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Nahost

"Die Berichte der Kinder machen sprachlos"

In Syrien werden Kinder gefoltert, missbraucht und getötet. Ihre schockierenden Erlebnisse erzählen die geflüchteten Kinder in dem Augenzeugenbericht "Unbeschreibliche Grausamkeiten".

Kathrin Wieland, Geschäftsführerin von Save the Children in Deutschland (Foto: Save the Children)

Kathrin Wieland, Geschäftsführerin von "Save the Children" in Deutschland

Die Kinderrechtsorganisation "Save the Children" hat den Bericht am Dienstag (25.09.2012) herausgegeben. Er basiert auf Gesprächen, die Mitarbeiter der Organisation im jordanischen Flüchtlingscamp el-Za'atari mit den syrischen Jungen und Mädchen geführt haben. Die Geschäftsführerin von "Save the Children" in Deutschland, Kathrin Wieland, war vor Ort und stellt der Deutschen Welle den Bericht vor. Zu der Frage, wer für die Gewalttaten gegen die Kinder verantwortlich ist, möchte sie nicht Stellung nehmen, damit ihre Organisation nicht als parteiisch wahrgenommen wird.

DW: Frau Wieland, können Sie kurz zusammenfassen, was der Bericht beinhaltet?

Kathrin Wieland: Der Bericht, den wir heute veröffentlicht haben, beschreibt Misshandlungen, Folter und Tötungen von Kindern. Es sind schockierende Aussagen von geflüchteten Mädchen, Jungen und Erwachsenen, die wir gesammelt haben. Es sind detaillierte Schilderungen über Kinder als Gefangene in einem Bürgerkrieg - über Massaker, brutale Übergriffe und Folter.

Können sie uns beschreiben, was in Syrien passiert? Was hat Sie besonders bewegt?

Jeder der Berichte ist unfassbar - unfassbar grausam. Ich möchte einige Zitate der Kinder anführen: Wael, 16 Jahre, hat uns erzählt: "Dieser sechsjährige Junge wurde mehr als alle anderen in diesem Raum gefoltert. Er wurde regelmäßig geschlagen. Ich sah zu, wie er starb. Er überlebte nur drei Tage, dann starb er einfach." Oder Kahlid, 15, der berichtet: "Sie hängten mich an meinen Handgelenken an die Decke, meine Füße waren über der Erde, und dann wurde ich geschlagen. Wir sollten reden, irgendetwas gestehen…". Und es geht so weiter: Jedes einzelne Zeugnis eines Kindes ist ein Zeugnis einer Tat, die nicht sein darf. Wir haben Zeugnisse von Kindern, die bei Demonstrationen mit ihren Eltern mitgelaufen sind und dann verschleppt wurden. Wir haben Zeugnisse von Kindern, die bei Razzien verschleppt und von ihren Eltern getrennt wurden. Wir haben auch furchtbare Zeugnisse von Kindern, die gefangen worden sind, weil ihre Eltern gesucht wurden - sechsjährige Kinder, die gefoltert worden sind, um ihre Eltern zur Aufgabe zu zwingen.

Kinder stehen auf keiner Seite. Was veranlasst die Gewalttäter also dazu, Kinder zu foltern und zu ermorden?

Ich kann Ihnen das nicht beantworten, dieser Bericht, die Zeugnisse dieser Kinder machen uns sprachlos. Ich weiß wirklich nicht, was Menschen dazu treibt, Kindern so etwas anzutun - das sind schwerste Menschen- und Kinderrechtsverletzungen, die wir dokumentiert haben.

Was kann Ihrer Meinung nach getan werden, um die Gewalt gegen Kinder in Syrien zu stoppen?

Wir fordern, dass das Morden in Syrien sofort beendet wird. Wir fordern das in einer Petition an den UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon, denn nur die Vereinten Nationen und ihre Mitgliedsstaaten können sicherstellen, dass Kinder vor diesen Übergriffen geschützt werden, dass jedes dieser Verbrechen dokumentiert wird und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden.

Können Sie uns in irgendeiner Hinsicht von positiven Entwicklungen, von Verbesserungen berichten?

Aus Syrien gibt es im Moment keine positiven Nachrichten. Wir haben mittlerweile über 300.000 Flüchtlinge aus Syrien, die sich in der Türkei, im Irak, in Jordanien und im Libanon befinden. Wir sind mit "Save the Children" sehr aktiv im Libanon und in Jordanien. Ich selbst hatte die Chance, in der vergangenen Woche mit Kindern in Za'atari, dem Flüchtlingscamp an der syrischen Grenze in Jordanien, zu sprechen. Man sieht dort, wie sie in den Kinderschutzräumen, die wir eingerichtet haben, anfangen zu spielen, zu malen und zu reden. Es ist unheimlich bedrückend mit diesen Kindern zu reden: Sie haben soviel Gewalt und Morden erlebt. Aber dann, im nächsten Moment, sind viele auch wieder Kinder, die lachen, spielen und sich öffnen. Das ist auch mein Appell: Wir müssen uns diesen Kindern zuwenden. Wir müssen dafür sorgen, dass sie ihre Rechte wieder wahrnehmen können, damit diese Kinder eine Zukunft haben.

Das Interview führte Christina Ruta