (25.05.2007) während einer Pressekonferenz zum Spatenstich zum neuen Fußball-Stadion in Sinsheim vor einem Plakat mit einem Bild des neuen Stadions

Was ihr wollt: Dietmar Hopp vor einem Bild des versprochenen neuen Stadions für Hoffenheim

Der zweite Emporkömmling leistet sich sogar einen Milliardär: Bei der TSG Hoffenheim im schönen Kraichgau spielte einst ein gewisser Dietmar Hopp in der Kreisliga. Für die Profi-Karriere reichte es nicht, dafür gründete Hopp den Software-Giganten SAP - und will seinen Ex-Klub in der Bundesliga sehen. Hopps einzige Bedingung: Er möchte junge Spieler verpflichtet sehen, egal was sie kosten. Das erste Jahr Zweite Liga gilt als Zwischenschritt. Nachdem es in den ersten Spielen nicht lief, durfte Trainer Rangnick nochmals aufrüsten: Den Nationalspielern Nilsson (Schweden) und Edu (Nigeria) folgten mit Demba Ba (Senegal) und Brasiliens U20-Auswahlspieler Carlos Eduardo die Millionentransfers drei und vier. Geschätzte Kosten: 20 Millionen Euro - das gab es noch nie in der Zweiten Liga. "Ronaldinho kommt für uns nicht in Frage, der ist schon über 25", sagte Rangnick danach - er schien nicht zu scherzen.

Klein-Chelsea in Thüringen?

Neue Spieler bei 1899 Hoffenheim

Millionenschwer: Ba und Carlos Eduardo (r)

"Ob das alles wirklich ein Märchen ist?", fragte sich auch unlängst Jenas Präsident Rainer Zipfel. Der Rubel soll nämlich auch bald in Ost-Thüringen rollen. Die "Alpha Invest Group Corporation", ein russisches Firmenkonglomerat mit Sitz auf den Virgin Islands, will in den kommenden fünf Jahren 20 bis 25 Millionen Euro an den Verein zahlen - für die Habenichtse aus Jena mit einem Etat von nicht einmal neun Millionen ein Vorstoß in andere Dimensionen. Die Verhandlungen ziehen sich, obwohl die Russen sich nicht lumpen lassen. "Wir haben uns im Trainingslager getroffen, und die Russen haben gleich festgestellt, dass wir ein Torwart- und ein Stürmerproblem hatten", erinnert sich Zipfel. Die Russen überwiesen 500.000 Euro, zwei georgische Spieler wurden verpflichtet - Klein-Chelsea in Thüringen.

Am 29. September stimmen Jenas Mitglieder über die Ausgliederung der Profis in eine GmbH ab, erstmals in der Geschichte des deutschen Fußballs erhielte ein Investor damit Mitspracherecht im operativen Geschäft. Die Abstimmung gilt als offen. Ob Jena danach ein Fußball-Wunder erlebt oder sich einfach nur wundert - es verspricht eine weitere unterhaltsame Episode einer erstklassig unterhaltsamen Liga zu werden.