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Sport

Die alte Dame und ihr ebenso altes Problem

Im Schatten der Fußball-WM hat die Tour de France begonnen. Geht es nach den Veranstaltern, soll sich in diesem Jahr wieder alles nur ums Sportliche drehen. Das kann sich aber erfahrungsgemäß bei der Tour schnell ändern.

Tour de France 2009 Symbolbild

In ihrem stolzen Alter von 107 Jahren ist die gute, alte Tour de France noch ziemlich wandlungsfreudig: Mal kleidet sie sich im blütenweißen Gewand der Tour der Hoffnung, um drei Wochen später im ziemlich befleckten Kleid der Tour de Farce dazustehen. Dann gibt sie sich im Jahr darauf reumütig - als Tour der Erneuerung, ehe sie wieder durch einen ihrer Protagonisten zur Skandaltour, Tour der Schande oder schlicht zur Doping-Tour gemacht wird.

Alberto Contador führt das Feld an (Foto: AP)

Der Gejagte: Alberto Contador

Auch in diesem Jahr gibt sich die Tour am Start wieder unschuldig. Trotz rund 300 Dopingfällen im letzten Jahrzehnt kehrt momentan, wie es scheint, Ruhe ins Peloton ein. Es geht vornehmlich um das sogenannte Sportliche, wie die Herausforderungen der diesjährigen Strecke. "Kein Zweifel, schon die erste Woche ist kompliziert", meint Superstar Lance Armstrong, der Respekt vor den Auftaktetappen hat: "Das ist keine Tour, bei der du sagst: 'Ok, am Anfang versuche ich mal unfallfrei durchzukommen'. Bei dem Wind in Holland und anschließend den Pflastersteinen musst du vorsichtig sein und trotzdem vorne fahren."

Kann Armstrong seine achte Tour gewinnen?

Lance Armstrong und Teamkollegen (Foto: AP)

Der Boss bei seiner letzten Schleife: Lance Armstrong

Nach seinem Comeback im Vorjahr scheint Armstrong in diesem Jahr besser vorbereitet zu sein. Beim letzten Vorbereitungsrennen, der Tour de Suisse, wurde er Zweiter und wirkt noch etwas drahtiger als im Vorjahr. Dennoch ist der siebenfache Toursieger nicht der Topfavorit, wie der Vorjahreszweite Andy Schleck aus Luxemburg zusammenfasst: "Contador ist der Mann, den es zu schlagen gilt. Armstrong wird sicherlich auch sehr stark sein, und dann sind da noch weitere Favoriten wie Basso, der gerade den Giro gewonnen hat und Cadel Evans." Und er selbst? "Ich denke, dass ich auf jeden Fall für den Sieg infrage komme." Da stimmt ihm die Fachwelt zu. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder Fränk hat das dänische Team Saxo Bank eine starke Doppelspitze, die sowohl Contador als auch Armstrong in den Bergen gefährlich werden könnte.

Die Brüder Schleck: Fränk (r.) und Andy (Foto: AP)

Die Brüder Schleck: Fränk (r.) und Andy

Über das mit Überweisungsbelegen nachgewiesene Geschäftsverhältnis zwischen Fränk Schleck und dem Doping-Arzt Eufemiano Fuentes spricht im Tour-Tross allerdings niemand mehr – eher schon über die offen vorgetragenen Wechselabsichten des Bürderpaars. Ebenfalls mit Zweifeln belastet geht Alexander Winokurow ins Rennen, der nach Fremdblutdoping eine Sperre absaß und schon wieder zu alter Stärke zurück gefunden hat. Er soll jedoch lediglich Helferdienste leisten für seinen Kapitän Alberto Contador.

Ciolek und Gerdemann sollen es für Milram richten

Im einzigen deutschen Team Milram gilt das Prinzip Hoffnung: Hoffnung auf endlich gute Beine bei Sprinter Gerald Ciolek, Hoffnung auf einen neuen Sponsor und Hoffnung auf einen wiedererstarkten Kapitän Linus Gerdemann: "Ich bin in einer guten Verfassung, die Mannschaft ist motiviert, und ich denke, dass ich meine eigenen Ambitionen so umsetzen kann, wie ich es vorhabe."

Radprofi Linus Gerdemann (Foto: dpa)

Hoffnungsträger: Gerdemann

Noch größere Chancen geben die Experten allerdings dem Columbia-Talent Tony Martin. Auch wenn sein Teamchef Rolf Aldag vor zu hohen Erwartungen an den 25-Jährigen warnt, Martin ist während dieser drei Wochen viel zuzutrauen – sowohl im Zeitfahren, als auch in den Bergen. Apropos Berge: An die hat Tour-Veteran Jens Voigt eher schlechte Erinnerungen. Im Vorjahr stürzte der Berliner auf einer Abfahrt in den Alpen schwer und musste aufgeben. Bei seiner Abschieds-Tour soll sich das natürlich nicht wiederholen: "Ich würde das Kapitel Tour de France gerne auf den Champs Élysées beenden und nicht irgendwo in einem Krankenhaus in den Alpen", sagt Jens Voigt mit dem für ihn typischen Augenzwinkern.

Entscheidung in den Pyrenäen?

Blick vom Col du Tourmalet (Foto: dpa)

100. Geburtstag: Zum Jubiläum wird der Col du Tourmalet in den Pyrenäen zweimal überquert

Entschieden könnte die diesjährige Tour in den Pyrenäen werden, wo es zum 100-jährigen Jubiläum der Pyrenäen-Überquerungen gleich zweimal auf den 2115 Meter hohen Col du Tourmalet geht. Die Entscheidung könnte aber auch wieder im Labor fallen, wo diesmal gleich drei Akteure für Doping-Kontrollen zuständig sind: Der Radsportverband nimmt die Kontrollen, die Welt-Anti-Doping-Agentur kontrolliert die Kontrolleure und die im Vorjahr ausgeladene französische Anti-Doping-Agentur darf auch wieder mitmachen, erklärt ihr Chef Pierre Bordry: "Wenn wir der Meinung sind, ein bestimmter Radprofi sollte unbedingt kontrolliert werden, sagen wir der WADA Bescheid. Die Kontrolle wird dann durchgeführt, so ist es vorgesehen."

540 Mal soll kontrolliert werden während der Tour. 540 Mal muss die alte Dame Tour de France wohl zittern, ob sie diesmal mit weißer Weste in Paris ankommt.

Autor: Joscha Weber

Redaktion: Jens Krepela

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