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Wirtschaft

Die Angst vor dem bürokratischen GAU

Für kleine und mittlere Unternehmen könnte die Rechnungslegung komplizierter werden: Die EU plant ein neues internationales Bilanzierungsrecht. Deutsche Firmen befürchten einen bürokratischen GAU.

Aktenstapel auf Schreibtisch

Bürokratie lässt Aktenstapel wachsen

2719 Seiten hat das Buch, das Gero Hagemeister in der Hand hält und nur mit Mühe stemmen kann. IFRS steht auf dem Buchdeckel, übersetzt aus dem Englischen ist das die Abkürzung für Internationale Rechnungslegungsstandards. Auf die ist Hagemeister als Vorstand des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbandes, dem mit rund 17 Millionen Mitgliedern stärksten mittelständischen Wirtschaftsverband der Republik, nicht gut zu sprechen. In mehr als einhundert Ländern ziehen Unternehmen nach den Internationalen Rechnungslegungsstandards Bilanz. Auch die 8000 börsennotierten Unternehmen in der EU müssen nach IFRS Rechnung über ihre Geschäfte ablegen. Nicht so der deutsche Mittelstand und das findet Gero Hagemeister auch richtig. Die Regeln seien zu komplex, zu umfangreich und vollkommen ungeeignet für kleine und mittlere Unternehmen.

Internationaler Blickwinkel

Der IASB, ein privat organisierter internationaler Zusammenschluss von Wirtschaftsprüfern, Finanzanalysten und Bilanzbuchhaltern mit Sitz in London ist anderer Meinung. Seit 1973 arbeitet der Verband daran, dass Anleger und andere Interessierte aussagekräftige und international leicht vergleichbare Jahresabschlüsse vorgelegt bekommen. Auch für kleine und mittlere Unternehmen wurden Standards erarbeitet, die bei der EU in Brüssel in der Diskussion sind. Der deutsche Raiffeisenverband hat sie bereits getestet und eine Bilanz nach IFRS in einer gewerblichen Genossenschaft erstellt. Für Gero Hagemeister, der selbst Wirtschaftsprüfer ist, war es besonders wichtig, die Auswirkungen der internationalen Rechnungslegung auf das Anlagevermögen, die Vorräte, den Leasing-Bestand, die latenten Steuern und die Bewertung der Rückstellung zu erfahren und herauszufinden, welche zusätzlichen Angaben im Anhang der Bilanz dargestellt werden müssen. Sein Fazit: „Es funktioniert so nicht. Es würde den Mittelstand erdrosseln und das kann so nicht richtig sein.”

Deutscher Mittelstand bilanziert nach Handelsgesetzbuch

Da die meisten deutschen Unternehmen nicht börsennotiert sind, stellen sie ihre Bilanz nach dem deutschen Handelsgesetzbuch auf. Das stellt den Schutz der Gläubiger und kaufmännische Vorsicht in den Vordergrund. Die Unternehmen sollen sich eher zu schlecht darstellen als zu gut und so den Ausweis von Gewinnen verringern. Damit wird weniger Geld an die Eigenkapitalgeber ausgeschüttet und ein gewisses Vermögen vorgehalten, um eventuelle Forderungen von Gläubigern erfüllen zu können. Das Ziel der Internationalen Rechnungslegungsstandards ist es hingegen, exakte Informationen über die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage des Unternehmens zu liefern. Das gehe am Informationsbedarf vorbei und sei mit viel zu viel Aufwand verbunden, meint auch Hartmut Schauerte, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. Er befürchtet einen bürokratischen GAU. Das Rechnungswesen in Deutschland, insbesondere beim Mittelstand, müsse praktisch sein, unbürokratisch und bezahlbar. Das alles gelte nicht für die IFRS. „Deswegen müssen wir uns wie der Teufel vor dem Weihwasser hüten, dass ein solches Regelwerk gesetzlich verpflichtend wird“, sagt der Staatssekretär.

Handelsgesetz soll novelliert werden

Die Bundesregierung möchte stattdessen das Handelsgesetz novellieren. Zwar sollen in einzelnen Punkten auch internationale Grundsätze aufgenommen werden, an erster Stelle stehen jedoch Kostendämpfung und Entbürokratisierung. Damit ist das Thema IFRS allerdings nicht vom Tisch. Denn zum einen ist auf EU-Ebene noch keine abschließende Entscheidung gefallen und zum anderen könnte der internationale Standard auch über die Hintertür Einlass erhalten. Spätestens dann, wenn es darum geht Kredite zu bekommen. Dann könnten Banken mit dem Hinweis auf eine bessere Risikoeinschätzung des Unternehmens auf eine Bilanz nach internationalem Standard drängen.

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