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Kultur

"Die 120 Tage von Sodom" uraufgeführt

Regie-Berserker Johann Kresnik inszeniert die Sex- und Foltergeschichte "Die 120 Tage von Sodom" als Tanzstück: Die Berliner Uraufführung ging blutig und provozierend über die Bühne, ein Skandal blieb jedoch aus.

"Für Zuschauer unter 18 Jahren nicht geeignet": eine ungewöhnliche Warnung für ein Tanztheaterstück. Die Berliner Volksbühne gab vorsichtshalber gleich im Eingangsbereich zu erkennen, dass das neuste Stück von Altmeister Johann Kresnik (75) nichts für zarte Gemüter und schon gar nichts für Kinder ist. Mit Spannung wurde die Uraufführung des gewagten Stücks "Die 120 Tage von Sodom" erwartet. Als Vorlage diente der gleichnamigen Roman des berühmten Marquis de Sades von 1785 sowie die filmische Adaption von 1975 des italienischen Regisseurs Pier Paolo Pasolini.

Das gigantische Bühnenbild lieferte der österreichische Künstler Gottfried Helnwein: Bis unter die Decke stapelten sich in knallbunten Regalen Konsumprodukte mit Aufschriften wie "NSA", "BND", "Coca Cola" und "Nestlé". Auch das aktuellste Streitobjekt "TTIP" durfte natürlich nicht fehlen.

Der Regie-Berserker

Insgesamt 30 Tänzer setzen das Stück drastisch in Szene. Mit dabei, Startänzer Ismael Ivo (Artikelbild), der Kresnik auch bei der Ausarbeitung der Choreographie unterstützt hat. Das Stück hat eine wirre, politisch durchgequirlte Geschichte: ein Politiker, ein Militär, ein Richter und ein Bischof, die durch Erpressereien zu Geld und Macht gelangt sind, halten sich Sexsklaven, die sie erniedrigen und quälen. Kunstblut, nackte Leiber, Quälereien auf der Bühne - Kresnik und sein Texter Christoph Klimke scheuten keine Tabus, servierten das Ganze aber als knallharte Konsumkritik. "Heute ist die Politik ein einziger Supermarkt", hieß es so auch in dem Stück.

Doch lautstarke Proteste der Zuschauer blieben weitgehend aus. Nur wenige Besucher verließen geschockt den Raum, der Großteil des Publikums harrte bis zum Schluss der Uraufführung aus. Die Kritiker ließen allerdings kein gutes Haar an der skandalträchtigen Aufführung. Sie sei überfrachtet und in ihren Blutorgien nicht mehr zeitgemäß, schrieb der Theaterkritiker des RBB in Berlin: "Was beim Erscheinen von Pasolinis Film vor 40 Jahren noch einen riesigen Skandal auslöste und Aufführungsverbote nach sich zog, verpuffte hier trotz teils schwer zu ertragender Szenen als wohlfeile Kapitalismus-Kritik."

Mit seinen drastischen Inszenierungen gehört der Österreicher Johann Kresnik zu den Grenzgängern unter den Choreographen. Seine immer politisch ambitionierten Tanzstücke sind häufig zwischen Schauspiel, Ballett und abstrakten Tanzfiguren anzusiedeln. Knapp 100 Stücke hat Johann Kresnik in mehr als 50 Jahren auf die Bühne gebracht. Oft verarbeitet er Biografien politischer Persönlichkeiten (Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Rosa Luxemburg) oder großer Künstler, wie Picasso und Pasolini zu Tanzstücken. Bis heute lautet Kresniks Schlachtruf: "Ballett kann kämpfen, Ballett muss kämpfen!"

hm/as (dpa/rbb.de)