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Europa

Die "Al-Capone-Farm"

Viele italienische Gefängnisse sind hoffnungslos überbelegt. Im Hochsicherheitsgefängnis Ópera in Mailand dagegen ist sogar Platz für eine Farm, auf der die Insassen als Therapie Gemüse anbauen und Wachteln züchten.

Eine Wachtel mit Küken und Eiern (Foto: picture-alliance/dpa)

Wachtelpflege als Therapie, Wachteleier als Geschäft

Um neun Uhr morgens jäten Männer in Gummistiefeln im Gefängnis Ópera bei Mailand ein Gemüsebeet vor Zellen-Block 41. Ivan, ein Kraftpaket mit tätowierten Armen und wasserblauen Augen, hat einen Raubüberfall begangen und dafür vier Jahre bekommen. Er hält inne als ein Polizeiwagen vorfährt. Aus dem Wagen klettert eine kleine, energische Frau, eskortiert von zwei Gefängniswärtern. Es ist Emilia Patruno, Ärztin und ehrenamtliche Projektleiterin im Hochsicherheitsgefängnis Ópera . "Artikel 27 unserer Verfassung besagt, dass eine Gefängnisstrafe nicht dem humanitären Empfinden widersprechen darf. Jemanden einsperren und ihn sich selbst überlassen, verstößt zweifellos gegen dieses Prinzip", erklärt sie. Darum arbeiten die Männer auf der "Al-Capone-Farm" im Gemüsebeet.

Gemüse ernten und Wachteln füttern

Im Gegenlicht sieht man Zellen, Gitter und zwei Menschen

Gefangene sollen nicht sich selbst überlassen werden

Ivan führt die Projektleiterin in das neu eingerichtete Treibhaus. Links wachsen Fenchel, rechts Chilipflanzen, weiter hinten Salat, Kohl und Radieschen. Männer mit grünen Gärtnerschürzen zupfen verwelkte Blätter von den Stängeln und kontrollieren die Wasserzufuhr. Der 44-jährige Nicola zeigt stolz auf eine Reihe Setzlinge. "Das ist kein Zeitvertreib, das ist echte Arbeit und wir sind mit dem Herzen dabei. Mit der Zeit sind wir ein gut eingespieltes Team geworden", erzählt er. Durch die gemeinsame Arbeit lerne man viel übereinander.

Nach dem Treibhaus geht es weiter in den Stall. Die Inhaftierten haben den weißen, niedrigen Verschlag mit Käfigen selbst gebaut: 800 Wachteln piepsen hier um die Wette. "Hier haben sie ihr Futter, hier trinken sie", erklärt Ivan und nimmt eine braun gefiederte Wachtel vorsichtig in die Hand. Die kleinen Vögel seien stärker, als man denke, sagt er und streicht dem erschrockenen Tier beruhigend über das Köpfchen. Vorher hatte der stämmige Mann nie mit Tieren zu tun, jetzt putzt er jeden Morgen mit zwei anderen die Vogelkäfige. Emilia Patruno blickt den Männern anerkennend ins Gesicht. "Es ist sehr bewegend, zu erleben, dass man die Menschen ändern kann und dass die Projekte, die ich mir ausdenke und die ich realisiere, etwas bringen", sagt die Ärztin, die sich seit Jahren ehrenamtlich engagiert.

Ein Verdienst nebenbei

In einem Suppenteller ist grüne Suppe mit Wachteleiern (Foto: AP)

Über die Wachteleier freuen sich die Mailänder Restaurantbesitzer

Auf die Idee mit der Wachtelzucht kam sie beim Lesen eines Zeitungsartikels über Tier gestützte Therapie für autistische oder sehr aggressive Kinder. Für Pferde oder Hunde bekam sie keine Erlaubnis, aber auch die Wachteln wecken in ihren inhaftierten Pflegern fürsorgliche Gefühle.

"Wir pflegen und verarzten sie, wenn sie sich gegenseitig verletzen", erzählt der 53-jährige Dragomir Petrovic. Aufgeregt läuft er um die Käfige herum, schüttet Futter nach und beobachtet aus den Augenwinkeln Emilia Petruno und den Gefängnisdirektor Giacinto Siciliano, der gekommen ist, um sich die "Al-Cappone-Farm" persönlich anzusehen. Der Direktor hat das Projekt der Wachtelzucht erst genehmigt, als seine Finanzierung stand. Für die Zucht haben sich mehrere Mailänder Restaurantbesitzer eingesetzt - sie kaufen hier die begehrten schwarz gesprenkelten Eier, eine echte Delikatesse. So ist das Projekt nicht nur Therapie, sondern auch Geschäft.



Autorin: Kirstin Hausen
Redaktion: Julia Kuckelkorn

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