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Europa aktuell

Die Aschenputtel der Moderne

Es ist der Traum junger Frauen. Ein paar Monate lang als Au-pair zu arbeiten und ganz nebenbei Deutschland zu entdecken. Doch in letzter Zeit fühlen sich immer mehr Au-pairs von ihren Gastfamilien ausgebeutet.

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Sie war das Aschenputtel ihrer deutschen Gastfamilie - die Tunesierin Somaya Hamdi. Das Au-Pair-Mädchen aus Nordafrika musste von sieben Uhr morgens bis in die Nacht hinein arbeiten; eine freie Minute hatte sie nur, wenn die Kinder einmal schliefen. Taschengeld gab es für Somaya Hamdi ebenso wenig wie ein eigenes Zimmer; nicht einmal einen Sprachkurs durfte die junge Frau besuchen. Statt dessen wurde sie als billige Arbeitskraft ausgebeutet.

So wie Somaya Hamdi ist es Au-Pair-Mädchen immer wieder mal ergangen. Doch in den letzten Monaten häufen sich die Klagen, denn immer öfter tummeln sich schwarze Schafe auf dem Vermittlungsmarkt. Schuld ist eine Gesetzesänderung: Seit der Liberalisierung der privaten Arbeitsvermittlung im März 2002 kann jedermann in Deutschland seine eigene Au-Pair-Agentur gründen. Einzige Voraussetzung: Ein Gewerbeschein. Und der kostet höchstens 30 Euro.

Seither überschwemmen dubiose Geschäftemacher den Markt; die Zahl der Anbieter hat sich verfünffacht. Ein paar Mausklicks im Internet genügen, schon stoßen die Interessenten auf Fotogalerien, aus denen sie ihr Wunsch-Au Pair aus Osteuropa oder Nordafrika auswählen können. "Diese Bilder machen den Eindruck wie ein Versandkatalog", kritisiert Ilona Schlegel, Bundesgeschäftsführer des evangelischen Vereins für Internationale Jugendarbeit. "Als wäre Au-Pair eine Ware, die man bequem online bestellen - und wenn sie einem nicht gefällt, auch umtauschen kann."

Viele unseriöse Vermittlungsagenturen lockten die jungen Frauen mit Lügen aus ihren Herkunftsländern nach Deutschland, klagt Ilona Schlegel. "Sie versprechen ihnen einen paradiesischen Aufenthalt mit enormen Verdienstmöglichkeiten, erzählen ihnen, sie müssten keine Deutschkenntnisse haben und fälschen notfalls sogar die Sprachzeugnisse." Auch das Einreisevisum haben die Vermittler schnell besorgt. Einzige Bedingung hierfür ist, dass die Gastfamilie den Behörden zusichert, das Au-Pair-Mädchen werde ein eigenes Zimmer und mindestens 205 Euro Taschengeld bekommen.

Kontrolliert wird dies so gut wie nie: Einmal in Deutschland angekommen, sind die jungen Frauen ihren Arbeitgebern oft schutzlos ausgeliefert. Denn nur die seriösen Agenturen betreiben nach erfolgreicher Vermittlung eine Nachbetreuung. Immer öfter kämen verzweifelte Au-Pair-Mädchen auf der Suche nach einem Ansprechpartner zu ihr, berichtet Martina Johann von der katholischen Vermittlungsorganisation IN VIA. "Viele bekommen kein Taschengeld, keinen Urlaub, müssen viel zu viel arbeiten und sind nicht einmal krankenversichert."

Als sich in Bayern ein junge Rumänin erhängte, das zuvor von seiner Gastfamilie schwer misshandelt worden war, wurde auch die Politik auf das Problem aufmerksam. Anfang Juli stellte der Deutsche Bundestag einen fraktionsübergreifenden Antrag zur Einführung eines gemeinsamen Gütesiegels für Au-Pair-Vermittler. Zudem sollen zukünftig die Au-Pairs umfassend über ihre Rechte aufgeklärt werden. Doch bis all dies die Mühlen der Bürokratie durchlaufen hat, werden noch Monate vergehen.

Somaya Hamdi hatte noch einmal Glück: Eine Nachbarin schritt ein, wandte sich an einen seriösen Au-Pair-Verband und bezahlte der Tunesierin sogar das Bahnticket zu ihrer neuen Gastfamilie in Schleswig-Holstein. Dort fühlt sich Somaya pudelwohl. Denn nun wird sie wie ein Mensch behandelt.

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  • Autorin/Autor Claus Hecking
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