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Deutschland

Die Berliner Mauer nachempfinden

Spuren der einstigen Teilung gibt es nur ganz wenige. Erst allmählich wurde man sich in der wiedervereinigten deutschen Hauptstadt dieses Mankos bewusst. Nun kehrt die Vergangenheit teilweise zurück.

Der originale Mauerrest an der Bernauer Straße (Foto: DW)

Um den jüngeren Einheimischen und den Millionen Berlin-Besuchern aus aller Welt ein Bild von der 28 Jahre geteilten Metropole zu vermitteln, entsteht bis zum Jahre 2012 an der zentralen Gedenkstätte Bernauer Straße ein 1,3 Kilometer langes Areal, auf dem die Brutalität und Unmenschlichkeit der Mauer dokumentiert wird. Ausgangspunkt ist ein originaler Mauerrest samt Wachturm. In mehreren Abschnitten wird nun das hochkomplexe Grenz-System dargestellt. Erlebbar wird die Mauer, werden die Mauer-Schicksale durch Originalteile in Verbindung mit multimedialen Darstellungen am authentischen Ort.

Ein 155 Kilometer langes tödliches Grenzsystem

So sah die Mauer überall aus: Vorderlandmauer im Westen, Kolonnenweg, Lichtmasten, Hinterlandmauer im Osten. An der Gedenkstätte Bernauer Straße steht im rechten Winkel eine chrom-stählerne Wand, um den Mauerverlauf ins Unendliche zu spiegeln (Foto: DW)

So war's: Vorderlandmauer, Kolonnenweg, Lichtmasten, Hinterlandmauer

Die Berliner Mauer war viel mehr als eine 155 Kilometer lange, 3,60 Meter hohe unüberwindbare Betonwand. Die Berliner Mauer war ein tödliches Grenz-System aus Stacheldraht, Alarmanlagen, Scheinwerfern, Wachhunden, Kolonnenwegen und Wachtürmen. All das verschwand in Windeseile, kaum dass die Mauer am 9. November 1989 gefallen war. Der Abriss war so gründlich, dass praktisch an keiner einzigen Stelle das wahre Grauen, die unfassbare Brutalität der innerstädtischen Grenze in Berlin für die Nachwelt erhalten blieb.

Es sollte keine Disney-Welt werden

Alt und neu: Der originale Mauerrest im Hintergrund wird durch rostige Eisenstelen verlängert, die genauso hoch sind, wie die Beton-Teile (Foto: AP)

Alt und neu: Der originale Mauerrest wird durch rostige Eisenstelen verlängert

Die Grenzanlage zu rekonstruieren, kam für die Mauer-Gedenkstätte an der Bernauer Straße nicht infrage. Es sollte keine Disney-Landschaft, kein Gruselkabinett entstehen. Was sich an diesem historischen Ort abspielte, wie es hier früher aussah, können die Besucher an Informationsstelen mit Ton- und Filmaufnahmen erfahren. Ein Radio-Reporter beschreibt den Bau der Mauer im August 1961. "Verrosteter Stacheldraht, der sich quer über die Straße spannt und dahinter Posten von etwa vier kriegsmäßig ausgerüsteten Volkspolizisten mit umgehängtem Stahlhelm, geschulterten Gewehren mit aufgepflanzten Bajonetten."

Fenster des Gedenkens

Herzstück des neu gestalteten Areals an der Bernauer Straße ist die rostig-stählerne Wand mit den Bildern von mehr als 100 Mauer-Toten (Foto: AP)

Den Toten ein Gesicht geben: Das Fenster des Gedenkens

49 Jahre später sind zahlreiche Angehörige und Freunde von Mauer-Toten gekommen, um bei der Eröffnung des erweiterten Gedenkstätten-Areals dabei zu sein. Herzstück ist das Fenster des Gedenkens, in dem, so weit verfügbar, Fotos der 136 zu Tode Gekommenen zu sehen sind, darunter auch acht Grenz-Soldaten.

Keine Erinnerung an den erschossenen Vater

Für Heiko Kliem ist es ein besonderer Tag. An seinen Vater kann er sich nicht erinnern. Als der 1970 von Grenzsoldaten hinterrücks erschossen wurde, war der Sohn ein Jahr alt. Jetzt habe er einen Ort, wo er hingehen könne, um an dessen Geburtstag seines Vaters zu gedenken. "Aber ich denke nicht nur an das, was meinem Vater passiert ist, sondern auch an all die anderen, die zu Tode gekommen sind, die ermordet wurden", ergänzt der 41-Jährige.

Klaus Wowereit während einer Rede (Foto: LSVD)

Klaus Wowereit: "Mit Herz und Verstand" (Archivfoto)

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit spricht davon, an der Bernauer Straße solle ein Gedenken "mit Herz und Verstand" möglich sein. Die Mauer-Toten sollen aus der Anonymität ins öffentliche Bewusstsein geholt werden. "Es waren Menschen aus der Familie, aus der Nachbarschaft. Es waren nicht Zahlen oder Nummern, sondern es waren Menschen, die betroffen waren", betont Wowereit.

Bernauer Straße: "Tat- und Lernort"

Axel Klausmeier, Direktor der Stiftung Berliner Mauer, bezeichnet das neue Areal an der Gedenkstätte Bernauer Straße als "Tat- und Lernort" in einem. An dieser Grenze sei der wahre Charakter der kommunistischen Diktatur deutlich geworden. "Sie hat alle Register der Menschen-Verachtung gezogen, um ihre nicht durch freie Wahlen legitimierte Herrschaft zu bewahren", sagte Klausmeier.

Die Machthaber in der DDR kannten keine Berliner Mauer. In ihrem Sprachgebrauch war sie ein "antifaschistischer Schutzwall". In einem Lehrfilm der Nationalen Volksarmee, der an einer Informationsstele der Gedenkstätte zu sehen ist, wird allen Ernstes der Eindruck erweckt, die Mauer richte sich gegen so genannte Provokateure aus dem Westen. Kein Wort davon, dass Fluchten verhindert werden sollten. Dramatisch klingende Musik ist zu hören, ein Soldat ruft "Halt stehen bleiben! Grenzposten!" Der Gipfel des Zynismus ist die Behauptung, der Zwischenfall zeige, "wie es einem Grenzverletzer erginge, würde er versuchen, hier ins Gebiet der DDR einzudringen".

Die vielleicht zwei Meter hohe Mauer an der Bernauer Straße im Jahre 1963, fotografiert aus einem Wohnhaus im Westen Berlins; zuletzt war die Mauer 3,60 Meter hoch (Foto: dpa)

Hinter der noch niedrigen Mauer endete am 13. August 1961 die Freiheit

In Wahrheit waren es Ostdeutsche, die sich nach Freiheit sehnten und der DDR deshalb den Rücken kehren wollten. Ein Gefühl, das auch Heiko Kliems Vater kannte. Sein Tod ist besonders tragisch, weil er gar nicht die Absicht hatte zu flüchten, sondern sich im Berliner Umland versehentlich mit dem Moped der Grenze näherte. Als er seinen Irrtum bemerkte, wurde er rücklings erschossen.

"Warum hat der geschossen?"

Dass nun an das Schicksal aller 136 bekannten Mauer-Toten zentral erinnert wird, findet Heiko Kliem gut. Wütend ist er darüber, dass der Grenzsoldat, der ihn zum Halbwaisen gemacht hat, in einem Gerichtsverfahren nach dem Mauerfall nur ein Jahr und acht Monate Haft auf Bewährung bekommen hat. Zum Tatzeitpunkt war der Todesschütze gerade einmal 18 Jahre alt; er wurde nach dem Jugendstrafrecht verurteilt. Heiko Kliem hat dafür kein Verständnis.

Auch 40 Jahre nach dem völlig sinnlosen Tod seines Vaters gehen ihm die immer gleichen Gedanken durch den Kopf. "Warum hat der geschossen?" Selbst der Postenführer habe gesagt, es habe keine Veranlassung gegeben zu schießen. "Und das ist das, was einen so aufwühlt."

Autor: Marcel Fürstenau
Redaktion: Kay-Alexander Scholz

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