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Gesichter Deutschlands

Die Arbeitslose: Ellen Görner

Ellen Görner ist 54 und seit anderthalb Jahren arbeitslos. Sie wohnt mit ihren Kindern in Dresden. Aber sie würde bis ans Ende der Welt reisen, wenn es dort eine Beschäftigung für sie gäbe.

Ellen Görner (Foto: DW)

Ellen Görner

Bloß nicht nachgeben, sich bloß nicht gehen lassen: Das scheint das Lebensmotto von Ellen Görner zu sein. In der kleinen Dreizimmerwohnung im sechsten Stock eines Plattenbaus am Rande Dresdens geht es zwar eng zu, aber keinesfalls drunter und drüber. Zum Frühstück wird ordentlich aufgedeckt, denn das gibt der Patchworkfamilie, wie eine Familie jenseits des klassischen Vater-Mutter-Kind-Schemas neudeutsch heißt, Zusammenhalt.

Von Ellen Görners fünf Kindern leben noch drei im Haushalt der Mutter: Zwei Jungs im Teenager-Alter und die 25-jährige Tochter Ulrike. Die ist selbst schon Mutter. Ihr Sohn Mauro ist 2009 eingeschult worden. Damit leben drei Generationen in der etwa 70 Quadratmeter kleinen Wohnung auf engstem Raum. Die Jungs sind in der Lehre, die Tochter will Krankenschwester werden. Jeder geht seinem Tagesgeschäft nach.

Ellen Görners Hauptfeind ist die Monotonie ihres Lebens: Nichts zu tun ist anstrengend: Staubsaugen, abwaschen, fernsehen, Mails checken. Dabei hat sie im Internet bislang nicht ein vernünftiges Jobangebot gekommen!

Kinder ersetzen nicht die Arbeit

Die Glocke der benachbarten Kirche schlägt 12 Uhr mittags: der Enkelsohn muss abgeholt werden. Schnell noch eine Zigarette, und schon steht Ellen auf dem Schulhof.

Päng! In der großen Pfütze neben ihr landet eine Orange, dann noch eine. Ellen Görners Jacke ist dreckig, aus einem Fenster im zweiten Stockwerk der alten Schule ertönt schadenfreudiges Gelächter. Ellen ist entrüstet: "In unseren Zeiten war so etwas undenkbar!". Aber schon ist Mauro da, er freut sich auf die Oma.

Auch der zweite Enkelsohn, der kleine Linus, ist gerne bei der Omi. Vielleicht sollte die 54-Jährige einen Kindergarten aufmachen? Sie winkt ab: Nach fünf eigenen Kindern hätte sie nicht mehr die Nerven dafür.

DDR - Kuba - Deutschland

Geboren und aufgewachsen ist Ellen Görner in Zwickau in Sachsen, wohin es ihre Eltern nach dem Krieg verschlagen hatte. Sie waren Sudetendeutsche, also Angehörige der deutschen Minderheit in den tschechischen Gebieten vor dem Zweiten Weltkrieg. Nach 1945 wurden die Sudetendeutschen aus ihrer Heimat vertrieben - so kamen die Eltern von Ellen Görner nach Zwickau. In der Schule war sie gut, beim Abschluss sogar die Zweitbeste ihrer Klasse. Eigentlich hätte sie studieren können.

Aber dafür hätte sie aus Zwickau fortgehen müssen und das wollte sie damals nicht. Also arbeitete sie in einer Papierfabrik, dann in einer Großbäckerei. An die Zeiten der DDR denkt sie eigentlich gerne zurück: "Wir hatten alle Arbeit und die Löhne waren gut. Wir hatten nicht jeden Tag Bananen, die Apfelsinen waren aus Kuba. Dort gibt es andere Apfelsinen, von denen man nur den Saft trinkt. Aber uns ging es nicht schlecht."

Ellen Görner mit Sohn Alexander (Foto: DW)

Sohn Alexander ist auf Kuba aufgewachsen und spricht besser Spanisch besser als Deutsch

Apropos Kuba: Von dort kamen eben nicht nur Apfelsinen, sondern auch Gastarbeiter in die DDR. Einen von ihnen lernte Görner kennen und lieben - und ging mit ihm kurz vor dem Mauerfall nach Kuba. Einen echten Kulturschock erlitt Ellen Görner, als sie 1996 von Kuba zurück nach Hause kam: Zwickau, in der DDR noch Industriestadt, lag nun brach. Nichts ging mehr. Alle Betriebe - auch Ellens Großbäckerei - waren geschlossen.

Ellen gab nicht auf: Sie machte eine Umschulung, lernte den Umgang mit dem Computer. Sie arbeitete in unterschiedlichsten Jobs: Erst in einem Heim für Gehörlose, später auf der Kanareninsel Lanzarote. Europa wuchs eben zusammen und sie sprach Spanisch. Das Arbeitsamt spendierte einen Flug zur neuen Arbeitsstelle. Sie arbeitete als Köchin, an der Rezeption eines Luxushotels, bei einer Sicherheitsfirma. Dann kam die Weltwirtschaftskrise und mit ihr die Arbeitslosigkeit. Nun sitzt Ellen Görner an ihrem alten Laptop in Dresden und sucht eine Arbeit.

Die Hoffnung nicht verlieren

Mittagessen: Kartoffelpüree und Fischstäbchen. Der halbe Tag ist also um - Gott sei dank, findet Ellen Görner! Schnell noch der Gang zum Briefkasten … Leider wieder nichts da. Ellen hat sich bei mehreren Vermittlungsbüros gemeldet und auch bei einer Wachdienstfirma vorgesprochen. Es gibt in Dresden so viele Museen. Dort wäre sie gerne Wächterin.

Neulich hat Ellen eine Zeitungsannonce gesehen: Für ein Hotel in Tirol werde eine Rezeptionistin gesucht. Sie hat sich beworben und wurde gleich nach ihrem Alter gefragt. "Na ja, so knackig bin ich nicht mehr, ich bin schon 54", gestand Ellen in ihrem breiten Sächsisch. Man versprach höflich, mit ihr "im Kontakt zu bleiben" … Das ist nun schon eine Weile her.

Schon 54? Vielleicht doch eher: Erst 54! Denn Ellen Görner gibt nicht auf: "Es gibt für mich nichts Erniedrigenderes, als zu sagen: Ich lebe von staatlicher Unterstützung, von 'Hartz 4'. Um da wegzukommen, würde ich alles machen!" Tränen stehen in ihren Augen, wenn sie das sagt.

Autorin: Anastassia Boutsko
Redaktion: Birgit Görtz

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