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Politik

Die alte Dame

Reporter im Weißen Haus – kein angenehmer, aber um so anerkannterer Job. DW-TV-Korrespondent Konstantin Klein über eine alte Dame, die fast ihr ganzes Berufsleben im Presseraum des Weißen Hauses verbracht hat.

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Einer der bekanntesten Anblicke im Nachrichtenbusiness ist der dunkelblaue Vorhang an der Stirnseite des Presseraums im Weißen Haus. Wer vor diesem Vorhang Auskunft geben darf, hat was zu sagen im politischen Washington – und wer der Person vor dem Vorhang Fragen stellen darf, hat einen der anstrengendsten Jobs in der amerikanischen Medienlandschaft.

Der Presseraum des Weißen Hauses ist nämlich längst nicht so glamourös, wie man sich das vorstellt. Es ist ein langer, schmaler Raum, der bis in die sechziger Jahre den Swimming Pool des Präsidenten beherbergt hat. Am hinteren Ende gibt es fünf große Schränke, in denen die Sendetechniker der großen Fernseh-Networks buchstäblich zuhause sind. Und davor lümmeln sich die Korrespondenten, wenn sie nicht gerade ihre Ansprechparter im Inneren der Macht abtelefonieren. Auf dem Boden liegen Hamburger-Kartons und leere Kaffeebecher, die Luft ist zum Schneiden.

Frechheit siegt

Und doch gibt es Menschen, die sich nichts schöneres vorstellen konnten, als ihr ganzes Berufsleben so zu verbringen. Sarah McClendon war so ein Mensch. Als Korrespondentin einer Reihe winziger texanischer Lokalzeitungen hatte sie in den vierziger Jahren ihre Probleme, sich gegen die großen Fische durchzusetzen, die Korrespondenten der großen Zeitungen und Radiosender, die auf das Provinzhuhn, die Frau im Männerjob herabsahen. Sarah wählte ein probates Mittel: Frechheit, kombiniert mit Lautstärke.

Alle Präsidenten von Franklin D. Roosevelt bis Bill Clinton hatten sich den Fragen der Lautsprecherin aus Texas zu stellen, und mehr als einer geriet gehörig ins Schwimmen. Sarah McClendon gilt als einzige Frau, die John F. Kennedy sprachlos machen konnte – und sie tat es mit den Mitteln, die im Grunde jedem Journalisten zur Verfügung stehen: Gute Vorbereitung und harte Informationen. ABC-Korrespondent Sam Donaldson, selbst ein Saurier der Washingtoner Presse, sagte über sie, sie sei "der Racheengel des Pressekorps, andere würden sagen: die böse Hexe" Und das meinte Donaldson durchaus bewundernd.

Fragen über Fragen

Sie fragte nach den Alkoholproblemen von Ministerkandidaten und nach der Finanzierung einer Abwasseraufbereitung in Texas – und sie fragte und frage und fragte. Noch zu Bill Clintons Pressekonferenzen ließ sich Sarah McClendon im Rollstuhl schieben, und bis zuletzt war sie die Gastgeberin eines Jour Fixe im National Press Club.

Am Mittwoch ist Sarah McClendon im Alter von 92 Jahren gestorben. Ihre Rolle, die der lauten Stimme im Heer der glattgeschminkten Korrespondenten im Presseraums des Weißen Hauses hat schon lange Helen Thomas übernommen, eine freie Kolumnistin, die mit ihren 82 Jahren geradezu ein junges Mädchen ist; sie wird den Geist der alten Dame fortleben lassen.