1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Amerika

Die Armut sinkt, die Ungleichheit steigt

Chiles scheidende Präsidentin Michelle Bachelet kann handfeste Erfolge bei der Armutsbekämpfung vorweisen. Doch die sozialen Unterschiede im Andenstaat bleiben riesig. Ein Beispiel ist das ungerechte Bildungssystem.

(Foto: DPA)

Chiles Gesellschaft: geschichtet wie die Luft über Santiago

La Pintana ist einer der ärmsten Stadtteile von Santiago de Chile. Auf dem Schulhof des städtischen "Liceo Victor-Jara" toben sich Mädchen und Jungen in gelb-grauen Uniformen aus. Etwa ein Fünftel der gut 1000 Schüler ist heute nicht zum Unterricht erschienen. Alltag für Schulleiterin Marlene Dumont. Sie habe immer noch kein Telefon, um die Eltern der fehlenden Kinder anzurufen, erzählt sie in ihrem Büro. Bis vor kurzem fehlte es in der Schule auch an anderen notwendigen Dingen. Inzwischen wurden immerhin ein Kopierer und ein Drucker angeschafft und eine Reihe von Computerarbeitsplätzen eingerichtet. Der Staat hat spürbar in die städtischen Schulen investiert, wir verfügen heute über mehr Geld als früher, berichtet Direktorin Dumont.

Erfolge in der Armutsbekämpfung unter der Concertación

(Foto: Victoria Eglau/DW)

Das Liceum Victor Jara im Viertel La Pintana

Seit dem vergangenen Jahr erhalten Chiles ärmste Schulen staatliche Extra-Zuwendungen, rund 400.000 sozial benachteiligte Kinder profitieren davon. Die Subventionen sind Teil des sozialpolitischen Programms, das Präsidentin Michelle Bachelet in ihren vier Regierungsjahren umgesetzt hat. Zu diesem gehört auch der massive Ausbau der Kleinkinderbetreuung, die Erhöhung der Mindestrente und die Verbesserung des staatlichen Gesundheitssystems. Die Massnahmen hätten dazu beigetragen, dass sich die Armut in Chile weiter verringert habe, sagt Benito Baranda von der katholischen Wohltätigkeitsorganisation Hogar de Cristo – ein Prozess, der dem Sozialexperten zufolge bereits nach dem Ende der Pinochet-Diktatur vor 20 Jahren begann.

"Mitte der 80er-Jahre war mehr als die Hälfte unserer Bevölkerung arm, heute sind es nur noch 13 Prozent. Damit ist die Armutsrate niedriger als in Uruguay und nur halb so hoch wie in Argentinien", so Baranda. "Chile hat sein Wirtschaftswachstum gut genutzt, und viele der sozialpolitischen Programme der letzten zwei Jahrzehnte waren erfolgreich." Nach anderen Berechnungsmethoden liegt die Armutsrate in dem Andenstaat bei rund 20 Prozent. Wie dem auch sei, die Armutsbekämpfung unter den Regierungen der Mitte-Links-Koalition Concertación gilt auch über Chiles Grenzen hinaus als effizient.

Bildungssystem "pervers und antidemokratisch"

(Foto: Victoria Eglau/DW)

Hat inzwischen immerhin einen Drucker: Direktorin Marlene Dumont

Auf der anderen Seite gehört Chile nach wie vor zu den Ländern der Welt, in denen die Kluft zwischen Armen und Reichen am tiefsten ist. Das zeigt sich nicht nur in der extrem ungleichen Einkommensverteilung, sondern etwa auch im ungerechten Bildungssystem. In den zum großen Teil unterfinanzierten städtischen Schulen, wie dem Liceo Victor Jara, konzentrieren sich 70 Prozent der ärmsten Schüler des Landes. Wer er sich irgendwie leisten kann, meldet den Nachwuchs in privaten Bildungseinrichtungen an.

"Familien mit Geld schicken ihre Kinder auf die besseren Privatschulen. Leute wie wir haben keinen Zugang zu guten Schulen", beklagt Joana, eine Marktverkäuferin aus Santiago de Chile. Der renommierte Bildungswissenschaftler Juan Eduardo García Huidobro nennt das chilenische Bildungssystem pervers und antidemokratisch: "Ob ein Kind eine qualitativ gute Ausbildung erhält, hängt davon ab, was sein Vater bezahlen kann. Und nicht davon, dass es ein Bürger dieses Landes ist."

Massive Jugendarbeitslosigkeit

(Foto: NPB)

Das westliche Zentrum von Santiago

Wir sind Schüler, keine Kunden – lautete ein Slogan bei den massiven Jugendprotesten, die vor drei Jahren Chiles Regierung in Bedrängnis brachten. Die Demonstrationen seien vor allem eine Auflehnung gegen ungleiche Bildungschancen gewesen, meint García Huidobro: "Es entlud sich die Enttäuschung der Schüler darüber, keine guten Zukunftsperspektiven zu haben, obwohl sie etwas geschafft haben, was vorherige Generationen nicht erreichten - mehr als 65 Prozent macht heute Abitur." An eine Universität schafften es in Chile vor 20 Jahren nur vier Prozent der Kinder aus armen Familien, heute sind es immerhin fast 18 Prozent.

Doch ein großer Teil bricht das Studium ab. Oft liegt es daran, dass die Kinder zum Familieneinkommen beitragen müssen. 200.000 chilenische Jugendliche haben heute weder Ausbildung noch Arbeit. Yasna, eine Achtklässlerin vom Liceo Victor Jara im Armenviertel La Pintana, will auf jeden Fall Abitur machen und danach eine Gastronomie-Schule besuchen. "Oft denken Leute, dass ich ungebildet bin, weil ich in La Pintana wohne. Aber für mich ist Bildung wichtig."

Autorin: Victoria Eglau

Redaktion: Sven Töniges