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Afrika

Die afrikanische Volkskrankheit Diabetes

Die "Wohlstandskrankheit" Zucker ist in Afrika auf dem Vormarsch. In 20 Jahren, so schätzt die Internationale Diabetes-Stiftung, werden rund 24 Millionen Afrikaner an Diabetes erkrankt sein.

Afrikaner stehen Schlange stehen für einen Diabetes-Test (Foto: DW/Dagmar Wittek)

Schlange stehen für einen Diabetes-Test

In Afrika breiten sich Fettsucht, Übergewicht und Diabetes rasant aus. Zucker ist zur neuen Volkskrankheit avanciert. Die Weltgesundheitsorganisation sagt, dass bis 2030 Zweidrittel aller Diabetesfälle in Entwicklungsländern auftreten werden. Und die Internationale Diabetes-Stiftung schätzt, dass sich die Zahl der Diabetesfälle in Subsahara Afrika bis dahin verdoppelt haben wird. Wenn Behandlung und Prävention von Diabetes nicht massiv aufgestockt werden, so die Stiftung, werden in 20 Jahren weit über 20 Millionen Afrikaner Zucker haben – die meisten davon im Schwellenland Südafrika. Dort machen Diabetesstiftungen und Gesundheitsministerium mobil.

Früherkennung

Schwester Razana Allie (Foto: DW/Dagmar Wittek)

Schwester Razana Allie

Beim Informationstag zu Diabetes im Dorf Modderspruit, eineinhalb Stunden nordöstlich von Johannesburg, appelliert Schwester Razana Allie an die zahlreich in der Gemeinschaftshalle Zusammengekommenen, sich auf Zucker testen zu lassen, wenn man die folgenden Symptome bemerke: ein trockener Mund und das ständige Bedürfnis, etwas zu trinken.

Durch eine nicht behandelte Diabetes, mahnt die Mitarbeiterin von Diabetes South Africa, könne man blind werden oder ein Bein verlieren. Zudem warnt Schwester Razana Allie eindringlich, dass Menschen, die Diabetes haben, häufig sehr viel essen und dennoch immer dünner werden. Sie sagt: "Es ist nicht immer Aids, es könnte auch Diabetes sein."

Unerkannte Diabetes

Viele Menschen bei der Diabetes-Info-Veranstaltung in Modderspruit (Foto: DW/Dagmar Wittek)

Mit Info-Veranstaltungen wie hier in Modderspruit Aufklärung betreiben

Nach Schwester Razana Allies Vortrag lassen sich Hunderte draußen unter freiem Himmel testen. Eine junge Frau gibt zu, dass sie fast nichts über Diabetes weiß. "Ich habe einen Aids- und einen TB-Test machen lassen, ich weiß alles mögliche über Krebs, aber über Diabetes weiß ich nichts – über Aids dafür alles."

Ein winziger Tropfen Blut aus der Fingerkuppe genügt, und Sekunden später ist das Ergebnis da. Bei ihr ist der Zuckerwert unter 7 und damit in Ordnung, bei den meisten anderen jedoch nicht.

Anstieg an Diabetespatienten

Südafrika verzeichnet einen explosionsartigen Anstieg an Zuckererkrankungen. Weltweit wird alle 20 Sekunden eine Zuckererkrankung diagnostiziert, die meisten davon in Entwicklungsländern. "Aber hier in Afrika geht es immer nur um HIV/Aids, wenn es um Mittel für Projektfinanzierungen geht", klagt Allie. Dabei, so die Diabetes-Expertin, würden mehr Menschen an den Folgen einer Zuckererkrankung sterben als an Aids. Nur wolle das bislang keiner wahrnehmen.

Verschärftes Risiko

Messgerät für Blutzucker (Foto: DW/Dagmar Wittek)

Ein schneller Check mit dem Messgerät verrät zu hohe Zuckerwerte

Im Schnitt wird in Afrika eine Zuckerdiagnose erst sieben Jahre nach Auftreten der ersten Symptome und Komplikationen gestellt. Die Sterblichkeitsrate für Diabetiker ist in Afrika zehnmal höher als in England. Die Hauptgründe: mangelndes Bewusstsein und damit eine späte Diagnose, aber auch zu wenige Kliniken in erreichbarer Nähe und Geldmangel. Die 64-jährige Diabetes-Patientin Naomi Bopane sagt, einen Monat im Jahr müsse sie die Behandlung ihrer Diabetes aussetzen, da die Klinik häufig nicht genug Medikamente auf Lager habe.

Selbst könne sie die Medikamente nicht kaufen, erzählt Bopane: "Ich bekomme monatlich 80 Euro Pension, damit müssen meine Tochter und ich zusammen auskommen." Ihre Tochter ist arbeitslos, für die im Monat rund 60 bis 100 Euro teure Diabetes-Behandlung reicht das Geld einfach nicht.

Versorgungsengpässe

Schwester Razana sagt, dass die Medikamente eigentlich kostenlos über das staatliche Gesundheitssystem ausgegeben werden, dass aber wegen Geldmangel oder Fehlplanung häufig nicht alles für die Behandlung Notwendige auf Lager ist. Häufig fehlten Insulin oder Spritzen. Die Patienten hätten dann vielleicht genug Insulin, aber nur fünf Spritzen für den ganzen Monat.

Da die Spritzen rasch stumpf sind und eigentlich nach einmaliger Verwendung weggeschmissen werden sollen, spritzen die Patienten nicht mehr regelmäßig. Das wiederum führt meist zu Komplikationen. Allie fragt: "Wie sollen sie Spritzen, Teststreifen oder Medikamente selbt kaufen? Die meisten haben nicht einmal genug Geld, um Essen zu kaufen."

Wohlstandskrankheit

Die meisten Diabetes-Patienten Afrikas leben in Südafrika. Nach Angaben von Diabetes South Africa verzeichnet das Land am Kap bereits rund fünf Millionen Zuckerkranke, und die Tendenz ist steigend. Allie sagt: "Schuld ist unser Lebensstil. Wir machen keinen Sport, wir sind gestresst, wir bauen nicht mehr unser eigenes frisches Gemüse an, wir essen zu fett – es ist doch viel einfacher, zum 'Drive through' zu fahren."

Ein dicker Mann beim Einkaufen (Foto: Bilderbox)

Noch gelten dicke Menschen in Südafrika als gesund

Drei bis vier Löffel Zucker im Tee sind in Südafrikas Schwarzensiedlungen - den Townships - üblich; ebenso wie Kinder, die Cola und Sprite trinken und dazu noch Chips futtern. Mehr und mehr Menschen haben Autos, weite Strecken geht kaum noch einer zu Fuß. Am Abend faul im Sessel vor dem Fernseher zu hängen, ist sowohl in der Wellblechhütte als auch in der schicken Johannesburger Stadtwohnung ein allabendliches Ritual.

Jeder dritte Mann in Südafrika und mehr als die Hälfte aller Frauen sind zu fett. Aber: Wer dick ist, gilt als gesund. Denn Aidskranke sind dünn. Und wer dick ist, kann sich offenbar Essen leisten, gilt also nicht als arm. Ungesundes Leben und wenig nahrhafte Lebensmittel verursachen kombiniert mit einer genetischen Veranlagung die Zuckererkrankung. Razana Allie mahnt, in Afrika sei noch sehr viel Aufklärungsarbeit zu leisten.

Gesunder Lebensstil

Nahrhafteres und gesünderes Essen sind entscheidend, um mit Diabetes zu leben. "Wir schlagen unseren Patienten vor, wieder wie früher einen Gemüsegarten anzulegen und eben nur einmal im Monat 'Take aways' zu holen", sagt Allie. Sport und Bewegung seien sehr hilfreich für ein gesundes Leben, rät Schwester Razana ihren Patienten.

Die 64-jährige Naomi Bopane hat sich das zu Herzen genommen, seitdem geht es ihr viel besser. Sie nehme nicht mehr so viel Zucker zu sich und habe ihre Kochgewohnheiten umgestellt: mehr Rohkost, schnell gedünstetes Gemüse, brauner Maisbrei-Pap, den sie kalt isst, damit er langsamer verdaut wird, und wenig Öl - das seien die wesentlichen Veränderungen, die sie vorgenommen habe. Und: "Ich mache jetzt ganz viel Sport. Jeden Tag. Und ich habe angefangen, Fußball zu spielen. Das hilft mir eine Menge. Meine Diabetes habe ich im Griff."

Autorin: Dagmar Wittek
Redaktion: Dirk Bathe