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Ostmitteleuropa

Die Angst der Ungarn vor der EU

– Furcht vor Verlust des bescheidenen Wohlstands

Budapest, 8.2.2002, PESTER LLOYD, deutsch, Mária Lakatos

Werden die Ungarn also ins Ausland arbeiten gehen, wenn sie das ohne jedes sonderliche Risiko oder Opfer tun können? Oder bleiben sie lieber daheim, denn das Wenige ist doch mehr, wenn man es sich in einem vertrauten Sprachumfeld aneignen kann?

Diese Frage gewinnt mit dem herannahenden EU-Beitritt an Gewicht, denn eines der kräftigsten Gegenargumente bezüglich der ungarischen Aufnahme sind die extrem hinter dem EU-Durchschnitt zurückbleibenden Löhne. Die Ungarn sind keine Anhänger der Kritik an sich selbst. Doch fällt ihr widersprüchliches Verhalten sogleich ins Auge, wenn sie darüber diskutieren, wie viele Rumänen man denn ins Land einlassen dürfe, damit sie hier eine Arbeit annehmen.

Auch die Ungarn fürchten sich, wenigstens genauso, wie jene Österreicher, die ihre schwer erkämpften Rechte und ihre Mietwohnungen verteidigen, wenn von Ungarns EU-Aufnahme die Rede ist. Und man darf durch die ungarische Brille bestätigen, dass sie für ihre Sorgen gute Gründe haben.

Noch ist jener 7. November des Jahres 1987 nicht so weit weg, als die ungarischen Massen, wie einst das Schwarze Heer von König Matthias, Wien überfluteten, und zwar ausnahmsweise nicht die Burg, sondern die Geschäfte der Mariahilferstraße, wo sie Gorenje-Kühlschränke, und die Supermärkte, wo sie Bierdosen einsackten. Etwa 200.000 Ungarn nutzten den damals noch arbeitsfreien Sowjetfeiertag aus, um mit dem frisch erhaltenen Weltpass das erstbeste Geschäft zu stürmen, um ihre schwarz eingetauschten Devisen gegen irgendein wertvolles Ding einzulösen. In der österreichischen Hauptstadt kam der Verkehr zum Erliegen. Einige Monate darauf wechselten gewisse Läden den Besitzer. Wie Alteingesessene zu berichten wissen, bereicherten sich vornehmlich Exilungarn an ihren Landsleuten.

Heute befürchten die Österreicher eine ähnliche Flut, denn längst arbeiten etwa im Burgenland ausgesprochen intelligente Gärtner, die als Diplomlehrer oder Ingenieure für einen Minimallohn Bäume beschneiden, weil selbst das mehr ist, als sie hierzulande verdienen würden. Und ähnlich ängstigen sich die Ungarn, die durch das Wirtschaftswachstum der jüngsten Zeit und den damit einhergehenden bescheidenen Wohlstand im Zuge des Aufbauwerkes zu Arbeit gelangten. Auf dem Menschenmarkt Moszkva tér finden sich billigere Arbeitskräfte, als wenn man ungarische Facharbeiter bezahlt. Die dort herumstehenden Rumänen fragen nicht, wohin sie zu gehen haben. Für monatlich 40.000 Forint arbeiten sie bereitwillig vom Morgengrauen bis in die Dunkelheit und mitunter sogar noch besser, als die wählerischen Ungarn.

Noch mehr Bauchschmerzen bereitet jedoch das eigenartige ungarische Entlohnungssystem, das dank himmelschreiender Lohnbelastungen Arbeitgeber wie Arbeitnehmer zum Betrug provoziert. Heute bekommt schon nach vorsichtigen Schätzungen mehr als eine Million Ungarn Auftragsgelder als Unternehmer, weil das billiger ist, als würden sie angestellt. Das sind die sogenannten Unternehmer aus Zwang, die zumeist von ihrem früheren Arbeitgeber bezahlt werden und das Lohnverhältnis aufgeben mussten, um die Stelle behalten zu können. Die EU kennt solche Entlohnungsformen nicht. Entweder ist einer ein Unternehmer im wahrsten Sinne des Wortes oder ein Angestellter; ein Vermengen dieser beiden Kategorien dulden die Rechtsvorschriften nicht.

Es sei hinzugefügt: Zum Glück nicht. Denn nur so konnte es passieren, dass sich das ungarische Lohnniveau weiterhin auf einem katastrophal niedrigen Stand bewegt und seine Anhebung nicht länger aufgeschoben werden darf. Die Lohnkosten werden aber nicht steigen, weil viele das Wenige aufgeben werden müssen, was sie bislang bewahren konnten, wenn der Erhalt des Arbeitsplatzes unter allen Umständen zum höchsten Wert wird.

Und für diese Arbeitsplätze bewerben sich nunmehr ganz legal und gleichberechtigt auch etwa 80.000 Ausländer. Da darf die Frage gestellt werden, was die Ungarn tun werden: Warten sie auf dem Sprung, um ihr Brot weiter westwärts zu verdienen, oder werden sie hierzulande um ihre angestammten Rechte streiten, wie es derzeit ihnen gegenüber die Österreicher tun? Es ist schon komisch, sich ein Land vorzustellen, dessen mobilere Schichten ihr Geld im Ausland verdienen und mehr und mehr dorthin verziehen, während die Segnungen des staatlich ausgeweiteten Binnenmarktes jene Ausländer genießen, die sich auf eine ganz ähnliche Weise bei uns ansiedeln. (fp)

  • Datum 08.02.2002
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  • Permalink http://p.dw.com/p/1q1P
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