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Deutschland

Die Anti-Atomkraftbewegung meldet sich zurück

Deutsche Atomkraftgegner haben dieses Mal unerwartet erfolgreich gegen den neuen Atommülltransport nach Gorleben protestiert, anders als in den vergangenen Jahren. Beate Hinrichs sieht ein erstaunliches Comeback:

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Aufhalten konnten sie ihn nicht. Der Transport von deutschem Atommüll aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague kam am Dienstag (11.11.2008) im niedersächsischen Zwischenlager Gorleben an; der radioaktive Abfall wird in dem ehemaligen Salzbergwerk eingelagert. Das konnten die Atomkraftgegner noch nie verhindern.

Aber sie haben am vergangenen Wochenende ein beachtliches Comeback gegeben. 16.000 Menschen haben friedlich und phantasievoll vor dem Atommülllager in Gorleben protestiert. Zum ersten Mal seit langer Zeit war auch wieder politische Prominenz dabei; Vertreter der Grünen, der Sozialdemokraten, der Linkspartei und der Industriegewerkschaft Metall. Mit Sitzblockaden, der Besetzung von Bahngleisen und 40 Traktoren, mit denen Landwirte die Straßen gesperrt hatten, verzögerten die Demonstranten den Transport so weit, dass er 14 Stunden Verspätung hatte, als er im niedersächsischen Dannenberg von der Schiene auf die Straße umgeladen wurde.

Jahre hinter dem Ofenrohr sind vorbei

Jahrelang war es ruhig um die deutsche Anti-Atomkraft-Bewegung; die Protestaktionen lockten nur noch ein paar Nimmermüde hinter dem Ofen hervor. Für alle anderen war das Thema "Atomkraft" abgehakt. Denn eine rot-grüne Bundesregierung fungierte als ökologischer Hoffnungsträger, auch wenn es in ihrer Amtszeit nicht weniger Atommülltransporte gab als vorher. Ihr gelang es im Jahr 2000, im "Atomkonsens" mit den Betreiberkonzernen einen Fahrplan vorzulegen, der den völligen Ausstieg aus der nuklearen Energiegewinnung scheinbar festschrieb. Das hätte dann auch weniger radioaktiven Müll erzeugt.

Jetzt aber sind Atommülllager wieder zum Schreckgespenst geworden und die Anti-Atomkraft-Bewegung erhält neuen Zulauf. Denn zum einen rütteln die Energiekonzerne - und mit ihnen die Christdemokratische Union (CDU) und die Freie Demokratische Partei (FDP) - mächtig an den Ausstiegsplänen. Mit allerlei juristischen Tricks haben die Betreiber bislang durchgesetzt, auch solche Kernkraftwerke am Netz zu halten, die längst abgeschaltet sein müssten. Ganz offen lauern sie auf einen Regierungswechsel in Berlin, um mit einer konservativen Koalition den Ausstieg endgültig zu kippen.

Zum andern hat der Fall "Asse" viele Menschen in Deutschland schockiert. In dem niedersächsischen Salzstock im norddeutschen Asse waren in den siebziger Jahren probeweise radioaktive Abfälle eingelagert worden. 2006 stellte sich heraus, dass Teile der Salzlauge in dem Bergwerk radioaktiv verseucht und die Stollen einsturzgefährdet waren - aber es geschah nichts.

Wo der Atommüll bleiben soll, ist unklar; er gefährdet einstweilen das Grundwasser der Anwohner. Umweltschutzorganisationen kritisieren schon lange, dass auch der Salzstock im benachbarten Gorleben Kontakt zum Grundwasser hat und darum kein Endlager für Atommüll bleiben darf.

Die Schlampigkeit und der Skandal von Asse haben deutlich gezeigt, dass eben nicht verantwortungsbewusst umgegangen wird mit einer Energieform, deren Abfall noch Generationen nach uns gefährdet.

Junge Leute schließen sich Protesten an

Die neue Stärke der Anti-Atomkraftbewegung ist aber nicht nur eine Schreckreaktion und kein schlichtes Revival alter linker Protesttraditionen. Hier gehen nicht nur alte Polit-Recken auf die Straße, die schon früher an legendären Großdemonstrationen gegen die Atomanlagen an anderen Orten teilgenommen haben. Zum jetzigen Widerstand sind auch viele Junge gestoßen, Globalisierungsgegner beispielsweise, die Erfahrungen mit den Protesten gegen die G8-Gipfel gesammelt haben, wie im vergangenen Jahr in Heiligendamm. Verschiedene linke Strömungen befruchten sich gegenseitig.

Der neue Elan der Atomkraftgegner zeigt schließlich auch, dass immer weniger Menschen sich auf die Lösungen verlassen, die die Parteipolitik in Deutschland ihnen anbietet, und dass sie ihre Diskussion wieder jenseits der Parteien in der Zivilgesellschaft führen. Und das befruchtet die politische Landschaft allemal.

Was nicht geklärt ist - und sich auch nicht befriedigend klären lassen wird -, ist die Frage: Wohin mit dem Atommüll? Das ist eine Hypothek, die ältere Politikergenerationen uns eingebrockt haben, und die uns noch mehrere Halbwertzeiten lang beschäftigen wird. Also ein paar Millionen Jahre.