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Wirtschaft

Die Bäckerei als Wechselstube

Wie sich der Einzelhandel auf den Euro vorbereitet

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Vor allem über Supermärkte, Kaufhäuser und Fachgeschäfte sollen die Euro-Scheine in den Umlauf kommen.

Auch der Gemüsehändler nebenan, der Schlosser eine Straße weiter, der Weinhändler und der Kioskbesitzer, sie alle sehen dem Euro ziemlich gelassen entgegen. Zu großen Vorbereitungen gebe es noch keinen Anlass: "Wir haben nur ´nen Taschenrechner, so ´nen Euro-Umrechner, das war´s dann. Ich denke, das kommt von alleine."

Dabei sind auch die kleinen Einzelhändler ab dem 1. Januar 2002 gesetzlich verpflichtet, das Wechselgeld in Euro herauszugeben. In den Zeitplan der Euro-Einführung hat man sie fest eingebunden, schon ab September sollen sie in der sogenannten Frontloading-Phase mit Euros versorgt werden. Schließlich sollen sie dazu beitragen, 2,5 Milliarden Euro-Banknoten und 15,5 Milliarden Euro-Münzen in den Umlauf zu bringen. Die Einzelhändler sollen dabei bis Ende Februar 2002 freiwillig neben Euro auch noch D-Mark annehmen, aber stets das Wechselgeld in Euro herausgeben und somit ihren Teil zum Bargeld-Umtausch beitragen.

Der Bargeld-Umtausch ist eine gewaltige Aufgabe, denn schließlich müssen 2,7 Milliarden D-Mark-Scheine und 49 Milliarden D-Mark-Münzen, die noch in Portemonnaies, Hosentaschen und Sparstrümpfen schlummern, eingezogen werden. Da rechnet auch Andreas Goralczyk vom Bundesverband deutscher Banken stark mit der Kooperation des Einzelhandels: "Wichtig ist erst einmal, dass der Bedarf genau ermittelt wird. Das heißt, welche Bargeldmengen brauchen wir jetzt in der sogenannten Frontloading-Phase vom 1. September bis zum 31. Dezember in den Kreditinstituten. Welche Mengen Bargeld braucht der Geschäftskunde, das heißt, die Einzelhandelsgeschäfte wie die Bäcker, Metzger, Wirte, die Gaststätten, die Taxiunternehmen und so weiter."

Der Bedarf an Euro-Bargeld ist riesig: Mit Banknoten im Wert von rund 86 Milliarden Euro und Münzen im Wert von 4,4 Milliarden Euro statten die Landeszentralbanken die Kreditinstitute und den Handel im Rahmen des Frontloading aus. Andreas Goralczyk: "Das muss jetzt ermittelt werden, das muss genau recherchiert werden, das muss jetzt bestellt werden, die ganzen Prozesse laufen zur Zeit. Wenn diese Mengen feststehen, wenn man also genau weiß, wie viel Bargeld benötigt wird, dann muss die Logistik geplant werden. Da sind wir momentan dabei."

Mit dieser frühen Planung will man den Ansturm auf die Banken in den ersten Januarwochen 2002 mildern.

Auf den Einzelhandel kommen in den nächsten Monaten wichtige Aufgaben zu: Geld für die Frontloading-Phase bestellen, das Personal auf den Umgang mit zwei Währungen vorbereiten, neue Kassen kaufen, die Kapazitäten der Wechselgeldbehältnisse überprüfen, die Wechselgeldversorgung mit der Bank abstimmen, sicherstellen, dass die Gewichtswaagen eurofähig sind, und nachfragen, ob der Versicherungsschutz für die größere Menge Bargeld ausreicht.

Die großen Einzelhandels-Ketten haben daher spezielle Euro-Teams gebildet, die die Vorbereitungen organisieren. Da geht es auch um technische Fragen, wie zum Beispiel, ob die Fußböden die größeren Bargeldmengen und Tresore tragen können, und nicht etwa unter der Last von neuen Cents und alten Pfennigen zusammenbrechen.

Die Industrie- und Handelskammern IHK versuchen, den Geschäftsleuten in Lehrgängen zu vermitteln, worauf es beim Umstieg auf den Euro ankommt. Doch nur wenige der kleinen Einzelhändler sind so gut ausgerüstet wie diese Inhaberin einer Modeboutique: "Drei Seminare von der IHK besucht, 'ne neue Kasse bestellt, und auch schon Geld bestellt fürs Frontloading."

Bei so gründlicher Vorbereitung dürfte eigentlich nichts schief gehen. Was passiert aber, wenn Ende Dezember und Anfang Januar eben doch der Massenansturm auf die Banken kommt? Denn viele teilen die Einstellung dieses Schlossers, der sich auf Maßnahmen in letzter Minute verlässt: "Ich denke mal, wird schon laufen, nach 'nem Monat oder so - muss ja! Wat soll man machen? Wir sind jaa flexibel."

Katy Degelow von der Deutschen Bank in Köln gibt dem Schlosser in gewissem Umfang recht: Kleine Betriebe seien tatsächlich viel flexibler als die großen Handelsketten, und müssten sich daher auch nicht ganz so intensiv mit logistischen und organisatorischen Fragen beschäftigen. Wenn die Blumenhändlerin in ihrer Euro-Schublade kramt, der Kioskbesitzer mühsam mit dem Taschenrechner Beträge umrechnet, oder dem Schlosser schon wieder das Wechselgeld ausgeht, wird der Kunde eher Nachsicht walten lassen, weiß er doch selbst, wie ungewohnt das neue Geld ist.

Und für den Fall, dass der Großteil der kleinen Einzelhändler tatsächlich die Frontloading-Phase verschläft und sich in den ersten Januarwochen die Massen vor den Bankschaltern drängeln, gibt es laut Katy Degelow noch einen Notfallplan für Öffnungszeiten und Geldabgabe. Genügend Euro gebe es ja. Doch sei es wahrscheinlicher, dass sich die Betriebe in der nächsten Zeit ohnehin mehr auf den Euro einstellen würden: Die Banken und Versicherungen träten ja auch von sich aus an die Geschäftskunden heran, um auf wichtige Punkte bei der Eurovorbereitung hinzuweisen.

Auch wenn sich also derzeit in den kleinen Betrieben noch nicht viel im Hinblick auf den Euro bewegt, so wird sich das vielleicht ändern, um so näher die Bargeldeinführung rückt. Und wenn nicht, dann ersetzt vielleicht eine Zeitlang der gute alte Rechenblock die Ladenkasse.

Man darf also gespannt sein auf die ersten Januarwochen, auch wenn die Besorgnis dieses Glasverkäufers wohl doch eher unbegründet ist: "Das ist ein völliges Rätsel, wie das über die Bühne laufen soll, aber irgendwie wird es sein. Aber es wird Tumulte geben."

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