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Deutschland

Die Bürger und ihre lieben Parteien

Ost- und Westdeutschland sind 20 Jahre wiedervereint. Das Verhalten der Wähler ist in beiden Teilen jedoch noch immer anders. Das zeigt sich auch in der Frage der Treue zu einer Partei, erklärt Politologe Thorsten Faas.

Thorsten Faas (Grafik: DW)

Thorsten Faas

Um das Image von Parteien und Politikern ist es derzeit in Deutschland zweifelsohne nicht zum Besten bestellt. Über sie zu schimpfen und zu klagen, ist ein weit verbreitetes Phänomen. Doch ohne sie geht es nicht. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Elmer Eric Schattschneider hat schon 1942 festgestellt: Moderne Demokratien sind kaum vorstellbar ohne Parteien - sie bündeln einzelne Sachfragen zu einem politischen Angebot, rekrutieren politisches Personal und stellen schließlich Inhalte wie Personal zur Wahl. So bieten sie dem Bürger in einer komplexen politischen Umwelt Orientierung und verschaffen dadurch dem politischen System Kontinuität und Stabilität.

Tatsächlich fühlen sich viele Bürger in modernen Demokratien eng mit bestimmten Parteien verbunden. Im Fußball mögen sie Fans von Dortmund oder Schalke sein, in der Politik sind sie Fans von CDU oder SPD. In der Politikwissenschaft heißt das Partei-Identifikation. Um diese zu erfassen, wird in Umfragen meist folgende Frage gestellt: "In Deutschland neigen viele Leute längere Zeit einer bestimmten politischen Partei zu, obwohl sie auch ab und zu eine andere Partei wählen. Wie ist das bei Ihnen: Neigen Sie - ganz allgemein gesprochen - einer bestimmten Partei zu?". Sofern Befragte diese Frage mit "Ja" beantworten, folgen Fragen nach der Richtung und Stärke dieser Identifikation.

20 Jahre danach

Langjährige Forschungen haben gezeigt, dass die Entwicklung solcher emotionalen Bindungen an Parteien Zeit braucht. Und dass sie - Stichwort Parteienverdrossenheit - mitunter auch erschüttert werden können. 20 Jahre nach der Deutschen Wiedervereinigung stellt sich daher die Frage: Wie ist es in Zeiten, in denen politisch vermeintlich alles fließt, um das Verhältnis der Bürger zu ihren lieben Parteien bestellt? In welchem Maße fühlen sie sich noch mit ihren Parteien emotional verbunden? Gibt es Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland?

Infografik Parteibindungen in Ost und West (Grafik: DW)

Wie ein Blick auf die Abbildung zeigt, ist zunächst festzuhalten: Allen Unkenrufen zum Trotz gibt es sie noch, die Bindungen von Bürgern an ihre Parteien. Wie eine Umfrage im Nachgang zur Bundestagswahl 2009 zeigt, identifiziert sich nahezu die Hälfte der Westdeutschen in starkem Maße mit einer bestimmten Partei. Für ein weiteres Viertel trifft dies zumindest in Ansätzen zu, auch wenn die Identifikation schwach bleibt. Ein weiteres Viertel der Westdeutschen schließlich verneint die obige Frage nach einer vorhandenen Partei-Identifikation: Sie sind parteipolitisch unabhängig.

Umgekehrt stellt sich die Situation in Ostdeutschland dar: Dort ist es nahezu die Hälfte der Befragten, die sich mit keiner Partei identifiziert, während sich jeweils rund ein Viertel der Ostdeutschen in stärkerem beziehungsweise schwächerem Maße mit einer Partei verbunden fühlt. Die Entwicklung von Parteibindungen braucht Zeit - und 20 Jahre waren offenkundig noch nicht genug, um diese Unterschiede auszugleichen. Westdeutsche fühlen sich ihren Parteien weiterhin näher als ostdeutsche Mitbürger.

Der Wechselwähler

Dass solche Parteibindungen nach wie vor Folgen für das Wahlverhalten der Menschen und damit das politische System haben, belegt die nächste Abbildung: Mit der Stärke der Parteibindung nimmt die Stabilität des Wahlverhaltens zu. Ein sich von Wahl zu Wahl unterscheidendes Stimmverhalten wird zunehmend unwahrscheinlicher. Im Vergleich der Bundestagswahlen 2005 und 2009 hat sich nur jeder fünfte Bürger anders entschieden, wenn er sich in starkem Maße mit einer bestimmten Partei identifiziert. Dagegen war es in der Gruppe der Unabhängigen, die sich mit keiner Partei verbunden fühlen, fast jeder Zweite.

Infografik Parteibindungen und Wechselwahl (Grafik: DW)

Was bedeutet das für Parteien? Auf ihre treuen Anhänger können sie sich im Großen und Ganzen weiterhin verlassen, um die parteipolitisch Unabhängigen dagegen lohnt es sich zu wahlzukämpfen. Dort können Stimmen gewonnen, aber ebenso von Wahl zu Wahl verloren werden. Wegen der deutlich schwächeren Parteibindungen in Ostdeutschland und der damit einhergehenden größeren Wechselbereitschaft dort wird auch auf absehbare Zeit gelten: Wahlen werden in Ostdeutschland gewonnen - oder verloren.

Autor: Thorsten Faas
Redaktion: Kay-Alexander Scholz

Thorsten Faas (Foto: privat)

Thorsten Faas, geboren 1975, ist Juniorprofessor für Politikwissenschaft an der Universität Mannheim und forscht insbesondere zum Wählerverhalten. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören außerdem die Themen Wahlkämpfe und politische Folgen von Arbeitslosigkeit.

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