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Kultur

Die amerikanische Mittelschicht in Gefahr

Die Under-Cover-Reporterin Ehrenreich hat beobachtet, wie sich das amerikanische Wirtschaftsmodell immer weiter zur Mogelpackung entwickelt: In ihrem neuen Buch schildert sie, wie die Mittelschicht in die Armut gleitet.

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Arbeitslosigkeit als erster Schritt in die Armut

Ihre erste Reportage auf der Basis eines dreimonatigen Selbstversuchs hieß "Arbeit poor" (Original: "Nickel and Dimes"). Darin untersuchte sie die Folgen der von Clinton unterzeichneten "Welfare Bill": wie es möglich wurde, dass die Arbeitslosenquote fällt, während die Armutsquote steigt. Und wie die Behauptung, Arbeit ermögliche das Überleben, zum Mythos wurde. Der Abstieg der Mittelschicht ist das Thema ihres aktuellen Buchs mit dem Titel "Qualifiziert & arbeitslos".

Chemikerin im Obdachlosenheim

Barbara Ehrenreich

Barbara Ehrenreich

Seit "Arbeit poor" erschienen sei, habe sie viele Briefe von Leuten erhalten, die in Armut und von Niedrigstlöhnen leben müssen. Es sei ihr aufgefallen, dass unter den Absendern viele mit Universitätsabschluss waren. Leute, die einen gut bezahlten Bürojob gehabt hätten - bis sie da eben entlassen wurden, wegen Restrukturierung oder Reorganisation: dafür gebe es jede Menge Fachbegriffe, berichtet Barbara Ehrenreich. "Ich erinnere mich an eine Frau, eine Chemikerin, die mit mir über ihre Zeit im Obdachlosenasyl sprechen wollte. Damals wurde mir klar: Um etwas über die Armut in Amerika zu verstehen, musste ich mich näher mit der Abwärtsmobilität auseinandersetzen."

Schlanke Unternehmensstrukturen

Gemeint ist der Abstieg der Mittelschicht. Nach Barbara Ehrenreichs Recherchen sind etwa 20 Prozent der Arbeitslosen in Amerika ehemalige mittlere und höhere Angestellte. Der Grund: Heute streben die Konzerne eine permanent schlanke Unternehmensstruktur an; sie stellen Leute je nach Bedarf ein oder feuern sie. Eine Führungskraft kann also damit rechnen, etwa zehn Mal im Leben die Stelle zu wechseln. Zwischendrin kommt es auch zu Zeiten der Arbeitslosigkeit. Die preisgekrönte amerikanische Essayistin begab sich für ihr zweites Under-Cover-Sachbuch "Qualifiziert & arbeitslos" in die Welt entlassener Führungskräfte - auf der Suche nach einem angemessenen Job. Nach neun Monaten Bewerbungs-Marathon hatte Barbara Alexander, so das Pseudonym der Autorin, nicht einmal eine entfernte Aussicht auf eine Position im mittleren oder gehobenen Management.

Netzwerken als Hoffnung

Ehrenreich beschreibt die stille Verzweiflung derer, die alles richtig gemacht haben, die nie eine Ausbildung abgebrochen, immer Leistung, Fleiß und Loyalität gezeigt haben und trotzdem vor dem Aus stehen. Aber so schnell gibt man in Amerika nicht auf. Beliebte Treffpunkte der "Führungskräfte im Umbruch" - wie sie sich nennen - sind Networking-Groups. Ehrenreich war selbst bei einem Dutzend solcher Treffen: Vorne sitze ein Guru, der hält eine Rede, die auf eine Aussage hinauslaufe: Ihr seid selbst Schuld. Die Karriereratgeber stießen ins gleiche Horn und stimmten darin überein: Alles was einem in diesem Leben widerfahre, sei ein Ergebnis der Persönlichkeit und der Haltung. Habe man eine positive Einstellung, dann passierten einem eben nur gute Dinge. "Aber wenn du deinen Job verloren hast und suchst vergebens seit einem Jahr einen neuen, dann stimmt was mit dir nicht. Das macht mich wütend", sagt Ehrenreich.

Persönlichkeitstests

Arbeitslose in New York

New York: Anstehen für einen Job

Was zählt, ist vor allem die richtige, die anpassungsfähige Persönlichkeit, musste Barbara Ehrenreich während ihres Bewerbungsmarathons erfahren: Sie füllte unzählige Persönlichkeits-Tests aus. 89 der 100 größten Unternehmen der USA verwenden sie, um Sicherheit über die Eignung von Bewerbern zu bekommen. Der Inkognito-Reporterin wurde - je nach Testart - eine schwermütige, extrovertierte oder innovative Persönlichkeit attestiert. Gefragt ist, das hat schon der amerikanische Soziologe Richard Sennett in seinem Buch "Kultur des neuen Kapitalismus" beschrieben, der flattrig-flexible Mensch, dessen Strahlkraft nach außen interessant ist, nicht mehr die gelernten Fähigkeiten. Und der es erträgt, in unüberschaubaren, fremdbestimmten Bezügen zu arbeiten.

Kapitalismus zerstört Leistungsgesellschaft

Am Ende ihrer Zeit als Arbeit suchende Führungskraft kommt Barbara Ehrenreich zu dem Ergebnis, dass die westliche Spielart des Kapitalismus, der seine Gewinne derzeit vor allem durch das Senken der Arbeitskosten erzielt, dabei ist, die Leistungsgesellschaft zu zerstören. Die Regeln, nach denen das amerikanische Wirtschaftssystem funktioniere, seien irrational, sagt die promovierte Naturwissenschaftlerin: "Ich denke, das Problem liegt darin, dass wir eine Geschäftskultur haben, die Inkompetenz hervorbringt und belohnt. Eine Kultur, die weder an Erfahrung interessiert ist, noch an Sachkenntnis und noch nicht mal an großen Leistungen." So träfe sie immer wieder Leute, die ihr erzählten, dass sie kurz vor ihrer Entlassung befördert worden seien oder eine Gratifikation erhalten hätten. "Das ergab erst mal keinen Sinn für mich. Bis ich jemanden traf, der mir erklärte: Je mehr Leistung einer zeigt, desto mehr verdient er. Also ist er auch ein guter Posten, wenn's ums Sparen geht", sagt Ehrenreich.

Solidarität der Arbeitslosen

Wenn die Lage also derart verheerend ist, warum protestiert dann niemand?", fragt sie sich und uns in dem neuen Buch. Aber in Wirklichkeit ist sie schon einen Schritt weiter: Barbara Ehrenreich wird mit 65 wieder zur Aktivistin. Sie organisiert die Solidarität der Arbeitslosen ganz modern von ihrer Homepage aus. In neun Großstädten der USA gibt es inzwischen "Local Networkings" für Arbeitslose, deren Schicksal sich, ob Unter- oder Mittelschicht - sobald die Ersparnisse aufgebraucht sind - ziemlich ähnelt. Die deutsche Übersetzung ihres Buches liest sich wie ein spannender Zukunftsthriller.

Barbara Ehrenreich

"Qualifiziert & arbeitslos. Eine Irrfahrt durch die Bewerbungswüste" Aus dem Amerikanischen von Gabriele Gockel und Sonja Schuhmacher; 256 Seiten; Kunstmann Verlag; 19,90 Euro.

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