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Musik

Die Beschwerdekunst von Tocotronic

Tocotronic haben in 17 Jahren Bandgeschichte maßgeblich die deutsche Jugendkultur geprägt. Mit "Schall und Wahn" krönen sie nun den Abschluss ihrer Berlintrilogie - nicht aber ihrer Karriere.

Tocotronic auf der Bühne (Foto: Patrick Lutz/dpa)

Seit 17 Jahren führen sie Beschwerde

Tocotronic gelten als Vertreter des so genannten Diskursrock, ein Genre, in dem deutschsprachige Bands vornehmlich aus Hamburg in ihren kritischen Texten aufeinander Bezug nehmen. Noch gerade so ins Boot der Diskursrocker hineingerutscht, ergötzten sich die Tocos Anfang der Neunziger am Dagegen-Sein und verfluchen alles, was auch nur den Hauch von Spießigkeit besitzt. Damals sangen sie Lieder wie "Gitarrenhändler, ihr seid Schweine" oder "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein" und ehe sie sich versahen, waren sie Ikonen einer solchen. Auch ästhetisch setzten sie ihre Marke mit Trainingsjacke und Seitenscheitel. Nicht nur in den Hörsälen der Unis erkannten sich nun verkappte Revolutionäre an ihrem Outfit wieder.

Porträt der vier Musiker von Tocotronic (Foto: picture alliance/dpa)

Tocotronic: Es gehört dazu, in der Rockmusik zu meckern

In Anlehnung an David Bowies "Berlin-Trilogie" in den 70ern, verwenden Tocotronic heute denselben Terminus, um ihr neues Album mit dem Titel "Schall und Wahn" in die Ohren und Köpfe des Landes zu treiben. Nach "Pure Vernunft darf niemals siegen" und "Kapitulation" ist es nämlich das dritte Album, das in Berlin unter Produzent Moses Schneider und mit dem neusten Zugang der Band, Gitarrist Rick McPhail eingespielt wurde.

Dadaismus und Poesie

CD-Cover Schall und Wahn (Foto: DW)

Shakespeare und William Faukner standen Pate für Schall und Wahn

Tocotronic haben sich zwar noch längst nicht von den T-Shirt-Slogans des Diskursrock verabschiedet, doch spätestens seit Beginn des letzten Jahrzehnts sind sie zu Diskurspoeten mutiert. Es geht weniger um die Liebe als um stark von Lyrik und Metaphorik geprägte Texte, bei welchen nicht nur Germanistikstudenten zu ausschweifenden Interpretationen verführt werden. Doch nicht jede Textstelle muss gleich nach einem tieferem Sinn abgetastet werden. Manchmal schleicht sich Dadaismus ein, der ist aber nicht das neue Konzept der Band. "Bitte oszillieren Sie zwischen Bums und Bi" gehört zu der aufmunternden Art von Phrase, die Sänger Dirk von Lowtzow auf "Schall und Wahn" verkündet. Und einige tappen jetzt schon in die Interpretationsfalle, wenn sie versuchen, auf den tieferen Sinn von "Bums" und "Bi" einzusteigen. Dabei bedeutet Bums und Bi einfach nur Bums und Bi.

Die Antihaltung bleibt

Sänger Dirk von Lowtzow (Foto: picture alliance/ZB)

Sänger Dirk von Lowtzow

Nach dem Album "Kapitulation" vor zwei Jahren bleibt die Antihaltung als roter Faden in Tocotronics Werk bestehen. In "Stürmt das Schloss" singen sie (D)SDS und vor dem geistigen Auge sieht man schon das tête-à-tête zwischen Dieter Bohlen auf Rudi Dutschke. "Es scheint so eine wichtige Komponente unseres Schaffens zu sein, dass man vieles ablehnt und sich auch einigem verweigert", analysiert Schlagzeuger Arne Zank. Und Gitarrist Rick McPhail drückt sich noch deutlicher aus: "Es ist nicht alles beautiful da draußen. Es ist ja eine beschissene Welt; ich finde, es gehört dazu, in der Rockmusik einfach zu meckern." Politisch schon immer auf der linken Seite, erheben Tocotronic ihre Stimme gegen sämtliche nationalistische Tendenzen in der deutschen Popkultur; so lehnten sie im Jahr 1996 den Comet-Preis für die Kategorie "Jung, deutsch, auf dem Weg nach oben" ab. Für ebenso verwerflich halten sie auch die immer wieder diskutierte "Deutschquote" im Radio.

Avantgardistischer Rock

Tocotronic sind neben all ihrem Meckern eine vorbildliche, sogar avantgardistische Erscheinung. Alle vier Bandmitglieder dürfen gleichberechtigt mal die Titelblätter berühmter Musikmagazine schmücken; wenn sie gemeinsam abgelichtet werden, halten sie demonstrativ Händchen; ein Appell gegen Homophobie und stereotype Geschlechterrollen Und sie erspüren früh gesellschaftliche Tendenzen, die in schönem Gewand ihr Unwesen treiben. Die progressive Do it Yourself-Idee des Punk – das sich unabhängig machen durch Selbermachen, das hat sich ihrer Meinung nach in einen umgekehrten Zwang gewendet. Mit der Singleauskopplung "Mach es nicht selbst" gibt es den passenden Slogan dazu. Gegen die Pflicht zur Selbstdarstellung auf allen Ebenen, gegen die Selbstvermarktung als Verkaufsargument. Eine passive, unkommunikative oder unkreative Persönlichkeit zu haben, bedeutet für Tocotronic also nicht automatisch Schwäche.

Ihr Schall ist Wahnsinn

Das Foto zeigt Jan Müller, Arne Zank, Rick Mc Phail und Dirk von Lotzow von Tocotronic (Foto: picture alliance)

Verglichen mit früheren Anklagetexten ist das neue Album eher persönlich aber niemals versöhnlich – die Widersprüche bleiben bestehen. Wir sind alle Untertan von Schall und Wahn. Frei nach Shakespeare: "Leben ist nichts mehr als eine Fabel, die nichts bedeutet, erzählt von einem Idioten, voll mit Schall und Wahn." Tocotronics Schall ist Wahnsinn. Es ist eine Art Rekapitulation der Bandgeschichte in Sinn und Sound: Punk, Songwriting, Mitsinghymnen, erweitert durch diverse Kooperationen mit anderen KünstlerInnen und erstmals klassische Streichersamples. Der Abschluss der Berlin-Trilogie ist noch nicht das Ende der Band. Das wäre kalter Entzug für alle Musikjunkies.

Autorin: Eva Gutensohn

Redaktion: Matthias Klaus

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