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Win-Win-Situation

Die andere Studenten-WG: Arbeiten statt Mieten

"Wohnen für Hilfe"- der Satz ist Programm. Angesichts hoher Mietpreise wird ein deutsches Projekt immer interessanter. Statt Miete zu zahlen, arbeiten Studierende im Haushalt mit.

"Teatime" in Klausdorf bei Kiel – diese Stunde gehört bei Adele Reese und Gennadiy Garmasch zum Tag dazu. Heute gibt es Kaffee und selbstgebackene Plätzchen. Die 76 Jahre alte Reese schenkt ihrem Mitbewohner ein Tässchen ein und plaudert gleich los. "Gena spricht ja nicht so viel", sagt sie. Gennadiy, den alle nur Gena nennen, nickt und lächelt.

Die Seniorin und der Student wohnen seit fast vier Jahren zusammen. "Mein Mann ist ganz plötzlich gestorben und auf einmal war ich allein, ganz allein, in diesem großen Haus", erzählt Reese. Einsamkeit habe sich breit gemacht. 46 Jahre war sie mit ihrem Mann zusammen. Dann erzählte ihr eine Freundin von dem Projekt "Wohnen für Hilfe". Sofort rief Reese dort an. Sie hatte genaue Vorstellungen, wen sie gerne bei sich aufnehmen würde. "Ich wollte jemanden aus dem spanischen Sprachraum, weil ich ein bisschen Spanisch lerne. Oder einen Chinesen, weil mein Mann und ich dort früher oft waren, außerdem sind sie fleißig." Mit Gennadiy zog dann ein Kasache bei ihr ein.

Wohnen für Hilfe (DW/J. Albrecht)

Hilft bei der Vermittlung von Studierenden - Alexandra Dreibach

Etwa die Hälfte der Studierenden, die das Kieler Studentenwerk im Rahmen des Projektes bei Privatpersonen unterbringt, kommt aus dem Ausland. "Oft haben es gerade ausländische Studenten schwer, eine Wohnung zu finden", sagt Alexandra Dreibach, die das "Wohnen für Hilfe" organisiert. Seit bald fünf Jahren gibt es dieses Projekt in Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt Kiel. Deutschlandweit besteht die Idee schon seit fast zwei Jahrzehnten, mittlerweile in insgesamt gut 40 Studentenstädten.

Pro Quadratmeter, eine Stunde Arbeit

Die Idee ist simpel: Arbeiten statt Miete zahlen. Pro Quadratmeter Wohnraum, den sie nutzen, arbeiten die Studierenden eine Stunde im Monat im Haushalt mit. Die Aufgaben sind ganz unterschiedlich und gehen von Gartenarbeit über die Versorgung von Tieren, kleineren Reparaturen, Fenster putzen, Einkaufen gehen bis hin zu Gesellschaft leisten. "Die Einsamkeit ist für viele Senioren ein Grund, hier mitzumachen", sagt Dreibach. Meist wohnen die eigenen Kinder weit weg. Auch Adele Reese hat drei Kinder groß gezogen. Eine Tochter wohnt in der Schweiz, die andere ist viel unterwegs, der Sohn lebt in München.

Bildergalerie Studentenwohnheime - Berlin (picture-alliance/dpa/S. Pilick)

In vielen Städten ist günstiger Wohnraum knapp. In Berlin werden Studierende auch in Containerdörfern untergebracht.

Aber selbst wenn sie alle in der Nähe wären, hätte Reese sich einsam gefühlt. "Die würden ja nicht mit mir zusammenwohnen", erklärt sie. Es ist ein sehr großes Haus, im Erdgeschoss standen 60 Quadratmeter leer, samt Küchenzeile und Bad. Dort wohnt jetzt Gennadiy Garmasch. „"Die Möbel waren alle schon da", sagt der 31-Jährige. Darüber ist er froh, denn seine Familie in Kasachstan hat kein Geld, um ihn finanziell zu unterstützen. Für seinen Lebensunterhalt jobbt er, allerdings würde das nicht auch noch für Miete reichen. Die verdient sich Garmasch bei Adele Reese, indem er jeden Tag mit ihrem Hund rausgeht. Whiskey springt gleich auf, als Garmasch aufsteht und die Leine holt. Sie haben ihre feste Runde, gleich neben dem Haus ist ein kleiner Reitturnierplatz mit schönen Wegen durchs Grüne.

Wiesen und Felder - Studentenviertel sehen anders aus

In die Kieler Innenstadt fährt man mit dem Auto von Klausdorf aus eine gute viertel Stunde. Garmasch studiert an der Fachhochschule Elekrotechnik. Direkt vor dem für Norddeutschland typischen Rotklinkerhaus hält der Bus. Gegenüber ist ein Supermarkt, ansonsten reihen sich hier Einfamilienhäuser, Wiesen und Felder aneinander.

Nicht gerade das typische Studentenviertel. "Ich mag die Ruhe, die brauche ich auch zum Lernen." Wohnangebote direkt in der Stadt gibt es weniger. Die meisten Studenten sind in Einfamilienhäusern untergebracht. Was sicher auch daran liegt, dass das Zusammenleben von zwei sich zunächst vollkommen fremden Menschen leichter fällt, wenn man nicht auch Küche und Bad teilen muss. Unter anderen Umständen hätte Adele Reese an dem Projekt auch gar nicht teilgenommen. "Nein, also im Bad bin ich eigen", sagt die Seniorin. Obwohl beide eine eigene Küche haben, essen Reese und Garmasch dennoch gemeinsam. "Ich koche, Gena räumt die Küche auf", sagt sie. Das habe sich so ergeben.

Wohnen für Hilfe (DW/J. Albrecht)

Gassigehen gehört zum Alltag von Gennadiy Garmasch mit dazu. Dafür spart er bei der Miete.

Reese freut sich, dass sie ihren Mitbewohner unterstützen kann. "Er hat ja kein Geld, warum soll ich dann nicht für ihn mitkochen?" Die beiden helfen sich gegenseitig, wann immer es nötig ist. "Irgendwie ging plötzlich alles kaputt im Haus, Gena hat angepackt, etwa als wir hier einen Rohrbruch hatten", erzählt Reese. Ohne ihn hätte sie die Zeit damals nicht überstanden, ist sich die so lebensfrohe und deutlich jünger wirkende 76-Jährige sicher. Aber sie war auch für ihn da, als sein Vater wenige Monate nach seinem Einzug plötzlich starb. "Mitten in der Nacht kam der Anruf aus Kasachstan, es war 2 Uhr, da bin ich hochgegangen und habe bei Adele geklopft", sagt Gennadiy Garmasch. Sie hätten dann erstmal einen Tee zusammen getrunken. "Ich konnte so gut verstehen, wie sich Gena fühlt", sagt Reese.

Mehr als eine Wohngemeinschaft

Nach jetzt fast vier Jahren sind die beiden weit mehr als eine reine Wohngemeinschaft. Sie gehen vertraut miteinander um, unkompliziert, aber auch mit dem nötigen Abstand. Garmasch fährt zur Hochschule, lernt, trifft Freunde. Reese arbeitet noch in der eigenen Naturheilpraxis mit. Man habe sich langsam angenähert, sagt sie. Mittlerweile seien sie eine Familie geworden. Dass Gena irgendwann wieder ausziehen wird, scheint unvorstellbar. Aber in einem Jahr ist sein Studium zu Ende.

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