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Politik

Die Asphaltwüste lebt

Lokalstolz tritt gelegentlich in seltsamen Formen zutage. Und wenn man darauf stolz ist, in einem der schlimmsten Verkehrsstaus des Landes zu sitzen. DW-TV-Korrespondent Konstantin Klein berichtet von der Straße.

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Im Grunde ist Washington für die USA nichts anderes, als Bonn für die Bundesrepublik vor dem Regierungsumzug war: eine vergleichsweise kleine Stadt mit einer Überversorgung an Politikern, Funktionären, Bürokraten, Lobbyisten, Journalisten etc. Natürlich hatte der Washingtonian, ob eingeboren oder zugereist, auch Dinge, auf die er stolz sein konnte: die Konzentration purer, ungefilterter politischer (und militärischer) Macht auf wenigen Quadratmeilen, die Anhäufung hässlicher Protzbauten, für eine Zeitlang auch die höchste Mordrate und der kokainsüchtigste Bürgermeister der USA …

… ja, und natürlich der Verkehrsstau morgens und abends, schlimmer als in New York, fast so schlimm wie in Los Angeles, wie die Einheimischen dem Fremden stolz erzählten, zeigte es doch, wie hart das Leben zwischen dem geräumigen Eigenheim im Grünen und dem dito Schreibtisch im Marmorbau sein konnte.

Städteplaner und private Panzerwagen

Washington ist nun mal nicht leicht zugänglich. Nahezu die Hälfte aller Pendler quält sich jeden Morgen über eine von gerade mal sieben Brücken über den Potomac, nur um sich dann mit ihren Spritschluckern in den kleinen Straßen wiederzufinden, die der französische Städteplaner Pierre l’Enfant vor mehr als 200 Jahren ohne Rücksicht auf die Vorliebe der Amerikaner für private Panzerwagen entwarf.

Umso härter traf es den Lokalpatrioten, als er kürzlich erfuhr, daß Washington im Jahr 2003 auf der Liste der Städte mit den schlimmsten Straßenverhältnissen nur Platz zehn einnahm.

Platz zehn. Das ist fast so schlimm wie "zero points" aus Österreich für den deutschen Beitrag zum Grand Prix d’Eurovision. Da tröstet es nur wenig, daß der Stau in Washington ausgestochen wird von so illustren Konkurrenten wie dem in Los Angeles, San Francisco, Chicago oder – versteht sich, irgendwie – Detroit.

Umzug nach Corpus Christi kommt nicht in Frage

Und so sitzt der typische Washingtonian eben jeden Morgen kaffeeschlürfend in seinem Stehzeug (denn von Fahrzeug ist eher selten die Rede), hört sich mit leichter Melancholie die Verkehrshinweise im Radio an, telefoniert wichtig mit weiß der Geier wem, liest vielleicht sogar Zeitung am Steuer, kommt trotzdem heil an, wenn auch gelegentlich 90 Minuten später als geplant – und käme im Leben nicht auf die Idee, ausgerechnet nach Corpus Christi, Texas zu ziehen, nur weil dort die Fahrt zur Arbeit, statistisch gesehen, die angenehmste in den ganzen USA ist.

Denn schließlich leidet man ja ganz gerne, wenn man dafür nahe an der Macht sein darf.