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Asien

Die afghanische Realität

Die Wiederwahl des afghanischen Präsidenten Karsai im August scheint sicher. In den abgelegenen Provinzen sieht man die Regierung des vom Westen unterstützten Politikers allerdings kritisch.

Der afghanische Präsident Hamid Karsai spricht (Foto: AP)

Alles andere als unumstritten: Hamid Karsai

Zur Wahl am 20.08.2009 treten 41 Bewerber an. Amtsinhaber Hamid Karsai gilt trotz verschlechterter Sicherheitslage, Korruption und zunehmender Gewalt als aussichtsreicher Kandidat. In den abgelegenen Provinzen Afghanistans, die weder von Hilfsleistungen der Regierung oder der Geberländer profitieren, noch unter dem Schutz von NATO oder US-Truppen stehen, sieht man Karsais Regierungszeit kritisch.

Ein Wähler bekommt bei der Wahl 2004 den Finger geschwärzt (Foto: AP)

Wählerkennung per Filzstift

Jandan Spinghar ist Geschäftsführer von Afghanistans einziger unabhängiger Wahlbeobachter-Organisation FEFA. 800 Soldaten und 100 Polizisten sind hier im Norden Afghanistans im Einsatz, unter ihnen auch Bundeswehr-Soldaten. Sie sollen die Bevölkerung vor Anschlägen während der Wahlen schützen. Spinghar meint, man habe bereits vor einem Jahr damit anfangen sollen, die Truppen im Land zu verstärken. Jetzt sei es schwer, Vertrauen zu schaffen - schließlich drohen die Aufständischen allen, die an der Wahl teilnehmen. "Wer wählen geht, hat blaue Tinte am Finger, eine Kennzeichnung gegen Wahlbetrug - und ist so zwei bis drei Wochen erkennbar. Also werden im Süden vermutlich nicht viele Menschen an der Wahl teilnehmen", sagt er.

Der Wahlbeobachter geht noch weiter: Er ist überzeugt davon, dass es in den vergangenen sieben Jahren keine grundlegenden Versuche gegeben habe, eine intakte Zivilgesellschaft in Afghanistan aufzubauen. "Es gab gutes Zureden, ja, aber keine nachhaltigen Anstrengungen. Wie kommt es, dass es bei der zweiten Wahl in fünf Jahren keine andere Wahlbeobachter-Organisation gibt außer uns?"

"Soll ich mich etwa von Erde und Staub ernähren?"

Frauen sitzen unter einem Karsai-Plakat vor der Wahl 2004 (Foto: AP)

Gut für sein Volk?

Zwei Tagesfahrten mit dem Jeep von Kabul in der Provinz Daikundi: Kinder lernen hier unter freiem Himmel - keiner schützt ihre Schule. Daikundi grenzt zwar im Süden an die umkämpfte Provinz Helmand, liegt aber im Norden, wo es keine Taliban gibt, kein NATO- oder US-Militär und keinen einzigen afghanischen Soldaten. Ein Stammesältester beklagt, dass die Regierung zu wenig für die Provinz tut. Ausgerechnet da, wo es so friedlich sei, meint er. "Helmand hat viele Warlords, Terroristen und Schlafmohn, und ausgerechnet dorthin fließt das meiste Geld für den Aufbau. Warum aber vergisst man uns in Daikundi, die wir kein Schlafmohn kultivieren und uns korrekt verhalten?" Unverständnis auch bei einem alten Bauern, der mit einer Krücke auf einem Esel reitet. "Ich gehe nicht wählen. Die Regierung tut doch nichts für uns. Ich bin Bauer. Soll ich mich etwa von Erde und Staub ernähren?"

Die Armut in Daikundi ist mancherorts so groß, dass Väter ihre Töchter verkaufen. Sumaya wurde selbst mit 15 Jahren gegen ihren Willen verheiratet, jetzt sitzt sie im Gemeinderat von Bandar. Als Muslimin berufe sie sich auf den Propheten Mohammed und den Koran. Rechte von Männern und Frauen seien die gleichen. Entsprechend versuche sie ihre Rechte einzufordern. "Nirgendwo sollten Frauen gegen Kühe, Ziegen, Schafe oder sonst welche Tiere eingetauscht oder verkauft werden." Die vom Westen jahrelang gestützte Regierung Karsai sei dabei keine Hilfe, meint sie. Unter Karsai sei die Korruption enorm gewachsen, die Regierung vergebe Posten an diejenigen, die Beziehungen hätten. Sollte er wiedergewählt werden, erwarte sie nichts Gutes.

Verschleierte Frau vor Wahlplakaten (Foto: AP)

Eine Frau wartet auf den Bus in Jalalabad

Im Kampf gegen Warlords

Daikundi befindet sich nicht im Griff der Taliban, sondern langjähriger Milizenchefs und sogenannter Kommandanten, die immer noch nicht entwaffnet sind, die morden, einschüchtern und Privatgefängnisse unterhalten. Reza Rezai ist Polizei-Chef von Bandar. Er sagt, wie schwer es sei, die sogenannten "Warlords" in der Gegend zu bekämpfen, zumal sie von den Machthabern in Kabul gestützt würden. "Ich versuche durchzugreifen, wo es geht. Ich bin seit zwei Monaten hier. Ich leite Untersuchungen, aber es fehlt an allem. Es gibt nicht einmal eine stabile Telefonverbindung nach Kabul."

Autor: Martin Gerner

Redaktion:Sabrina Scholz

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