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Politik & Gesellschaft

Die Angst vor der Braunkohle

Rund um Leipzig lagern immer noch Millionen Tonnen Braunkohle. Das freut die Energieunternehmen, verunsichert aber die Menschen. Sie haben Angst um ihre Dörfer.

Janett Schwarz mit ihrem Sohn im Garten in Kieritzsch (Foto: DW)

Janett Schwarz blickt besorgt in die Zukunft

Janett Schwarz kann über ihren alten Gartenzaun hinter dem Haus direkt in die Zukunft schauen, und was sie da sieht, gefällt ihr nicht. Noch zwei, vielleicht drei Jahre wird es dauern, dann rollen 500 Meter hinter und auch neben ihrem schön sanierten Haus in Kieritzsch, einem kleinen Dorf 25 Kilometer südlich von Leipzig, die Bagger an. "Gleich da drüben werden sie graben, hinter dem kleinen Feld und dem schmalen Schutzstreifen", erklärt die 40-jährige Bankangestellte, die jeden Tag zur Arbeit nach Leipzig pendelt. "Vereinigtes Schleenhain" heißt der Tagebau, der über ein breites Förderband das Kraftwerk Lippendorf in direkter Nachbarschaft versorgt und nun immer näher an Kieritzsch heranrückt.

Eine Region am Abgrund

Deutzen, nur wenige Kilometer entfernt und derzeit direkt am Tagebau gelegen, verschwindet immer mal wieder in einer Kohlewolke. Heuersdorf weiter südlich existiert nicht mehr, das Dorf musste der Kohle weichen. Pödelwitz, gleich neben Kieritzsch gelegen, wird wohl in wenigen Jahren weggebaggert sein. Die Orte haben Namen, eine Jahrhunderte alte Geschichte. Die meisten Bewohner sind hier aufgewachsen, es ist ihre Heimat.

Ortsschild von Kieritzsch im Süden von Leipzig (Foto: DW)

Ortseingang von Kieritzsch im Süden von Leipzig

Häuser und Höfe wurden und werden über Generationen vererbt, so ist das auch bei Janett Schwarz. "Das Haus gehörte meinem Vater, mein Mann stammt aus Hessen. 2001 haben wir beschlossen, hier unsere Familie zu gründen und nicht in den Westen zu gehen, sondern im Osten zu bleiben, weil wir so ein schönes Grundstück haben." 2003 wurde ihr Sohn geboren. Doch ob sie ihm später das Haus vererben kann, weiß sie nicht. Denn auch unter Kieritzsch liegt Braunkohle, und die Vergangenheit zeigt, dass die Energieriesen nicht immer an Dorfgrenzen halt machen.

Braunkohle - ein wichtiger Energielieferant

Ähnlich einer Mondlandschaft präsentiert sich der Tagebau (Foto: dpa)

Landschaftlicher Kahlschlag

Seit Jahrzehnten wird im Leipziger Südraum der immer gleiche Kampf geführt: Einwohner, Familien, Dorfgemeinschaften gegen Braunkohle-Unternehmen. Und gegen Politiker, die meistens auf Seiten der Energieriesen stehen. Mehr als 60 Dörfer wurden im Leipziger Südraum seit den 1920er Jahren weggebaggert, mindestens 23.000 Menschen mussten wegziehen, weil ihre Häuser auf Kohle gebaut waren. Vor allem zu DDR-Zeiten wurde ohne große Rücksicht auf die Bewohner nach dem fossilen Brennstoff gegraben, mit bis zu 300 Millionen Tonnen jährlich lag die DDR an der Spitze aller Förderländer.

Blick auf das Braunkohle-Kraftwerk Böhlen-Lippendorf südlich von Leipzig (Foto: dpa)

Umweltverschmutzer Braunkohlekraftwerk

Braunkohle war Energieträger Nummer eins. Ohne sie hätte die ostdeutsche Wirtschaft kaum 40 Jahre funktioniert. Für die Bewohner der Region bedeutete das: viel Dreck durch veraltete Kohlekraftwerke, Lärm, Gestank und immer wieder Angst um Haus und Hof. Nach der Wende wurden zwar einige neue Kraftwerke gebaut, die Region ist deutlich sauberer geworden, doch die Bedenken gegenüber der Kohle sind geblieben.

Sie hätten ein Recht auf Heimat, behaupten nun die Bewohner von Kieritzsch und berufen sich auf die Verfassung. Energiesicherheit wiege schwerer, sagt der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich. "Unsere Bürger und Unternehmen wünschen eine sichere, verlässliche und bezahlbare Energieversorgung." Da erneuerbare Energien dazu noch nicht in der Lage seien, bleibe die Braunkohle wichtigster Energieträger. In den nächsten Jahren, prophezeit er, werde die Bedeutung der Kohle sogar zunehmen.

Energieunternehmen verspielen Vertrauen

Aussagen wie diese freuen die Mibrag, die seit knapp 20 Jahren für den Abbau verantwortliche "Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft". Denn auch sie sieht das mit der Heimat erwartungsgemäß etwas anders. Kohle sei Allgemeingut, dazu langfristig verfügbar und vor allem unverzichtbar für die sächsische Wirtschaft. In Kieritzsch bekommt man es bei so viel Braunkohle-Euphorie mit der Angst zu tun. Die Mibrag hat ihren Kredit im Dorf bereits verspielt, seit sie vor einem Jahr hinter dem Rücken der 350 Bewohner beim sächsischen Oberbergamt eine Tagebau-Erweiterung beantragte.

Der Ortskern von Kieritzsch mit der Dorfkirche (Foto: DW)

Noch stimmt die dörfliche Idylle in Kieritzsch

Zwar lehnte das Oberbergamt den Antrag ab, doch das Vertrauen vor Ort ist dahin. Viele Kieritzscher befürchten, dass die Mibrag bereits an einem neuen Antrag arbeitet, um sich schon bald auch die Braunkohle unter ihrem Dorf zu holen. Die Folgen wären, dass zusätzlich zu den beiden Dorfseiten, an denen definitiv gebaggert wird, eine dritte folgen würde. Kieritzsch stünde als Insel in der Braunkohle-Landschaft, jahrelang, die direkte Verbindung zur Hauptgemeinde Neukieritzsch wäre weg. "Schule, Verein, Bahnhof wäre dann für uns nicht mehr gegeben." Fraglich, so Janett Schwarz, ob es dann im Dorf noch lebenswert wäre.

Autor: Ronny Arnold
Redaktion: Manfred Böhm