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Deutschland

Die "Beate-Zschäpe-Show" der Medien

Der NSU-Prozess bewegt die Gemüter weltweit, vor allem das Auftreten der Beate Zschäpe: Die Hauptangeklagte präsentierte sich elegant gekleidet. Die meisten Medien zeigten sie so - und rückten sie so in den Mittelpunkt.

Eine Frau flirtet mit einem Mann. Er erwidert ihre Blicke. Sie ist groß und schlank. Sie sieht gut aus: sanftes Lächeln, lange Haare, braune Augen. Sie trägt eine weiße Bluse und einen schwarzen Hosenanzug. Ihre Accessoires und Schmuckauswahl zeugen von dezentem Stil: Einfache rund gebogene silberne Ohrringe scheinen unter ihrem schwarzen Haar hervor, am linken Arm trägt sie eine goldene Armbanduhr. Die Flirtszene könnte eine ganz normale harmlose Alltagsszene sein zwischen zwei jungen Menschen in einer deutschen Großstadt, hieße die junge Frau nicht Beate Zschäpe, die gerade vor Gericht der Mittäterschaft an zehn Morden und mehreren Mordversuchen angeklagt ist. Und wäre der junge Mann kein Polizist, der im Gerichtssaal als einer ihrer 30 Bewacher fungiert und sie außerhalb des Gefängnisses in keiner Sekunde aus den Augen verlieren darf.

Ereignet hat sich die Szene am Montag (06.05.2013) im zur Festung ausgebauten Schwurgerichtssaal des Münchner Oberlandesgerichts. Während einer Viertelstunde durften ein Dutzend Fotografen die mutmaßliche Terroristin fotografieren, bevor sie vom Vorsitzenden Richter des Gerichtssaals verwiesen wurden. Um eine ungewöhnliche Sicht auf die "Nazi-Terroristin" (Titelseite von Deutschlands größter Boulevard-Zeitung "BILD" von Dienstag) zu bekommen, um die lukrativste Aufnahme von ihr zu machen, knien die Fotografen im wahrsten Sinne des Wortes vor ihr nieder. Als ob die versammelten Bildjournalisten eine Göttin anbeten würden. Die aus dieser Froschperspektive entstandenen Bilder zeigen eine Frau, die über uns zu thronen scheint.

"Der Teufel hat sich schick gemacht"

Beate Zschäpe in Anzug im Gerichtssaal. (Foto: Reuters/Michael Dalder)

So zeigte sich Beate Zschäpe, so zeigten sie die Medien, auch die Deutsche Welle

Die Mehrheit der deutschen Zeitungen preist daher ihre Ausgaben vom nächsten Tag mit einem großen Zschäpe-Bild auf der Titelseite am Kiosk an. Das tonangebende Qualitätsblatt "Süddeutsche Zeitung" aus München, das Zentralorgan der politischen Mitte, druckt ein großes Bild von der elegant gekleideten Frau, das sie lächelnd zeigt. Es ist ein herangezoomter Bildausschnitt eines Agenturfotos in der halbnahen Einstellung, die dem Portrait entspricht. Auf der Seite eins der "Süddeutschen Zeitung" sieht Beate Zschäpe aus wie die frisch gekrönte Schönheitskönigin "Miss Thüringen". (Die 38-jährige Malergehilfin Zschäpe stammt aus der thüringischen Großstadt Jena.)

Die "BILD" zeigt Beate Zschäpe auf ihrer Titelseite nicht im Portrait, sondern vom Kopf abwärts bis zur Hüfte. Diese "medium shot" genannte Einstellung der Bildgestaltung wird gerne im Western verwendet, um Revolverhelden mitsamt ihrer Waffe zu zeigen. "BILD", die jeden Tag von 12,5 Millionen Menschen gelesen wird, titelt dazu: "Der Teufel hat sich schick gemacht." Das Münchner Boulevardblatt "Abendzeitung" mit 300.000 Lesern verwendet dasselbe Foto mit dem gleichen Bildausschnitt, jedoch mit der abgeschwächten Überschrift "Zschäpes eiskalter Auftritt". Was trotz der martialischen Überschriften beim Betrachter der Titelfotos hängenbleibt, ist das Bild einer selbstbewusst mit beiden Beinen im Leben stehenden Frau.

Die Beate-Zschäpe-Show

Mikdat Karaalioğlu, Chefredakteur der türkischen Tageszeitung "Sabah", die auf ihrer Titelseite juristische "Befangenheitsspielchen" thematisiert, vergleicht diese Inszenierung der Beate Zschäpe gegenüber der Sendung "Kulturzeit" des Fernsehsenders "3sat" mit "einer Geschäftsfrau bei einer sehr großen Sitzung".

Mit diesen veröffentlichten Bildern machen die Boulevardzeitungen und die Qualitätspresse Beate Zschäpe zu ihrem Idol. Sie machen aus einem voraussichtlich mehrjährigen Mammutprozess mit fünf Angeklagten, einer 500 Seiten langen Anklageschrift und bisher weit über 600 geladenen Zeugen eine One-Woman-Show. Sie inszenieren die Beate-Zschäpe-Show.

Andere Darstellung möglich

Ein Schild, auf dem Angeklagte Zschäpe steht (Foto: Reuters/Michael Dalder)

Auch möglich: Die "Angeklagte Zschäpe" ist selber nicht zu sehen

Wohltuend hebt sich davon die linke Tageszeitung "Neues Deutschland" ab, die auf Ihrer Titelseite ein Foto von dem Namensschild "Angeklagte Zschäpe" vor einer leeren Anklagebank zeigt. Hier nähert sich eine Bildredaktion dem Prozess zu den schrecklichen Massenmorden mit rassistischem Hintergrund mit einer vorsichtigen Bildsprache. Dazu passt, dass in der Ausgabe zum Prozessauftakt vom Montag das "Neue Deutschland" bereits ein langes Feuilleton-Stück veröffentlicht hat, das sich kritisch mit dem öffentlichen Bild der Beate Zschäpe auseinandersetzt. Darin heißt es: "Die Darstellung der mutmaßlichen NSU-Terroristin habe bis dato eine öffentliche Auseinandersetzung mit ihren politischen Motiven nicht gerade begünstigt. Dabei wäre das bitter nötig. Zum Prozessauftakt darf man auf die weitere Bildproduktion mit Aufmerksamkeit blicken."

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", das Flaggschiff des konservativen Journalismus, wählte eine Zwischenlösung. Sie zeigt Zschäpe auf ihrer Titelseite inmitten ihrer Rechtsanwälte, umringt von Fotografen und neugierig beäugt von den Zuschauern auf der Empore.

Doppelter Fehler in Zschäpes Matrix?

Diese Art und Weise der medialen Aufbereitung des ersten Prozesstages bewegt auch die liberale Wochenzeitung "Die Zeit", die sich in dem Artikel "Ein wohlfrisierter Nazi" mit Zschäpes öffentlichem Bild auseinandersetzt: "Beate Zschäpe hat uns nicht den Gefallen getan, mit einem Hakenkreuz auf der Stirn den Gerichtssaal zu betreten. Wer Monströses macht, darf nicht adrett aussehen, flüsterte uns das Unterbewusstsein zu, das es uns gerne so einfach wie möglich macht. Die Bilder der lächelnden, schicken Angeklagten stoßen uns so vor den Kopf, weil sie uns schlagartig bewusst machen, dass sie kein unmenschliches Monster ist. Sondern ein Mensch."

Von einem Korrespondenten des türkischen Fernsehens, der am Montag auf der Pressetribüne des Schwurgerichtssaals saß, war beim ersten Anblick der Zschäpe zu hören: "Die grinst sich vor den Angehörigen der Opfer einen weg, Alter. Das gibt's doch nicht!" Er vermutete sogleich, dass es einen doppelten Fehler in ihrer Matrix gebe: Einmal, als sie bis zu zehnmal kaltblütig gemordet oder zumindest dabei geholfen habe - und nun, da sie schamlos lachend den Opfern gegenübergetreten sei.

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