1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

"Die Bürger sind viel weiter als die Politiker"

Der polnische Publizist Adam Krzeminski wird für seine Verdienste um die deutsch-polnische Verständigung mit dem Viadrina-Preis geehrt. Im Interview erklärt er, welche Probleme er im Verhältnis der Länder sieht.

Adam Krzeminski

Adam Krzeminski gilt als einer der führenden polnischen Publizisten

DW-WORLD: Die deutsch-polnischen Beziehungen sind derzeit sehr angespannt. Das wird in Deutschland gerne den Kaczynski-Zwillingen angelastet, also dem Präsidenten und dem Premierminister Polens. Ist es tatsächlich so einfach?

Staatspräsident Lech und Premierminister Jaroslaw Kaczynski (v.l.)

Staatspräsident Lech und Premierminister Jaroslaw Kaczynski (v.l.)

Adam Krzeminski: Der Tonfall der Brüder Kaczynski und der Rückgriff auf historische Traumata, den man bei ihrer Partei Recht und Gerechtigkeit erlebt, tragen dazu bei. Aber davon abgesehen gibt es substanzielle Themen, die die deutsch-polnische Interessengemeinschaft der 1990er-Jahre überschatten: Die Ostsee-Pipeline und der Streit um das Zentrum gegen Vertreibungen. Trotzdem darf man dies nicht überbewerten - denn wir haben institutionell so viele Verbindungen geschaffen, dass die faktische Interessengemeinschaft nach wie vor funktioniert. Der beste Beweis dafür sind die Meinungsumfragen in Polen: Die sind sehr positiv für Deutschland und die Deutschen.

Sie hatten die 1990er-Jahre erwähnt, in denen sich Deutschland für eine EU-Mitgliedschaft Polens eingesetzt hat. Nun weckt das deutsche Vorgehen mit der Ostsee-Pipeline wieder Ängste in Polen. Ist die polnische Wahrnehmung auf das Negative fixiert?

Die polnische Wahrnehmung mag selektiv sein, aber das gilt auch für die deutsche Wahrnehmung der europäischen Politik und der eigenen wirtschaftlichen Interessen. Bei der Pipeline gibt es zum einen die wirtschaftliche Ebene: Die Leitung liefert Polen einer möglichen russischen Erpressung aus, denn durch sie könnte Deutschland auch dann mit Gas beliefert werden, wenn Polen der Hahn zugedreht würde. Die andere Ebene ist die politische: Man könnte sich auch eine Pipeline vorstellen, die in eine europäische Energiepolitik eingebunden ist und die die EU nicht abhängig von russischen Energiequellen - und damit erpressbar - macht. Darüber ist jedoch nicht diskutiert worden. Das beginnt vielleicht jetzt - und möglicherweise ist das auch die Lösung des Streits.

Der ehemalige polnische Präsident Alexander Kwasniewski erklärte kürzlich, Deutschland nehme die Polen "nicht für voll".

Ich glaube, er hat nicht nur die Pipeline gemeint. Wir haben ein Sympathiegefälle: Die Polen lösen sich allmählich von ihrer alten Abneigung gegenüber ihrem westlichen Nachbarn, während dieser Prozess in Deutschland langsamer verläuft, wie Umfragen zeigen. In Deutschland kann man sich traditionell ein Europa vorstellen, in dem nur die großen Länder zählen, während sich die kleineren fügen müssen - das war die Konstellation des 19. und des 20. Jahrhunderts. Aber das ist eine Perspektive, die durch die Vereinigung Europas mit der Zeit außer Kraft gesetzt werden müsste. Aus polnischer Sicht schreitet dieser Prozess der Akzeptanz des östlichen Nachbarn langsamer voran, als man sich das wünschte.

Ist der deutsche Blick auf Polen dünkelhaft?

Es gibt traditionell auf jeden Fall eine Geringschätzung. Ich erinnere nur an die im 18. und 19. Jahrhundert einflussreiche Ideologie Friedrichs des Großen, der in den Polen die "Irokesen Europas" sah. Wir kennen auch die Sprüche über die polnische Wirtschaft, die polnische Regierung und die angebliche polnische Unfähigkeit, einen aufgeklärten Staat aufzubauen. All das waren nachgeschobene Argumente, um die Teilungen Polens zu begründen. Natürlich gibt es davon noch einiges im Hinterkopf vieler Deutscher. Die Polenwitze sind ein Teil davon, also die Vorstellung, die Polen seien Diebe, die den Deutschen erst Schlesien, dann die Autos und jetzt auch noch die Jobs gestohlen hätten.

Es gab den so genannten Witzkrieg, bei dem sich deutsche und polnische Zeitungen - mehr oder weniger platt - über die Bürger des anderen Landes lustig machen. Deutet das auf ein entspannteres Verhältnis hin?

Ich glaube nicht, dass man gegen Klischees mit Gegenklischees antreten kann. Ein Witzkrieg ist natürlich besser als ein Kartoffelkrieg wie im vergangenen Sommer,…

…als Präsident Kaczynski wegen einer Satire der "Tageszeitung" ein Treffen mit Bundeskanzlerin Merkel absagte...

...aber ich wünschte mir eine Situation, in der wir übereinander Witze reißen, aber zugleich auch grundsätzliche Debatten führen, die von einer aufklärerischen Arbeit flankiert sind, damit die Menschen ihre neuen, alten Nachbarn besser kennen lernen.

Im deutsch-polnischen Verhältnis spielen, in unterschiedlicher Form, die Vertreibungen stets eine Rolle. Kann es eine gemeinsame Erinnerung geben?

Jaroslaw Kaczynski mit Angela Merkel Ende Oktober in Berlin

Jaroslaw Kaczynski mit Angela Merkel Ende Oktober in Berlin

Die gibt es schon. In vielen lokalen Heimatmuseen in den früheren deutschen Gebieten sind die Vertreibungen Thema. An der Bonner Ausstellung "Flucht, Vertreibung, Integration" haben polnische Historiker mitgewirkt. Dagegen geht es bei der Debatte um das Zentrum gegen Vertreibungen des Bundes der Vertriebenen um die grundsätzliche Frage: Lassen sich die verschiedenen Vertreibungen, Deportationen und Fluchtbewegungen des 20. Jahrhunderts in einem einzigen Museum darstellen, ohne die Grenze zwischen Tätern und Opfern eines Aggressionskrieges zu verwischen? Die zweite Ebene des Streits betrifft den Bund der Vertriebenen selbst mit seiner unbewältigten Vergangenheit. Wenn wir die Streitebenen entkoppeln, ist eine gemeinsame Erinnerung möglich.

Droht die gegenwärtige Abkühlung im deutsch-polnischen Verhältnis dauerhaft zu werden?

Wir haben in den vergangenen Jahren fast ein Wunder der guten Nachbarschaft erlebt. Trotz der Kälte, die in den deutsch-polnischen Beziehungen auf der politischen Ebene herrscht, entwickeln sich die normalen Kontakte weiter. Entlang der Grenze gibt es zig Gemeinden, die gute Beziehungen miteinander pflegen. Erinnern wir uns an die Aufhebung der Visumspflicht 1991, als die ersten polnischen Touristen an der Grenze mit Knüppeln empfangen wurden oder den Brötchenkrieg Mitte der 90er, als deutsche Gewerkschafter gegen die polnische Konkurrenz demonstrierten. Heute ist von dieser negativen Stimmung in der Grenzregion kaum noch etwas zu spüren. Wir sind wirklich viel weiter als die Politiker.

Adam Krzeminski, geboren 1945 im heutigen Ostpolen, gilt als einer der führenden Publizisten Polens. Er ist seit 1973 Redakteur der Zeitschrift "Polityka". Für seine Verdienste um die deutsch-polnische Verständigung war er bereits 1993 mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet worden. Am Donnerstag (16.11.2006) erhält er den Viadrina-Preis der Europa-Universität in Frankfurt an der Oder.

Die Redaktion empfiehlt

  • Datum 16.11.2006
  • Autorin/Autor Das Gespräch führte Dennis Stute
  • Drucken Seite drucken
  • Permalink http://p.dw.com/p/9OVp
  • Datum 16.11.2006
  • Autorin/Autor Das Gespräch führte Dennis Stute
  • Drucken Seite drucken
  • Permalink http://p.dw.com/p/9OVp