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Wirtschaft

Die Angst der Banken wächst

Was ist los mit den Banken? Sie verzichten auf Einnahmen und horten ihr Geld unterm Kopfkissen. Der Grund? Misstrauen und Angst.

500 Milliarden Euro - soviel Geld wie nie zuvor haben die Banken des Euroraums am Dienstag für einen Tag bei der Europäischen Zentralbank deponiert. Am Tag darauf stieg die Summe noch weiter, auf 528 Milliarden Euro, bevor sie am Donnerstag wieder etwas nachgab. Das ist rund tausendmal mehr, als die Banken 2007, also vor der Finanzkrise, über Nacht bei der EZB parkten, und immer noch doppelt so viel wie im Krisenjahr 2009.

Soviel Geld über Nacht bei der Zentralbank zu lagern, das ist fast so, als legte man es sich unters Kopfkissen. Sicher soll es sein, das Geld. Und man weiß nicht, was man sonst damit machen soll. Denn lohnend ist das Geschäft nicht, der aktuelle Zinssatz liegt auf das Jahr gerechnet bei nur 0,5 Prozent.

Die Grafik zeigt die Entwicklung kurzfristiger Einlagen von europäischen Geschäftsbanken bei der EZB.

Mit der Krise kam die Angst: Kurzfristige Einlagen europäischer Banken bei der EZB

"Irgendetwas stimmt nicht"

Höhere Zinsen gibt es, wenn Banken ihre kurzfristigen Überschüsse für einen Tag an andere Institute verleihen, die damit kurzfristige Lücken schließen. Dass die Banken auf diese Einnahmen verzichten und ihr Geld lieber bei der EZB lagern, gilt als Zeichen der Unsicherheit. Offenbar vertrauen sich die Institute gegenseitig zurzeit so wenig, dass sie sich nicht mal für eine Nacht Geld leihen wollen.

EZB in Frankfurt: Hier parken über Nacht Milliarden (Foto: dpa)

EZB in Frankfurt: Hier parken über Nacht Milliarden

"Unter uns nennen wir das Angst-Indikator", sagt Jürgen Fitschen, designierter Nachfolger von Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann. "Dieser Angst-Indikator ist heute höher als 2008", so Fitschen weiter. "Irgendetwas stimmt nicht."

"Die Situation ist bedrohlich", sagt auch Michael Hüther, Direktor des wirtschaftsliberalen Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, in einem Zeitungsinterview. Weil sich Europas Banken misstrauen und kein Geld mehr leihen, bestehe eine Kreditklemme, "diesmal nicht für die Unternehmen, sondern für Finanzinstitute."

Ein neuer Schock im Finanzsystem könne dann "eine gefährliche Kettenreaktion" auslösen, ähnlich wie 2008 die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers. "Damals begann eine Angstwelle an den Kapitalmärkten. Banken liehen sich kein Geld mehr, Aktienmärkte brachen ein. Der Konjunkturmotor stoppte", so Hüther. "Das könnte sich im schlimmsten Fall wiederholen."

Milliardenlöcher

Die Commerzbank-Zentrale in Frankfurt am Main (Foto: dpa)

Commerzbank-Zentrale in Frankfurt

Europas Banken sind zurzeit nicht nur misstrauisch und ängstlich. Sie haben auch ernste Geldprobleme. Die Commerzbank etwa braucht dringend frisches Geld. Dem Institut fehlen 5,3 Milliarden Euro, hat die Europäische Bankenaufsicht EBA errechnet. Die Commerzbank hatte gehofft, durch den Verkauf ihrer Tochter Eurohyp etwas Geld einzunehmen, doch sie findet niemanden, der den angeschlagenen Immobilien- und Staatsfinanzierer übernehmen will. Jetzt soll die Eurohyp abgewickelt werden, will die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" erfahren haben. Nur der gesunde Kern solle bei der Commerzbank verbleiben. Allerdings braucht die Bank dafür die Zustimmung der EU-Kommission, die bisher auf einen Verkauf drängte.

Als ob das alles nicht genug sei, drohte die Ratingagentur Moody's am Mittwoch mit einer Herabstufung der Kreditwürdigkeit der Commerzbank. Als Hauptgrund nannte Moody's das Risiko bei der Eurohyp, die viel Geld in griechische Staatsanleihen investiert hat. Bei den derzeit laufenden Verhandlungen zwischen Griechenland und seinen privaten Gläubigern zeichnet sich ab, dass dem Land wohl mehr Schulden erlassen werden müssen als bisher vereinbart. Für die Commerzbank und andere Institute hieße das: noch höhere Abschreibungen.

Die Commerzbank legt der deutschen Bankenaufsicht BaFin nun ein Konzept vor, wie sie das Milliardenloch stopfen will. Bis Mitte Juni dieses Jahres muss sie das Geld aufgetrieben haben, denn dann gelten in Europa strengere Regeln für das Verhältnis von Kernkapital und Risiko. Die Commerzbank will dieses Ziel "aus eigener Kraft" erfüllen.

Die Deutsche Bank hatte schon im Dezember deutlich gemacht, ohne fremde Hilfe auskommen zu wollen. Wie das geschehen soll, muss sie der Bankenaufsicht ebenso mitteilen wie die anderen Institute, die beim letzten Stresstest im November aufgefallen waren. Der Test hatte ergeben, dass den Banken in der Eurozone insgesamt mehr als 100 Milliarden Euro fehlen.

"Das System stößt an seine Grenzen"

Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln (Foto: Karlheinz Schindler)

Michael Hüther, Institut der Deutschen Wirtschaft (IW)

Die Banken stecken in einem Dilemma, weil sie gezwungen sind, ihr Eigenkapital in einer Zeit zu erhöhen, in der sie wegen der Krise Milliarden abschreiben müssen, so IW-Direktor Michael Hüther im Interview mit der Süddeutschen Zeitung. "Es brennt, und gleichzeitig versuchen wir, die fast leeren Feuerlöscher aufzufüllen. Es ist ganz offensichtlich, dass das System so an seine Grenzen stößt."

Die Lösung für das Dilemma liefert Hüther gleich mit: Zwangskapitalisierung. "Wir müssen alle systemrelevanten Banken in Europa dazu verpflichten, Staatsgeld gegen eine Staatsbeteiligung anzunehmen - systematisch und proaktiv." Damit könnten mögliche Zusammenbrüche schon im Vorfeld verhindert werden, so Hüther.

Für den wirtschaftsliberalen Ökonomen Hüther ist der Ruf nach dem Staat ungewöhnlich. Der deutsche Bankenverband reagierte entsprechend entrüstet: "Eine Zwangsverstaatlichung von Banken hilft weder Europa, noch den deutschen Unternehmen oder den Banken selbst", sagte Michael Kemmer, Vorsitzender des Verbandes. Außerdem gebe es verfassungsrechtliche Bedenken.

Die Banken wehren sich, weil die Rendite der Kapitalgeber sinkt, wenn das Eigenkapital erhöht wird. Außerdem wollen sie nicht, dass sich die Politik in ihre Geschäfte einmischt. Käme es wirklich zu einer Zwangskapitalisierung, hieße das auch: es wird wieder Steuergeld eingesetzt, um die Banken zu retten - mit allen Risiken, die das mit sich bringt.

Autor: Andreas Becker
Redaktion: Klaus Ulrich

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