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Kultur

Die andere Wahrheit

Manchmal bedarf es eines Comics, um Klischee-Bilder der Medien - wie im palästinensisch-israelischen Konflikt - zu hinterfragen. Der Journalist Joe Sacco hat mit seinem Comic-Epos "Palästina" genau das gemacht.

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Kontrolle an einem Grenzübergang

Israel und Palästina - ein nicht enden wollender Konflikt im Nahen Osten, der mit den immer gleichen Bildern in den Medien wiedergegeben wird - und das oft nur oberflächlich. Selten geht es um einzelne Schicksale, selten gibt es hintergründige Berichte darüber, unter welchen Umständen vor allem die Palästinenser in der Krisenregion leben müssen.

Aufgewachsen unter der immer gleichen Bilderflut amerikanischer Fernsehmedien, wurde dem Journalisten Joe Sacco langsam bewusst, dass diese wohl nicht immer die ganze Wahrheit glaubwürdig vermitteln würden. Um der Wahrheit auf den Grund zu gehen, reiste er 1991 für mehrere Monate nach Israel und in die besetzten Gebiete, um sich selbst ein Bild von der Situation zu machen. Auf der Suche nach der "anderen Wahrheit" sind dann insgesamt neun Comic-Bände entstanden, die nun im Verlag Zweitausendeins unter dem Titel "Palästina" auf Deutsch erschienen sind.

Schwarz-weiß-Bilder, aber kein Schwarz-weiß-Denken

Schwarz-weiß-Zeichnungen über einen Konflikt, die ganz und gar nicht die sonst übliche Einteilung in Gut und Böse, in Schwarz und Weiß treffen. Gewalttätige Palästinenser und Terror um des Terror willens? Sacco trifft auf Hunderte von palästinensischen Menschen, die ihm ihr Leben seit dem Beginn der Intifada schildern. Sie zeigen ihm ihre Häuser und die Welt, in der sie leben müssen.

Traumatisiert unter israelischer militärischer Besatzung, traumatisiert von den Verhaftungen und Demütigungen in einem Land, wo Zerstörung und Enteignungen zum Alltag gehören. Sacco spricht mit palästinensischen Bauern, die sechs verschiedene Genehmigungen benötigen, um ihre Ware auf den Markt zu bringen, er besucht Basare und Flüchtlingslager im Westjordanland und hört den Opfern brutaler Folterungen zu - Frauenrechtlern, trauernden Müttern, Lehrern, Polizisten und Jugendlichen.

Es ist eine gänzlich unbekannte Welt, die ihn persönlich berührt habe, meint Joe Sacco. Und das wird auch in seiner Erzählerhaltung deutlich: Mit Distanz, Skepsis, manchmal Zynismus, hört sich Sacco die Geschichten der Menschen an, die ihm begegnen. Und die zeichnet er genau so und mit viel Liebe zum Detail. Schon allein hieran spürt man nicht nur Saccos zeichnerisches Talent, sondern auch seine Leidenschaft, die er für die Menschen und ihre persönlichen Biografien entwickelt. Sich selbst hat Sacco als Hauptfigur ironisch verewigt: Ein unscheinbarer junger, dürrer Mann mit dicken Brillengläsern und schwarzen Stoppelhaaren, der durch die Geschichten und Orte streift und eher zufällig in die Begebenheiten und Konflikte hineinstolpert.

"Comic Journalism" - ein ernstzunehmendes Medium

Sacco ist einer der ersten, aber nicht der einzige, der mittels eines Comics reale, politische Themen auffängt und auf faszinierende und packende Weise wiedergibt. Der Amerikaner Art Spiegelmann bekam für seine Comic-Reihe "Maus" bereits Anfang der 1990er-Jahre den Pulitzer Preis.

Die Exil-Iranerin Marjane Satrapi gab jüngst in ihrem Comic "Persepolis" eine sehr persönliche Darstellung ihrer Kindheit im Iran wieder und somit endlich einen anschaulichen Zugang zu den politischen Entwicklungen im Iran vor und nach der Revolution von 1979. Manche sprechen in diesem Zusammenhang schon von einem neuen Genre, dem so genannten "Comic-Journalismus".

Bemerkenswerte Gegenpole

In einer Medien gesättigten Welt, in ihrer manchmal grotesken Überzeichnung sei Saccos Comic "Palästina" ein bemerkenswerter Gegenpol, schreibt der Schriftsteller Edward W. Said im Vorwort für die deutsche Gesamtausgabe. Sacco sei einer, der Partei für die Benachteiligten ergreife und seine gezeichneten Geschichten belegen das, was andere Zeitzeuginnen wie Amira Hass vor ihm geschrieben haben.

Ein Werk, so Said, "von künstlerischer und politischer Bedeutung und außergewöhnlicher Kreativität". Es waren schließlich auch Edward Saids Schriften über Palästina, die Sacco zu seinem Rechercheprojekt inspirierten, ohne dass dieser ahnen konnte, dass ihn der renommierte palästinensische Schriftsteller einmal ein ausführliches Vorwort zu dem fertigen Band schreiben würde.

1996 bekam Joe Sacco für seine Comic-Reportagen den "American Book Award". Aktuell sind Saccos Zeichnungen, auch unter der Zweiten Intifada, denn in Israel und Palästina hat sich an den Schicksalen der Menschen, die unter der Gewalt leiden, nichts geändert.

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