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Kultur

Die Berlinale schwächelt

"Bal" war der Siegerfilm, auf den alles hinauslief. Inmitten eines durchschnittlichen Wettbewerbs gehörte der Streifen zu den besseren Filmen. Er setzt damit auch eine Berlinale-Tradition fort. Jochen Kürten kommentiert.

Die Bären-Trophäen bei der Preisverleihung der Berlinale 2010 (Foto: Jörg Carstensen dpa/lbn)

Ausgezeichnet wurden in der jüngeren Vergangenheit zumeist Filme aus weniger bekannten Kinonationen, Regisseure, die noch keinen ganz großen oder gar keinen Namen in der Welt des Films haben. Der türkische Regisseur Semih Kaplanoglu ist kein Unbekannter, sein Film "Süt" lief gerade noch in den deutschen Kinos. Kaplanoglus "Goldener Bär" steht auch stellvertretend für das starke, künstlerisch angelegte Kino der Türkei der letzten Jahre.

Jury treffsicher

Auch die anderen Preisträger dieser Jubiläums-Berlinale waren von der Jury um Präsident Werner Herzog trefflich ausgewählt. Der Regie-Bär für Roman Polanski ist verdient und sollte nicht nur als Solidaritätsadresse für den in der Schweiz festsitzenden Regisseur gewertet werden. "The Ghost Writer" ist zwar ein Stück konventionelles Spannungskino, aber so meisterhaft stilsicher inszeniert, so gut gespielt und an wunderbaren Schauplätzen in Szene gesetzt, dass das Cineastenherz in Berlin höher schlug.

Der große Jurypreis an den rumänischen Beitrag, der Drehbuchbär an den chinesischen Eröffnungsfilm - gute Entscheidungen, die für das fachkundige Auge der Jury sprechen. Das war in der Vergangenheit nicht immer der Fall. Die Urteile der Kritiker und die der oft bunt und sehr unterschiedlich besetzten internationalen Jury fielen eher selten deckungsgleich aus. Einziger Wermutstropfen: der iranische Film "Zeit des Zorns" hätte sicher auch einen Bären verdient, nicht nur wegen seiner politischen Brisanz. Ansonsten aber: Hut ab vor dieser Jury!

Reformbedarf für die Berlinale

Jochen Kürten (Foto: DW)

Jochen Kürten

Alles Sonnenschein also bei dieser 60. Berlinale? Keinesfalls. Die würdigen Preisträger können nicht das schwache Niveau des diesjährigen Wettbewerbs kaschieren. Und das ist leider ein Trend der letzten Jahre, der sich auch 2010 fortgesetzt hat. Das Herzstück der Berlinale, der Wettbewerb, sollte dringend reformiert werden. Eindeutiges Zeichen dieses Verfalls: die großen Regisseure, die besten Filme, gehen stets zum Festival nach Cannes. Ein Pedro Almodóvar, ein Lars von Trier, ein Quentin Tarantino - sie alle zeigen ihre neuesten Werke lieber an der Cote d'Azur als in Berlin.

Nun könnte man argumentieren, Berlin habe eben einen anderen Fokus, hier setzte man auf den Blick in ferne Weltregionen, hier seien unbekannte Regisseure zu entdecken. Dagegen wäre nichts zu sagen, wenn sich dies nun im Wettbewerb in qualitätsvollen Beiträgen niederschlagen würde. Doch was dort in diesem Jahr zum Teil zu sehen war, ist dem angestrebten Niveau eines großen, internationalen Festivals kaum würdig. Wie könnte man es besser machen? Die Berlinale ist inzwischen ein unglaublich aufgeblasenes Festival mit vielen Programmsektionen, Unterrubriken und Nebenveranstaltungen. Wenn man sich ein wenig mehr auf Qualität konzentrieren, die vielen Spezialvorstellungen reduzieren und wirklich nur das Beste zeigen würde, dann käme das auch dem Wettbewerb zu gute. Und die Berlinale könnte immer noch ein großes Publikumsfestival sein. Das Berliner Publikum stürme doch fast alle Vorstellungen, argumentieren die Festivalmacher. Doch was spricht dagegen, weniger Filme in mehr Vorstellungen zu zeigen? Also: Mut zur Lücke, Mut zur Qualität.

Autor: Jochen Kürten
Redaktion: Hajo Felten

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