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Asien

Die "Afghanistan-Depression"

Rückzugstendenzen machen sich breit in der Beziehung zwischen Afghanistan und dem Westen. So jedenfalls beurteilt der Afghanistan-Kenner und Politologe Vali Nasr die bizzare Situation.

Kommandeur einer US-Einheit spricht mit afghanischen Stammesoberhäuptern (Fotot: AP)

Lieber heute als morgen: Der Westen möchte so schnell wie möglich aus Afghanistan abziehen

"Die Wahrnehmung in Afghanistan ist, dass der Westen sich entschieden hat, dass er in dem Konflikt nun seine Hände in Unschuld wäscht und sich nicht verpflichtet fühlt, die Taliban militärisch zu besiegen."

Vali Nasr, Nahost und Afghanistan Experte, in einem TV-Interview. (Foto: AP)

Vali Nasr glaubt an eine "Afghanistan-Depression" des Westens

Vali Nasr ist ein ebenso scharfäugiger wie scharfzüngiger politischer Beobachter. Rückzugstendenzen hat er ausgemacht in der Beziehung Afghanistans und des Westens. Der Professor für Internationale Politik an der Bostoner Tufts University und Berater des ehemaligen UN-Sondergesandten für Pakistan und Afghanistan, Richard Holbrooke, war als Referent auf Einladung der Zeit-Stiftung in Hamburg und macht aus seiner derzeit pessimistischen Einschätzung der Situation keinen Hehl.

Rückzugstendenzen

Die Tötung Osama bin Ladens als möglicher Schlusspunkt der, wie er es bezeichnet, 11. September-Politik, Finanzkrise, arabischer Frühling - der Westen scheine sich lieber heute als morgen von Afghanistan abzuwenden, glaubt Nasr. Und die Afghanen? Die fühlten sich allein gelassen. Vor allem mit der Gewalt der Taliban. Zwar betonte die deutsche Bundeswehr in diesem Sommer immer wieder, dass die Schlagkraft der Taliban nachgelassen habe, die Zahl der Anschläge zurückgegangen sei. Damit unterschätzten sie aber deren psychologische Dimension, entgegnet Nasr.

Er führt als Beleg den Mordanschlag auf den Bruder von Präsident Karzai, Ahmed Wali Karzai, ins Feld: "Das war auf der mentalen Ebene ein Volltreffer. Es kann ja durchaus sein, dass es ein außergewöhnlicher Unfall war. Aber die Afghanen gehen gewöhnlich vom Schlimmsten aus. Nämlich dass es ein gezielter Anschlag der Taliban war. Und das untergräbt ihr Vertrauen, es ohne die militärische Präsenz des Westens zu schaffen."

"Enthauptung" des politischen Systems

Afghanische Sicherheitskräfte sperren am 19. August 2011 ein Gebiet ab, nachdem des zu einem Anschlag auf ein UN-Lager gekommen ist(Foto: EPA)

Auf der Tagesordnung: Anschläge in Kabul und ganz Afghanistan

Die mittlerweile lange Liste von Anschlägen auf hohe afghanische Regierungs- und Sicherheitsverantwortliche sei auf vielen Ebenen verheerend, folgert der 50-jährige politische Analyst: "Diese gezielten Tötungen sind 'Enthauptungs-Kampagnen' des gesamten politischen Systems. Und sie untergraben den Truppenabzug."

Dessen Logik war bekanntlich immer die eines Staffellaufs: Der Westen übergibt dabei gewissermaßen den Stab der Verantwortung an die Afghanen. Eben diese Vorstellung sei in den letzten Wochen erheblich ins Wanken geraten. "Wenn man afghanische Politiker reihenweise umbringt, wirft das die Frage auf, ob da überhaupt noch jemand bleibt, der für den Westen nachrückt", folgert Nasr trocken.

Die Säulen der Verantwortung tragen nicht

Die Lösung des Dilemmas ist bekannt: Afghanistan braucht eine starke Regierung. Und ein funktionierendes Militär. Ironischerweise funktioniere in einem Land, das kaum je eine Zentralregierung und nie eine Armee hatte, weder das eine noch das andere, sagt Nasr. Schon gar nicht mit der zeitlichen Limitierung mit dem Jahr 2014, die sich Politik und Militärs gesetzt hätten.

Die Schwarzmalerei des Politik-Kenners könnte aber auch strategische Gründe haben. Möglicherweise möchte er politisch Verantwortliche wachzurütteln vor der Bonner Afghanistan-Konferenz. Denn Nasrs Fazit lautet, dass der Westen sich nicht aus der Verantwortung stehlen und das Land sich selbst überlassen könne. Dafür sei die Lange zu explosiv. "Wenn das nicht ordentlich aufbereitet wird, wird das Konsequenzen haben."

Autorin: Ute Hempelmann
Redaktion: Ratbil Shamel

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