1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik & Gesellschaft

Die anonymen Anführer der Netzrevolutionen

Ob in Ägypten oder Kolumbien - Online-Revolutionen werden von Menschen koordiniert, die vor allem eins wollen: Anonymität. Denn Internet-Aktivisten stellen sich hinter eine Bewegung, nicht aber einen Anführer.

Ein maskierter Mensch vor einem Computer (Foto: Fotolia.com)

Millionen im Netz mobilisieren - und dabei hinter der Sache bleiben

Wie viel sind eine Million Anhänger wert? Eigentlich herzlich wenig, sagt Wael Ghonim. Nicht die Masse macht es, sondern deren Aktivismus. Der Ägypter gründete im Juni vergangenen Jahres die Facebook-Gruppe "We are all Khaled Said", über die Anfang des Jahres Massenproteste in Kairo organisiert wurden. Benannt wurde die Facebook-Seite nach dem ägyptischen Blogger Khaled Said, der von Polizisten zu Tode geprügelt wurde. In den ersten Monaten hat Ghonim oft gedacht, dass nichts passieren werde, doch dann das: Die Proteste weiteten sich immer weiter aus, bis sie schließlich im Februar den ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak stürzten.

Trotzdem, Wael Ghonim glaubt nicht blind an die Masse. "Zahlen allein können täuschen", sagte er während eines Panels zum Thema Soziale Medien beim Jugendkongress One Young World Anfang September in Zürich: Seit der Revolution habe seine Seite an die 1,6 Millionen Anhänger, Tendenz steigend. Wenn er Anhänger sagt, dann meint er die virtuellen Mitglieder seiner Facebook-Seite.

Der Schritt vom Netz auf die Straße

Oscar Morales und Wael Ghonim (Foto: DW)

Oscar Morales und Wael Ghonim

Der Kolumbianer Oscar Morales organisierte 2008 über Facebook Massendemonstrationen gegen die FARC. Etwa zwölf Millionen Menschen demonstrierten weltweit gegen die linke Terrororganisation. "Ich bin gegen 'Clicktivism'", sagte er in Zürich und meint einen Aktivismus, der nur darin besteht, sich einer Online-Gruppe anzuschließen.

Zum Organisieren und Austauschen seien Twitter und Facebook zwar wichtig. Doch virtueller Aktivismus müsse zu konkreten Aktionen in der realen Welt führen, Demonstrationen etwa. Soll heißen: sich einer Facebook-Seite anzuschließen ist schnell getan, auf die Straße zu gehen, erfordert mehr Mut. Ein Mut allerdings, der mit der Masse größer wird: "Viele Menschen, die unserer Seite beigetreten sind, haben von der FARC Droh-Emails erhalten", so Oscar Morales. "Wir haben trotzdem weitergemacht." Gegen die Masse der Menschen hätte die FARC schließlich nichts ausrichten können.

Protest als Protagonist

Ein Handy von einer Hand hochgehalten (Foto: DW)

Clicktivismus: Virtueller Aktivismus

Wael Ghonim und Oscar Morales sind Pioniere der Online-Protestbewegung. Beide haben Massenproteste losgetreten. Die eine führte zur Revolution, die andere setzte ein unübersehbares Zeichen gegen die FARC. Trotzdem, Helden sind sie keine, sagen sie beide. "Ich war nur ein Mittel zum Zweck", die Wut auf die Brutalität der FARC, die Menschen entführen und das Land unsicher machen, sei schon da gewesen, sagt Oscar Morales über seine Arbeit. Er habe sie nur in konkrete Aktionen kanalisiert.

Die Demonstranten sind für Wael Ghonim die Haupt-Protagonisten. "Wenn ich die Leute zu einer Revolution aufgerufen hätte, dann hätten doch alle gesagt: 'Wer ist dieser Typ, der sich so was anmaßt?'" Gefolgt wäre ihm sicherlich keiner. Wael Ghonim und sein Mitbegründer Mohamed Ibrahim haben sich aus diesem Grund sehr lange bedeckt gehalten. Denn sie wollen vor allem eins nicht: dass sie als Anführer gesehen werden. "Der Medienrummel an meiner Person zerstört meine Arbeit in Ägypten", antwortet er auf die Interviewnachfrage. Er versucht sich aus dem Rampenlicht zu schleichen - aus Angst, die Anhänger seiner Seite könnten glauben, er wolle sich zum Anführer küren.

Wael Ghonim und seine Mitbegründer rufen bereits zu den nächsten Demonstrationen auf: Am Freitag (09.09.2011) sollen die Anhänger auf die Straße gehen und für ein konkretes Datum für die Wahlen und Übergabe der Macht an eine Zivilregierung demonstrieren, kündigt Mohamed Ibrahim an. Und es sollen möglichst viele werden. Denn sei eine Operation zu klein, normalisiere sie sich schnell. Das habe er bei Google gelernt, sagt Wael Ghonim: "Das ist, als wirfst du eine kleine Nadel in einen großen Ozean." Womit eine Millionen Anhänger dann doch nicht so ganz "herzlich wenig wert" wären.

Autorin: Naomi Conrad

Redaktion: Michael Borgers/Julia Elvers-Guyot