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Europa

Die Anatomie des Balkan-Beats

Eigene Identität zu bestätigen - viele glauben, dass das nur durch die Abgrenzung zu dem Anderen geht. Und je näher er ist, desto wilder die Abgrenzung. Aber was, wenn die Gemeinsamkeiten buchstäblich unüberhörbar sind?

Bläser-Band auf dem Festival in Guca/Serbien (Foto: PHOTO AFP / KOCA SULEJMANOVIC (Photo credit should read KOCA SULEJMANOVIC/AFP/Getty)Images) Erstellt am: 10 Aug 2003

Bläser-Band auf dem Festival der Folkmusik in Guca/Serbien

Über Musik zu schreiben, ist wie über Kochen zu sprechen. Man hat nichts davon. Oder wissen Sie etwa, welches Lied mit der Melodie "Pa pa ra pa pa, pa ra pa pa, pa pa pa" gemeint ist? Bevor Sie jedoch mit dem Ratespiel beginnen, sind Sie zu einem Tanz eingeladen: Der Rhythmus - sanft und leidenschaftlich. Der Ursprung - irgendwo aus dem Balkan. Woher genau - darüber herrschen eben verschiedene Meinungen. Eine musikalische Suche nach dem Ursprung der Balkanklänge.

Wenn sich zehn streiten, gewinnt keiner

Adela Peeva (Foto: DW/Rayna Breuer)

Adela Peeva ist Filmregisseurin aus Bulgarien

"Ich war in Istanbul auf einem Festival für Dokumentarfilme. Eines Abends war ich mit Kollegen, die aus verschiedenen Balkan-Ländern kamen, in einem sehr schicken Restaurant mit Live-Band. Auf einmal spielten die Musiker ein Lied, das ich aus meiner Kindheit kannte", erinnert sich die bulgarische Regisseurin Adela Peeva an eine Begegnung von vor zwölf Jahren. Sie habe angefangen zu summen. Ihre Kollegen aber auch. "Alle behaupteten, dieses Lied käme aus ihrem Land. Ich war so überzeugt, dass es aus meiner Heimat stammt, aus Bulgarien. Aber mein Mann, ein Serbe, guckte mich an und erwiderte erbost: 'Adela, du täuschst dich, das ist ein serbisches Lied'".

Kurz nach dieser Begegnung machte sich die Regisseurin auf die Suche nach dem Ursprung dieser Melodie: Ihr Dokumentar-Film "Wem gehört das Lied" (2003) ist eine Abrechnung mit dem Mythos einer echten und unverfälschten, nationalen Musik auf dem Balkan. Denn die Frage, woher ein Lied stammt, lässt sich längst nicht mehr beantworten: "Wir auf dem Balkan neigen dazu, unsere gemeinsame Identität zu verleugnen. Dabei ist die Musik eins der stärksten Merkmale unseres Daseins", sagt Peeva. Auch zehn Jahre nach der Erstausstrahlung bekommt sie oft Nachrichten von Menschen, nicht nur aus dem Balkan, sondern aus der ganzen Welt - und deren Inhalt lautet dann immer ganz ähnlich: Dieses Lied im Film, das werde auch in ihrem Land gesungen.

Der Balkan-Komplex

Der Moderator und Musiker Danko Rabrenovic (Foto: DW)

Danko Rabrenovic ist der "Balkanizer"

"Die Menschen auf dem Balkan leiden an einem Komplex. Sie wollen auf Biegen und Brechen anders sein als ihre Nachbarn in der Region", sagt Danko Rabrenovic - er moderiert beim deutschen Sender WDR die musikalische Radiosendung "Balkanizer". "Wir haben mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede, aber leider ist es oft so, dass alle Nationen versuchen, etwas anderes aus ihrer Geschichte zu machen, indem sie die Unterschiede betonen." Und nach diesem Prinzip funktioniert auch die Musik auf dem Balkan.

Kurz nach den Balkan-Kriegen in den 1990er Jahren war es ungewöhnlich, ja sogar gesellschaftlich inakzeptabel, Interpreten aus den Nachbarländern zu hören oder auch nur deren Musik laut zu summen. Knapp 20 Jahre später hat sich das Blatt gewendet: Der Versuch, das kulturelle Erbe Jugoslawiens zu teilen, wurde aufgegeben - frei nach dem Motto "Jugoslawien ist tot, lang lebe die Jugosphäre", wie es der britische Journalist Tim Judah formuliert hat: Die politische und territoriale Teilung sollte ein Ende haben.

Die Eurovision-"Mafia"

Der Musiker Goran Bregovic (Foto: DW/Sonila Sand)

Goran Bregovic ist einer der bekanntesten Vertreter der "Balkanmusik"

Die "Eurovision"-Punkte bleiben jedenfalls sozusagen in der Region: Bosnien bekommt sie von Kroatien, Kroatien von Slowenien, Montenegro von Serbien und so weiter. Auf dem jährlichen Musikwettbewerb schanzen sich die Balkan-Länder die höchsten Bewertungen untereinander zu - zumindest gewinnt man diesen Eindruck. Ein Zeichen für den identischen Musikgeschmack? Zugegeben - eine etwas frei interpretierte Behauptung. Aber fest steht: Die Länder des Balkans finden zurück zu ihren kulturellen Wurzeln, ohne diese künstlich abgrenzen zu wollen.

"Im ehemaligen Jugoslawien hatten wir eine reiche Pop-Rock-Musikszene; wir hatten Bands, die viele Millionen Platten verkauft und große Tourneen gespielt haben. Dieser Markt ist Anfang der 1990er Jahre auseinander gebrochen, genauso wie das Land - aber die Bands haben nicht aufgehört zu existieren", sagt Rabrenovic. So spielten heute serbische Bands in Bosnien, bosnische in Kroatien. Und außerdem gebe es junge Bands, die über Grenzen hinweg zusammen arbeiten, die seit Jahren sehr gut vernetzt seien, betont Rabrenovic. Der "Balkenizer" moderiert nicht nur, sondern macht auch selber in einer Band Musik - oft auch die populären Hits aus den 1980er Jahren.

Die Mostar Sevdah Reunion Gruppe aus Bosnien und Herzegovina (DW/Rayna Breuer)

Zwischen Jazz und Ethno - die "Mostar Sevdah Reunion Gruppe" aus Bosnien und Herzegovina

Trotz der vielen Gemeinsamkeiten und der vernetzten Musik-Szene gefällt Rabrenovic der Begriff "Balkanmusik" aber nicht, "dafür ist der Raum zu groß und zu bunt, um von einer Balkanmusik zu sprechen", sagt er. Balkanmusik sei weder nur Goran Bregovic, noch Turbo-Folk, der die ganze Region in Bann halte. Auch Miso Petrovic von der bosnischen Gruppe "Mostar Sevdah Reunion" distanziert sich von dem Begriff, der überwiegend außerhalb des Balkans verwendet wird: "Diese Region ist zwar geografisch und politisch getrennt, aber kulturell ist sie gemischt. Und das verwirrt die Menschen von außen, die dann die Musik allgemein als Balkanmusik bezeichnen. So ganz stimmt das aber nicht, denn sie unterscheidet sich doch von Region zu Region." Die Schwierigkeit ist eben, die Unterschiede herauszufiltern - bei so vielen Gemeinsamkeiten.