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Deutschland

Die "24-Stunden-Polinnen"

In Deutschland lassen viele Familien ihre alten oder schwerkranken Angehörigen von Pflegekräften aus Osteuropa betreuen. Die Frauen arbeiten rund um die Uhr und mehr oder weniger am Rande der Legalität.

Zehntausende Haushalte in Deutschland beschäftigen Frauen aus Osteuropa, um ihre alten oder kranken Angehörigen zuhause betreuen zu lassen. Die Helferinnen leben und wohnen in den Haushalten der Pflegebedürftigen und stellen so eine Betreuung rund um die Uhr sicher. Die meisten kommen aus Polen, andere aus Rumänien, Bulgarien, Kroatien, der Ukraine und weiteren osteuropäischen Ländern. Umgangssprachlich werden diese Pflegekräfte oft "24-Stunden-Polinnen" oder "Polnische Perlen" genannt, als Fachbegriff hat sich "Care-Migrantinnen" durchgesetzt.

Wie viele ausländische 24-Stunden-Pflegekräfte in Deutschland arbeiten, ist unbekannt. Das Problem: Oft sind diese Arbeitsverhältnisse illegal oder bewegen sich zumindest in einer rechtlichen Grauzone. Vorsichtige Schätzungen gehen von 100.000 bis 150.000 "Care-Migrantinnen" aus Osteuropa aus. Auf der Berliner Tagung zum Pflegenotstand in Deutschland wurden jedoch auch Zahlen von bis zu 500.000 genannt, berichtet die Soziologin Agniezka Satola. Die aus Krakau stammende Wissenschaftlerin promovierte an der Goethe-Universität in Frankfurt über die Situation polnischer Frauen, die in deutschen Haushalten irregulär beschäftigt sind.

Bezahlbare 24-Stunden-Betreuung

Dafür führte sie biographische Interviews mit mehr als 50 Frauen, die ihre Arbeitsverhältnisse in Deutschland selbst organisiert hatten. "Diese Frauen arbeiten in einem Rotationssystem, in dem sich mehrere Frauen um eine Person kümmern und alle paar Wochen abwechseln", erläutert Satola im Gespräch mit der DW. "Die gesamte Organisation geschieht im Rahmen von ethnischen, meistens familiären, freundschaftlichen oder kollegialen Netzwerken." Kontakt zu den deutschen Familien bekämen die Frauen über Mundpropaganda.

Eine polnische Altenpflegerin füttert eine pflegebedürftige Frau (Foto: Carework)

In zehntausenden deutschen Familien betreuen osteuropäische Frauen rund um die Uhr alte und kranke Familienangehörige

Zwischen 900 und 1500 Euro verdient eine solche ausländische Pflegerin laut Satola im Monat, bei freier Kost und Logis. Eine 24-Stunden-Betreuung durch einen deutschen Pflegedienst könnten die meisten Familien nicht bezahlen. Das kostet zwischen 4800 und 10.000 Euro, auch weil die Betreuung wegen arbeitsrechtlicher Bestimmungen von mindestens zwei Personen übernommen werden muss. Die gesetzliche Pflegeversicherung rechnet für ambulante Pflegedienste jedoch maximal 1550 Euro, in besonderen Härtefällen bis zu 1918 Euro im Monat ab.

Große Nachfrage nach ausländischen Pflegekräften

Familien, die ihre pflegebedürftigen Angehörigen selbst zuhause versorgten, können sich von der Pflegeversicherung ein sogenanntes Pflegefeld von bis zu 700 Euro auszahlen lassen. Diese Regelung hat die Nachfrage nach ausländischen Haushaltshilfen seit der Einführung der Pflegeversicherung 1995 sprunghaft ansteigen lassen. Inzwischen gibt es dutzende private Vermittlungsagenturen, die ausländische Pflegekräfte legal an deutsche Haushalte vermitteln. Diese Agenturen arbeiten zumeist mit polnischen Partnern zusammen und berechnen Betreuungskosten zwischen 1400 und 2000 Euro, abhängig von der Qualifikation und den Sprachkenntnissen der Pflegekraft. Hinzu kommt zumeist noch eine Vermittlungsgebühr.

Screenshot der Internetseite Faire Mobilität (http://www.faire-mobilitaet.de)

Das Projekt "Faire Mobilität" des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) setzt sich für soziale und gerechte Arbeitsbedingungen für osteuropäische Arbeitnehmer in Deutschland ein

Auch diese Angebote bewegen sich oft in einer rechtlichen Grauzone. "Sehr oft ist es so, dass die Frauen die erforderlichen Unterlagen im Rahmen einer Arbeitnehmerentsendung nicht haben, insbesondere den Nachweis, dass sie im Ausland im Sozialversicherungssystem angemeldet sind", berichtet Nadja Kluge von ihrer Erfahrung als Beraterin im Projekt "Faire Mobilität". Diese Initiative des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) setzt sich für soziale und gerechte Arbeitsbedingungen für osteuropäische Arbeitnehmer in Deutschland ein.

"Ein weiteres Problem ist, dass diese Pflegekräfte im Haushalt der Betreuten wohnen und de facto 24 Stunden zur Verfügung stehen", erläutet Kluge im Gespräch mit der DW. Dies verstoße unter anderem gegen gesetzliche Bestimmungen, die für die Pflegebranche eine Obergrenze von 300 Arbeitsstunden im Monat vorschreibt. In der immensen, oft auch stark körperlichen Arbeitsbelastung und der ständigen Verfügbarkeit sieht auch die Soziologin Agnieszka Satola eines der Hauptprobleme. Zumal die Frauen, die sie ihm Rahmen ihrer Recherchen getroffen hat, selbst schon zwischen 50 und 60 Jahre alt waren.

Psychisch und physisch belastende Arbeit

"Das ist die Generation, die Opfer der staatlichen Transformation in Polen geworden ist", sagt Satola. Einige sind arbeitslos und finden keine Anstellung mehr, andere können von ihren geringen Renten in Polen nicht leben. Die meisten lassen Angehörige zurück, um in Deutschland das Geld für den Unterhalt ihrer Familien zu verdienen. In den Pflegehaushalten leben sie oft sehr isoliert, erzählt Satola. "Allen Frauen gemeinsam ist, dass sie oft wochen- oder monatelang alleine mit einer Person zusammenleben, mit der sie kaum kommunizieren können." Zum einen wegen mangelnder Sprachkenntnisse, zum anderen weil die Patienten zum Teil dement oder zu krank seien.

Pflegerin spricht mit einer alten Frau (Foto: DW/Anna Maciol)

24-Stunden-Pflege - vor allem auch emotionale Arbeit

In den Interviews hätten viele Frauen diese Situation als sehr belastend und einengend beschrieben. "Das hat unglaubliche Auswirkung auf die Psyche", so Satola. Trotzdem übernähmen die Pflegerinnen "die Verantwortung für die Gesamtproblematik der Lebenslage ihrer Klienten. Neben der Pflege und Haushaltstätigkeit ist das vor allem auch emotionale Arbeit, die diese Frauen leisten", sagt die Soziologin. Ein Phänomen sei, dass die Frauen durch die übertragene Verantwortung ganz hohe Erwartungen an sich selbst stellten. "Das konstituiert eine gewisse Arbeitsethik, mit der diese Frauen die Diskrepanz zwischen oftmals unakzeptabeln, ausbeuterischen Arbeitsbedingungen einerseits und der notwenigen und wertvollen Arbeit mit Menschen andererseits ausgleichen", hat Satola herausgefunden.

Die Soziologin kritisiert, dass die problematische Ausgangslage der ausländischen Pflegekräfte in Deutschland zu wenig thematisiert werde. Wie Nadja Kluge vom Projekt "Faire Mobilität" fordert sie bessere Kontrollen von Beschäftigungsverhältnissen in der häuslichen Pflege. Es müsse aber auch mehr Unterstützung für die Frauen geben, wie etwa medizinische und psychologische Schulungen, Sprachkurse sowie andere Organisationsformen in der häuslichen Pflege durch ausländische Helferinnen. "Ich habe in meiner Forschung ein Tandemsystem entdeckt, das heißt, zwei Frauen betreuen gemeinsam eine Person und wechseln sich regelmäßig ab.“ Ein Modell, das die Pflegerinnen zumindest physisch und psychisch entlasten würde.

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