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Grüne Woche

Die Bauern, die Tiere und das liebe Geld

Es gackert und grunzt unter dem Berliner Funkturm und das heißt, es ist Grüne Woche. Auf der Agrar-Messe wird in diesem Jahr viel über Tierwohl diskutiert und die Frage, wie teuer billiges Fleisch werden muss.

Christian Schmidt ist in seinem Element. "Für die nächsten zehn Tage habe ich hier mein Domizil aufgeschlagen", sagt der Bundeslandwirtschaftsminister und lässt den Blick durch die Halle 23a der Internationalen Grünen Woche schweifen. Schmidts Ministerium ist auf der Agrarmesse mit einer Sonderschau präsent, die sich aktuellen agrarpolitischen Fragen widmet. Wer die einzelnen Stationen durchgeht, der stellt schnell fest, dass ein Thema besonders präsent ist: das Wohlergehen von Nutztieren.

Gezeigt wird beispielsweise der Prototyp einer Maschine, mit der in Hühnereiern, die drei Tage bebrütet wurden, das Geschlecht der späteren Küken bestimmt werden kann. Eier, aus denen männliche Küken schlüpfen würden, könnten so frühzeitig aussortiert werden. Da sie weder Eier legen können noch als Masttiere nutzbar sind, werden derzeit noch rund 50 Millionen männliche Küken pro Jahr unmittelbar nach dem Schlüpfen vergast oder geschreddert.

Tierschutz soll aus der Nische kommen

Seit fast drei Jahren arbeiten Wissenschaftler der Universitäten Leipzig und Dresden an der Maschine. "Ich wünsche, dass die, die dieses Gerät entwickelt haben, es jetzt bald gut vermarkten können", sagt der Landwirtschaftsminister auf der Grünen Woche. Eigentlich sollte längst bekannt sein, ab wann die Maschinen flächendeckend eingesetzt werden können. Doch Schmidt muss passen, angeblich gibt es Streit um das Urheberrecht.

Grüne Woche Berlin - Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt zeigt Gerät zur Geschlechtsbestimmung von Embryos im Hühnerei (picture-alliance/dpa/R. Hirschberger)

Schmidt und die Maschine, die das Töten der Küken stoppen soll

Ein Stück weiter ist das staatliche Tierwohl-Label gediehen, mit dem in Zukunft Fleisch von Tieren gekennzeichnet werden soll, deren Haltungsbedingungen über den gesetzlichen Standards liegen. Etwa bei der Größe und Ausstattung der Ställe, bei der Dauer der Mast und beim Transport der Tiere. 70 Millionen Euro stellt das Landwirtschaftsministerium für Bauern bereit, die den höheren Aufwand in der Tierhaltung betreiben. Im "nächsten, übernächsten Jahr" solle die Kennzeichnung in die Ladentheken kommen, verspricht Schmidt, der ausdrücklich betont, dass es sich nicht um "Nischen-Luxus-Label" handle.

Jede Menge Label im Umlauf

Genau das werfen ihm Tierschützer allerdings vor, weil absehbar nur jedes fünfte Tier in den Genuss des staatlichen Tierwohllabels kommen wird. Für 80 Prozent der Tiere werde die Massentierhaltung an der Tagesordnung bleiben. Beim Bauernverband sieht man das weniger kritisch. "Die Bereitschaft, Haltungs- und Produktionsbedingungen zu verbessern, ist in der Landwirtschaft da", sagt Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied.

Deutschland Grüne Woche Berlin - Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt zeigt Label Tierwohl (picture-alliance/dpa/R. Hirschberger)

So sieht es aus, das staatliche Tierwohllabel

Die Landwirte arbeiten bereits seit einiger Zeit mit einem eigenen Tierwohllabel, das von Fleischindustrie, großen Einzelhändlern und dem Bauernverband getragen wird. Die Händler zahlen für jedes verkaufte Kilo Fleisch vier Cent in einen Fonds ein, ab 2018 sollen es 6,25 Cent sein. Mit den insgesamt dann 130 Millionen Euro werden wie beim staatlichen Tierwohllabel Landwirte gefördert, die ihre Ställe umwelt- und tierfreundlicher ausbauen als gesetzlich vorgeschrieben.

Bauern fordern höhere Preise

Bauernpräsident Rukwied reicht das allerdings nicht aus. Höhere Standards könnten auf Dauer nur eingehalten werden, wenn sich auch die Preise für Lebensmittel erhöhen würden. Schließlich werde die Landwirtschaft nach wie vor marktorientiert wirtschaften müssen. "Wir erwarten von den Politikern und den Verbrauchern ein klares Bekenntnis und zwar nicht nur in der Form, dass man das sagt, sondern dass man dann auch Produkte, die unter höheren Standards produziert wurden, was höhere Kosten bedeutet, dass man die einkauft und damit honoriert."

Deutschland Grüne Woche Berlin - Joachim Rukwied (picture-alliance/dpa/J. Carstensen)

Bauernverbandspräsident Rukwied

Eine Entwicklung, die von der Ernährungsindustrie so schnell nicht erwartet wird. "Die Verbraucher erwarten von Lebensmitteln mehr Qualität und zunehmend mehr Nachhaltigkeit, aber zum gleichen Preis und das ist die Herausforderung", fasst Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, seine Erfahrungen zusammen. Der Wettbewerb in der Branche sei hart, die Gewinnmarge liege bei Lebensmitteln nach wie vor bei einem bis zwei Prozent. Die Produzenten könnten Kostensteigerungen daher nur zu einem ganz geringen Teil an den Handel weitergeben.

Agrarminister treffen sich am Wochenende

Trotz aller Probleme blicken Land- und Ernährungswirtschaft verhalten optimistisch ins neue Jahr. Nach zwei Krisenjahren mit geschrumpften Gewinnen verbreiten die Bauern auf der Grünen Woche wieder mehr Zuversicht. Positiv wirke, dass der Milchpreis gestiegen sei und auch die Schweinepreise trotz starker Schwankungen nicht mehr auf dem Tiefstand verharrten, so Bauernpräsident Rukwied. "Der Markt hat sich ein Stück weit erholt, weil insbesondere der Export nach China sehr stark angestiegen ist, bei Schweinefleisch um 80 Prozent."

Bis zum 29. Januar hat die Grüne Woche ihre Pforten geöffnet. Die 26 Messehallen sind komplett ausgebucht, 1.650 Aussteller aus 66 Ländern sind vor Ort. Das Konzept - reichlich Essen und viel Show - soll auch in diesem Jahr wieder rund 400.000 Besucher anlocken. Parallel zum bunten Schaufenster des Agrar-Business findet am Wochenende das weltweit größte internationale Gipfeltreffen der Landwirtschaftsminister statt. 80 Minister aus aller Welt werden über Landwirtschaft und Ernährung sprechen. Schwerpunktthema in diesem Jahr ist Wasser.

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