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Deutschland

Die Affäre Wulff - Stationen eines Abgangs

Christian Wulff stand wegen diverser Vorwürfe seit Mitte Dezember in der Kritik. Nachdem die Justiz die Aufhebung seiner Immunität beantragt hatte, zog er am 17. Februar Konsequenzen. Eine Chronologie der Causa Wulff.

Christian Wulff im Schattenriss (Foto:dapd)

Neue Enthüllungen bringen Bundespräsident Wulff immer mehr in Bedrängnis

25. Oktober 2008:
Der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff bekommt von der Unternehmergattin Edith Geerkens aus Osnabrück einen Privatkredit über 500.000 Euro zum Kauf eines Hauses in Burgwedel bei Hannover zu einem Zinssatz von vier Prozent. Sicherheiten sind nicht erforderlich. Wulff will sich nach der Scheidung von seiner ersten Frau Christiane ein neues Leben mit seiner zweiten Frau Bettina aufbauen.

März 2009:

Christian Wulff, der damalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, Ferdinand Piech (li.) im April 2009 (Foto:ap)

Christian Wulff, der damalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, Ferdinand Piech (li.) im April 2009

Der VW-Konzern steigt bei Porsche ein und rettet die Nobelmarke so vor einer drohenden Insolvenz. Im Präsidium des Aufsichtsrats sitzt der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff von Amts wegen. Nach Informationen des "Spiegel" entwickelte er mit dem VW-Patriarchen Ferdinand Piech eine "Grundlagenvereinbarung" für den Einstieg bei Porsche. Damit können die Baden-Württembergische Bank (BW-Bank) und die Landesbank Baden-Württemberg aufatmen – beide Banken sind Geldgeber von Porsche.

Herbst 2009:
Der langjährige Freund und Osnabrücker Unternehmer Egon Geerkens kontaktiert einen BW-Bank-Kundenberater und leitet nach Informationen der Bank damit ein Gespräch mit Christian Wulff ein. Dieser habe sich dann telefonisch auf Empfehlung von Egon Geerkens auch gemeldet.

Dezember 2009:
Nach eigenen Angaben nimmt Christian Wulff auf Anregung von Egon Geerkens erst im Dezember 2009 Kontakt zur BW-Bank auf, um über ein Darlehen zu verhandeln, mit dem er den Privatkredit bei Edith Geerkens ablösen kann.

18. Februar 2010:
Im niedersächsischen Landtag beantwortet Ministerpräsident Christian Wulff eine Anfrage über seine geschäftlichen Beziehungen zum Unternehmer Egon Geerkens. Im Sinne der Anfrage verneint er geschäftliche Beziehungen zum ihm und verschweigt auch den Privatkredit von dessen Frau Edith.

21. März 2010:
Christian Wulff unterschreibt nach eigenen Angaben einen Kreditvertrag mit ungewöhnlich günstigen Konditionen. Die BW-Bank gewährt ein "kurzfristiges und rollierendes Geldmarktdarlehen" mit niedrigen Zinsen. Angeblich lagen die Zinsen mit 0,9 bis 2,1 Prozent rund 50 Prozent unter denen einer "normalen" Immobilienfinanzierung.

Christian Wulff nach seiner Wahl zum 10. Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland in der Bundesversammlung (Foto:ap)

Christian Wulff nach seiner Wahl zum 10. Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland in der Bundesversammlung

30. Juni 2010:
Nach dem überraschenden Rücktritt von Horst Köhler wird Christian Wulff im dritten Wahlgang von der Bundesversammlung zum 10. Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt.

Herbst 2010 – Herbst 2011:
Mehrere Medien recherchieren zu Wulffs Privatkredit.

25. November 2011:
Nach Angaben seines Anwaltes wird die neue Kreditvereinbarung mit der BW-Bank an diesem Tag "fixiert". Diese Information wird später von der Bank bestätigt.

12. Dezember 2011:

Bundespräsident Christian Wulff besucht Katar. Vor Journalisten spricht er über Pressefreiheit (Foto:dpa)

Bundespräsident Christian Wulff besucht Katar. Vor Journalisten spricht er über Pressefreiheit.

Bundespräsident Christian Wulff befindet sich anlässlich einer Reise in die Golfregion in Katar. Er hat Informationen bekommen, die "Bild"-Zeitung plane eine Geschichte über seine Hausfinanzierung zu veröffentlichen. Er versucht den Chefredakteur Kai Diekmann anzurufen, erreicht aber nur dessen Mailbox, auf der er Beschimpfungen und Drohungen hinterlässt. Der "Rubikon" sei überschritten, von "endgültigem Bruch" und einem "Krieg" soll die Rede gewesen sein – für den Fall, dass "diese unglaubliche Geschichte" veröffentlicht werde. Er droht den Autoren des Berichts auch mit strafrechtlichen Konsequenzen.

13. Dezember 2011:
Die "Bild"-Zeitung veröffentlicht die Geschichte über die Finanzierung des Einfamilienhauses in Burgwedel bei Hannover.

15. Dezember 2011:
In einer schriftlichen Erklärung teilt das Bundespräsidialamt mit, Christian Wulff habe das zinsgünstige Geldmarktdarlehen der BW-Bank in ein langfristiges Bankdarlehen umgewandelt. Gleichzeitig bedauert er, am 18. Februar 2010 bei der Anhörung vor dem niedersächsischen Landtag den Privatkredit bei Frau Geerkens nicht offen gelegt zu haben.

19. Dezember 2011:

Christian Wulff und der Unternehmer Carsten Maschmeyer (re.) (Foto:dapd)

Man kennt sich: Christian Wulff und der Unternehmer Carsten Maschmeyer (re.)

Die "Bild"-Zeitung berichtet, dass der niedersächsische Unternehmer Carsten Maschmeyer ("AWD – der Finanzoptimierer") während des Landtagswahlkampfs Ende 2007 Zeitungsanzeigen für Wulffs Buch "Besser die Wahrheit" bezahlt hat.

21. Dezember 2011:
Erst jetzt unterschreibt der Bundespräsident den neuen Kreditvertrag, lässt ihn aber noch einige Tagen liegen. Der Vertrag kommt am 27. Dezember 2011 bei der Bank an. Die Konditionen waren schon am 25. November 2011 ausgehandelt worden. Die Laufzeit des Darlehens beginnt am 16. Januar 2012.

22. Dezember 2011:
Zum ersten Mal äußert sich der Bundespräsident selbst. In einer persönlichen Stellungnahme entschuldigt sich Christian Wulff, weist allerdings darauf hin, dass er alle Auskünfte erteilt habe. Ferner sei er durch die Offenlegung der Verträge seiner Aufklärungspflicht nachgekommen.

31. Dezember 2011:
Der "Spiegel" veröffentlicht eine Geschichte über den Einstieg von VW bei Porsche im März 2009. Bundespräsident Christian Wulff dementiert umgehend eine "Interessenkollision" und verweist darauf, dass er der Verschwiegenheit über derartige Vorgänge unterliege.

2. Januar 2012:
Medien schreiben über die Telefonanrufe Wulffs bei "Bild"-Chefredakteur, Kai Diekmann und Springer-Konzernchef Mathias Döpfner sowie bei der Mehrheitsaktionärin Friede Springer. Politische Weggefährten schweigen zu den neuerlichen Vorwürfen.

3. Januar 2012:
"Welt" und "Spiegel" berichten, dass Christian Wulff bereits im Sommer 2011 einen Autoren der "Welt am Sonntag" ins Berliner Schloss Bellevue "einbestellt" habe. Der Bundespräsident habe "an höchsten Verlagsstellen" und dem Journalisten gegenüber mit unangenehmen und öffentlichkeitswirksamen Konsequenzen für den Fall gedroht, dass ein Artikel über seine Halbschwester veröffentlicht werden würde.

4. Januar 2012:
Wulff gibt den deutschen öffentlich-rechtlichen TV-Sendern ARD und ZDF ein Interview, in dem er Fehler einräumt, einen Rücktritt aber ablehnt. Gleichzeitig kündigt er aber an, in Kürze zu 400 Journalistenfragen schriftlich Stellung zu beziehen.

6. Januar 2012:
Die BW-Bank widerspricht einer Aussage von Wulff. Der Darlehensvertrag für sein Privathaus sei nicht bereits im November per Handschlag geschlossen worden, sondern erst am 27. Dezember unterschrieben bei der Bank eingegangen.

10. Januar 2012:

Bundespräsident Christian Wulff nach seiner öffentlichen Stellungnahme am 22. Dezember 2011 (Foto:dapd)

Bundespräsident Christian Wulff nach seiner öffentlichen Stellungnahme am 22. Dezember 2011

Wulff will mit dem Neujahrsempfang des Diplomatischen Korps zur Tagesordnung zurückkehren. Sein Anwalt gibt bekannt, dass die Antworten auf die 400 Journalistenfragen doch nicht veröffentlicht werden sollen, anders als im Interview mit ARD und ZDF angekündigt. Er beruft sich auf die Verschwiegenheitspflicht von Anwälten.

12. Januar 2012:
Transparency International und der Deutsche Journalistenverband boykottieren den Neujahrsempfang des Bundespräsidenten.

13. Januar 2012:
Wulff stimmt der Veröffentlichung der Journalistenfragen zu.

18. Januar 2012:
Wulffs Anwälte stellen die Fragen der Journalisten und die Antworten der Anwälte ins Internet. Vielfach kritisiert wird jedoch, dass viele der Fragen nur kurz und oberflächlich beantwortet worden seien.

19. Januar 2012:
Die Staatsanwaltschaft Hannover durchsucht die Privat- und Geschäftsräume von Wulffs Ex-Sprecher, Olaf Glaeseker. Ihm wird Bestechlichkeit vorgeworfen.

29. Januar 2012:
Razzia im Bundespräsidialamt: Ein Staatsanwalt und Beamte des LKA Niedersachsen suchen im ehemaligen Büro von Glaeseker nach Beweisen für den Korruptionsverdacht. Unterlagen und Computerdaten werden beschlagnahmt.

17. Februar 2012: Christian Wulff hat seinen Rücktritt bekannt gegeben (Foto:dpa)

17. Februar 2012: Christian Wulff hat seinen Rücktritt bekannt gegeben

8. Februar 2012:
Der Filmunternehmer David Groenewold soll für Christian Wulff einen Kurzurlaub auf der Insel Sylt bezahlt haben, berichtet die "Bild“-Zeitung. Wulff habe den Betrag später in bar beglichen, sagt dessen Anwalt Gernot Lehr.

16. Februar 2012:
Die Staatsanwaltschaft Hannover beantragt die Aufhebung der Immunität von Bundespräsident Wulff.

17. Februar 2012:
Christian Wulff gibt seinen Rücktritt bekannt.

Autor: Matthias von Hellfeld, Iveta Ondruskova
Redaktion: Arne Lichtenberg